Na also: Made in Germany gilt wieder was - zumindest in der TV-Branche. In Hollywood sucht Warner einen amerikanischen Stefan Raab, um eine Adaption von 'Schlag den Raab' auf den Bildschirm zu bringen, in Frankreich bricht Lisa Plenske in 'Le destin de Lisa' mit Marktanteilen von bis zu 52,9 Prozent Rekorde, in Tschechien lacht sich ein Drittel der TV-Zuschauer über die 'Schillerstraße' schlapp, und Wigald Boning wurde im chinesischen 'Clever' eine astreine Mandarin-Synchro verpasst - die Sat.1-Wissensshow ist der Renner in China und Thailand. Kein Wunder, dass Jens Richter der Job als Geschäftsführer von SevenOne International gerade Spaß macht: Eine ganze Reihe Programme der ProSiebenSat.1-Sendergruppe, hierzulande nicht zwingend Selbstläufer, sind aktuell in über 100 Ländern zu sehen. Und dieser Erfolg, so der 'Chefverkäufer', komme allen zugute: 'Die Türen sind geöffnet für Fernsehproduktionen aus Deutschland', weiß Richter, zu dessen neueren Coups der Verkauf des Event-Movies 'Inferno - Flammen über Berlin' in rund 30 Länder gehört.
So sieht also ein Exportschlager aus: Stefan Raabs Show 'Schlag den Raab' wird von TV-Sendern in aller Herren Länder adaptiert. © ProSieben
Gemeinsam durchs Feuer gingen die Hauptdarsteller von 'Das Inferno - Flammen über Berlin': Stephan Luca (links), Silke Bodenbender und Christian Kahrmann. Der Katastrophenfilm wurde von SevenOne International bereits in 30 Länder verkauft. © ProSieben / Uwe Tölle
Über Zahlen spricht auch Richter nicht gerne, aber klar ist: Gerade die in den vergangenen zwei, drei Jahren stark aufgekommenen, meist sündteueren Events würden sich ohne den internationalen Verkauf kaum amortisieren. 2,07 Millionen Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren (18,6 Prozent Marktanteil) wollten am 21. Mai bei ProSieben sehen, wie sich der Berliner Fernsehturm in Flammen auflöste. Das sind ordentliche Zahlen, wenngleich sie beim Sender noch keine Jubelstimmung auslösen. Dass der in Litauen per nachgebautem Funkturm-Modell gedrehte Katastrophenfilm langfristig trotzdem ein Kassenknüller wird, hat eben auch mit Jens Richter zu tun. Im April schlug Richter auf der Branchenmesse MIPTV in Cannes mit rund 50 neuen Sendungen auf, und traf auf positive Resonanz.
Barbara Eligmann und Wigald Boning. harmonieren auch synchronisiert perfekt. Die Sat.1-Show 'Clever' läuft insbesondere in Asien gut. © Sat.1 / David Klammer
So rosig sah es nicht immer aus. Sieht man mal von einigen Ausnahmen wie 'Derrick' (ZDF) und später auch 'Kommissar Rex' (Sat.1) oder 'Alarm für Cobra 11' (RTL) sowie bei den Unterhaltungsformaten dem ZDF-Flaggschiff 'Wetten, dass ..?' ab. Hin und wieder, so Richter, habe er sich, gerade aus Frankreich oder Italien, Ländern, in denen Schauspieler seit jeher auch nach ästhetischen Aspekten ausgesucht werden, den Kommentar anhören müssen: 'Warum sind Eure Schauspieler eigentlich so unattraktiv?' Noch schwieriger sei es für die Comedy gewesen: 'Zwischen Humor und Deutschland ist international keinerlei Verbindung hergestellt worden', erklärt Richter, der sich noch gut an den ersten 'verheerenden Pitch' für die inzwischen international gerühmte und 15 mal ins Ausland verkaufte 'Schillerstraße' erinnert. 'Die Einkäufer wollten so was von uns nicht sehen!' Der absolute Tiefpunkt auf dem internationalen Produktionsmarkt sei mit den Anschlägen vom 11. September 2001 gekommen. 'Danach ging zwei Jahre lang nur sehr wenig, sowohl im Bereich Fiction als auch bei den Unterhaltungsformaten. Die Sender schalteten auf Sparflamme', erinnert sich der Geschäftsführer von SevenOne International.
'Die Französin hat uns sicher geholfen': Mélanie Doutey und Heino Ferch im Schliemann-Movie 'Der geheimnisvolle Schatz von Troja' (Sat.1). © Sat.1 / Stephan Rabold
Inzwischen habe der Markt wieder Fahrt aufgenommen, auf der MIPTV waren so viele Aussteller und Einkäufer wie nie. Richters Eindruck nach der wichtigsten Fachveranstaltung für den TV-Lizenzhandel: 'Es wird mehr investiert - auch weil die Werbemarktentwicklung in fast allen Ländern gut ist. Wir haben ein sehr gesundes Klima für Fernsehhandel. Deutsche Produktionen sind gefragt, wenngleich es immer noch harte Arbeit ist, ein Programm international beim richtigen Sender und auf dem richtigen Sendeplatz zu platzieren. Denn nur dann laufen die Programme auch im Ausland erfolgreich.'
Im Kielwasser der Event-Produktionen, wie sie Nico Hofmanns Produktionsfirma 'teamWorx' in den vergangenen Jahren immer wieder auf die Beine stellte, ist deutsche TV-Fiction stärker in den Blickwinkel internationaler Einkäufer gerückt. Mangels fertigem Material war die Großproduktion 'Inferno - Flammen über Berlin' in Cannes lediglich per Trailer vorgestellt worden. 'Trotzdem haben wir im Umfeld der Messe an rund 30 Länder verkauft', jubelt Richter. Dass ein solcher Erfolg auf 'Trailerbasis' möglich sei, hätte wohl kaum jemand bei ProSiebenSat.1 erwartet. Jetzt sind die Ziele entsprechend hoch gesteckt: Die teamWorx-Produktion 'Tornado - Der Zorn des Himmels', die 2006 ebenfalls bei ProSieben zu sehen war, ging seit ihrer Präsentation auf der Mipcom 2006 in über 100 Länder. 'Eine Zahl, die wir vielleicht mit 'Inferno' noch toppen können.' Warum diese Programme so gut ankommen, liegt für den SevenOne International-Mann auf der Hand: 'Das sind Produktionen, die auffallen. Modernes, hochwertiges Event-Fernsehen mit fesselnden Geschichten.'
'Le destin de Lisa' interessiert alle. Lisa Plenske fährt in Frankreich Top-Quoten ein. © Sat.1 / André Kowalski
Jens Richter ist überzeugt, dass das neue Standing auch an die moderne Technik gekoppelt ist. 'Das sind alles Produktionen, die man im Fernsehen überhaupt erst seit zwei, drei Jahren umsetzen kann. Vor fünf Jahren wäre so etwas schlicht zu teuer gewesen.' Was Computerrechenzeit angeht, sei man eben auf einem ganz anderen Stand: 'Deutsche Special-Effects und deutsche Post-Production haben heute international einen erstklassigen Ruf. Da sind wir wettbewerbsfähig mit amerikanischen Postproduktionshäusern.'
'Die Deutschen haben extrem aufgeschlossen', weiß Richter, vor allem weil sich die Machart der Event-Produktionen weiterentwickelt hat. Es ist zwar immer noch vieles historienorientiert, aber eben längst nicht mehr so klassisch erzählt wie früher. 'Der geheimnisvolle Schatz von Troja' sei ein 'wunderschönes Beispiel'. Der Zweiteiler mit Heino Ferch und Melanie Doutey ('Natürlich hat uns die Französin auf dem französischen Markt geholfen') sei in Spanien gut angekommen, laufe in Skandinavien und Osteuropa, sogar in Asien und Lateinamerika. Gerade lässt ProSieben in Thailand 'Die Schatzinsel' verfilmen. Warum nicht aus den ersten Drehtagen einen Trailer machen und nach Cannes mitnehmen, dachten sich die Seller von SevenOne International. Und die paar Sekunden ('die waren in der Anmutung wie eine Mischung aus 'Lost' und 'Apocalypto') genügten, so Richter, um das Publikum der MIPTV zu verzücken. 'Man braucht einen Anker in die Gegenwart. Den setzen wir mit der Story oder durch eine progressive Bildsprache und moderne Erzählweisen. Damit funktionieren dann auch klassische Stoffe wie Troja oder 'Die Schatzinsel.'
Dennoch: 'Der Wettbewerbsdruck ist groß', erklärt Richter. 'Es wird zwar wieder kräftig eingekauft, allerdings sehr selektiv, gefragt ist Qualität. Denn bei den Kunden läuft zu Hause auch 'CSI', 'Lost' und 'Desperate Housewives'. Da muss man reinpassen, wenn man erfolgreich sein will.' Kommt am Ende die nächste internationale Superserie gar aus Deutschland? 'Ich bin mir sicher, dass irgendwann eine neue deutsche Serie wieder richtig durchstarten wird. Die Sender arbeiten doch alle am nächsten Serienhit.' Im Moment regiere in der öffentlichen Wahrnehmung von Serien und nicht selten auch Spielfilmen eher das Prinzip vom Propheten im eigenen Lande: Die Sendungen schneiden eher mau ab, während sie im Ausland - siehe etwa das Sat.1-Actionformat 'GSG 9' - gut ankommen. Ähnlich ergehe es den Samstagabend-Movies von Sat.1. Der neueste Verkaufserfolg für SevenOne International wurde noch nicht gesendet: 'Manatu - Sag die Wahrheit' (mit Susanna Simon, Markus Knüffken), schlägt, so Richter, als 'eine Art Jumanji fürs Fernsehen', in die gleiche Kerbe wie zuvor schon 'Das Gespenst von Canterville' oder 'Das total verrückte Wunderauto'. Und es geht weiter: 'Loch Ness' ist momentan in Produktion, diverse Auslandsverkäufe werden gerade angeschoben. Der Markt stürze sich auf solche familienkompatiblen 'Lifeaction-Movies, verbunden mit einer Animationskomponente'. Und deutsche Produzenten könnten diesen Trend zurzeit besser bedienen als andere.
Apropos Trends: Die mehrfach totgesagte Event-Show ist gerade schwer im Kommen. 'Schlag den Raab' war in Deutschland mit teilweise 30 Prozent Marktanteil der erfolgreichste Neustart einer TV-Show seit über drei Jahren, und in Cannes gehörte das einzige Spiel-Format, in dem die Kandidaten gegen einen Moderator ranmüssen, zu den Top-Sellern. Man darf also gespannt sein, wie sie aussehen werden, die Raabs aus Rumänien, USA oder der Türkei ...
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