Kino Kritiken
Film Kritik: GG 19
Bitte trotzdem nachdenken
Von Andreas Fischer 25. Mai 2007, 08:43

Artikel 19 - Gewährleistung der Grundrechte: Ein Imbissbudenbesitzer (George Lenz, links) nimmt den Marathonlauf durch die Instanzen (als Richter Hans Peter Korff) in Angriff, um sein Geschäft weiterführen zu können. © NFP Filmwelt / Christoph Rau
Als formal ungewöhnliches Experiment setzt sich der Episodenfilm 'GG 19' mit den im Grundgesetz verankerten Grundrechten auseinander.
Es ist ein Mammutprojekt, ein Film, an dessen Entstehung mehr als 1.000 Menschen beteiligt waren. Sie schufen 'GG 19', einen Episodenfilm, dessen einzelne Teile sich mit den im ersten Teil des Grundgesetzes verankerten Grundrechten beschäftigen. Seit 1999 arbeitete der freie Theaterregisseur Harald Siebler daran. Sein Ziel: ein Deutschland-Film.

Das ist ihm, trotz der Unterstützung prominenter Schauspieler (unter anderem Alice Dwyer, Katharina Wackernagel, Karoline Eichhorn, Max Riemelt, Jürgen Vogel, Anna Thalbach, Justus von Dohnany) allerdings nur sehr bedingt gelungen.
Zunächst zu den positiven Aspekten des gut gemeinten, aber missglückten Experiments 'GG 19'. Die Idee hinter dem Film hat das Potenzial, zu zeigen, was los ist in diesem Land und seiner Gesellschaft. Und zwar mit einem facettenreichen Blick, der nur möglich ist, wenn so viele Meinungen und Ansichten in ein Gesamtkunstwerk einfließen können und müssen.

Das war hier der Fall: Aus 480 Drehbuch-Vorschlägen für die Episoden suchte eine Jury 19 aus. Die wurden dann von Nachwuchsregisseuren inszeniert. Das macht aus 'GG 19', einem Film über die Demokratie, gewissermaßen selbst so etwas wie eine Demokratie. Viele Leute arbeiten zusammen, um gemeinsam etwas zu schaffen. Jeder trägt einen Teil bei. Und zwar den, den sie oder er am besten beherrscht. Da könnte ja mal Schule machen.
Es wird sicherlich auch Schule machen, denn der erhobene Zeigefinger, der verkrampft didaktische Ansatz, das 'pädagogisch Wertvolle' - all das ist nicht zu übersehen.

'GG 19' wird vor tausenden Schulklassen im Sozial- und Staatsbürgerkundeunterricht eingesetzt werden. Als Illustration des Grundgesetzes durchaus berechtigt, als kritische und künstlerische Interpretation und Kritik allerdings kaum geeignet. Hier wurde sich nicht auseinandergesetzt mit dem Grundgesetz, es wurde einfach bebildert. Zumindest in den meisten der belanglosen, flachen, oberflächlichen Episoden.
Es gibt nur wenige Ausnahmen, die allerdings all die Möglichkeiten zeigen, die von 'GG 19' nicht genutzt wurden.

Zum Beispiel die kafkaeske Episode vom Mann, der auszog, die Gewährleistung der Grundrechte durchzusetzen (Artikel 19): In ein düsteres Labyrinth wird er da geschickt, ein Labyrinth ohne Ausweg, in dem irgendwann sogar Brigitte Zypries, die aktuelle Bundesjustizministerin, auftaucht. Am Ende bekommt er sein Recht, ist aber um einige Jahre gealtert und muss sich seine Existenz von vorne aufbauen.
Ansonsten sind die zähen Episoden meistens plakativ, immer zu ernsthaft und politisch korrekt, manchmal sogar richtig dumm. Wenn eine alte Dame alleine vor dem Reichstag protestiert und das Versammlungsrecht illustriert, ist das belanglos. Dem reichen Erbe, der sein Geld verprasst, weil er es laut Artikel 14 (Eigentum, Erbrecht und Enteignung) darf, fehlt es an Witz und Intelligenz. Richtig schlimm ist die Episode über das Asylrecht (Artikel 16: Ausbürgerung, Auslieferung - Asylrecht). Hier werden einfach eine Menge Klischees aneinandergereiht: Die Liebe zwischen einem deutschen Mann und einer illegalen afrikanischen Einwanderin wird von herzlosen Beamten zerstört. Und das sieht verdammt nach einem plump-intellektuellen Propagandafilm aus.
Die Leute zum Nachdenken anregen, das wollte Harald Siebler erreichen. Ein durchaus ehrenwertes Unterfangen, zumal das 1949 verabschiedete Grundgesetz als selbstverständlich hingenommen wird. Aber kaum jemand kennt die wichtigsten Artikel, die unser Zusammenleben regeln. Nur wenn der Innenminister mal wieder eine neue Abhör-Variante vorschlägt, regt sich kurz jemand darüber auf, dass damit doch ein Grundrecht außer Kraft gesetzt würde. Nur: Wie will man nachdenken, wenn einem die willkürlich aneinandergereihten Kurzfilme, die auch auf ästhetischem Niveau selten überzeugen, entweder die Denkrichtung vorgeben oder einfach keine klugen Geschichten erzählen?
'GG 19' ist eine verpasste Chance, das Thema wurde verfehlt. Trotzdem sollte der Film nicht totgeschwiegen, ignoriert oder belächelt werden. Es steckt eine Menge Arbeit darin und viel Enthusiasmus. Und das ist mehr, als die meisten Menschen je für ihre Grundrechte getan haben.
© 2007 teleschau - der mediendienst
Mehr über Jürgen Vogel
....mehr Mehr Artikel ...Mehr über Katharina Wackernagel
"Katharina Wackernagel" (* 15. Oktober 1978 in Freiburg im Breisgau) ist eine deutsche Schauspielerin. ....mehr- Wilsberg: Interne Affären (Spielfilm des Tages) - Sa. 19.05 - ZDF: 20.15 Uhr
- Die Mongolettes - Wir wollen rocken (Spielfilm des Tages) - Di. 10.04 - SAT.1: 20.15 Uhr





