TV Reportagen
Wenn Stammzellen Amok laufen
'Impossible Pictures' züchtet Frankensteins Monster im Reagenzglas
Von Ute Nardenbach 15. Jun 2007, 08:38

'Impossible Pictures'-Erfolgsproduzent Tim Haines liebt wilde Kreaturen. © BBC / ProSieben
Es lebt! Und es ist hungrig! Die Jogger in einem Londoner Park staunen und legen vorsichtshalber aber einen Zahn zu, als sie 'The Monster' Julian Bleach erblicken. Der Schauspieler steckt in einem Kostüm, mit dem er selbst in den Familien von E.T. oder Gollum unangenehm auffallen würde. Und da es zwischen drei und vier Stunden dauert, ihn erfolgreich in sein fleischfarbenes Outfit hineinzuzwängen, gedenken die Verantwortlichen von 'Impossible Pictures' auch nicht daran, den Ärmsten für die Mittagspause zu befreien.

Die Londoner Produktionsfirma dreht derzeit den TV-Film 'Frankenstein', eine besonders moderne Adaption des Mary-Shelley-Klassikers, in dem die Kreatur durch einen aus dem Ruder gelaufenen gentechnischen Versuch zum Leben erweckt wird. Zeitnah zum Gruselfest Halloween soll der Streifen dann im Programm von ProSieben ausgestrahlt werden.
Es ist ein weiterer Schritt in der Zusammenarbeit zwischen dem Münchner Sender und Erfolgsproduzent Tim Haines. Bereits die computeranimierten Doku-Epen 'Dinosaurier - Im Reich der Giganten', 'Die Erben der Saurier - Im Reich der Urzeit' und 'Im Reich der Urzeitmonster' konnten in der Vergangenheit hervorragende Quoten einfahren.

Auch die Serie 'Primeval - Rückkehr der Urzeitmonster' aus der 'Impossible Pictures'-Schmiede schlägt sich derzeit recht wacker im ProSieben-Mystery-Montag.
Nun will man es also mit einer Mischung aus bewegendem Drama und Horrorfilm versuchen, bei der es hochmodern zugeht und garantiert keine possierlichen Dinos durchs Bild laufen. Ganz auf furchteinflößende Kreaturen verzichten kann Tim Haines, seines Zeichens studierter Zoologe, freilich nicht. Diesmal hat man ein menschliches Gesicht derart entstellt, 'dass man sich bei seinem Anblick ziemliche Sorgen macht', wie der sympathische Haines prägnant zusammenfasst.

'Mich wundert es, dass noch keiner darauf gekommen ist', sagt Produzent Hugh Warren über die Idee, Mary Shelleys Geschichte ins 21. Jahrhundert, das Zeitalter der Gentechnik, zu verlegen. 'Es scheint so offensichtlich und knüpft hervorragend an die Ängste der Menschen an, ihrer Furcht vor einer Wissenschaft außer Kontrolle.' Der 'Frankenstein'-Mythos sei einfach in jeder Epoche in irgendeiner Form anwendbar, fügt Haines hinzu.
Außerdem lässt er reichlich Spielraum für Eigeninterpretationen und Zugeständnisse an heutige Sehgewohnheiten.

Denn, wie sich das wohl für eine moderne Wissenschaftsmär gehört, steht in dieser Produktion nicht Victor, sondern Victoria im Labor. Auch die Schöpfung des Monsters ist nicht auf das übergroße Ego eines 'mad scientist', der Gott spielen will, zurückzuführen, sondern vielmehr das Resultat eines mächtig daneben gegangenen Versuchs, mit dem Victoria Frankenstein (verkörpert von Helen McCrory, 'The Queen') das Leben ihres todkranken Sohnes retten wollte. 'In einem modernen Drama braucht man einfach einen Protagonisten, mit dem sich das Publikum identifizieren kann', sagt Regisseur und Drehbuchautor Jed Mercurio ('Bodies'). 'Victor Frankenstein war vielmehr ein Bösewicht als ein Held.'
Während im Film aus herangezüchteten Organen - Frankensteins Kind leidet unter multiplem Organversagen - durch eine Verkettung unglücklicher Umstände plötzlich ein Organismus entsteht, gestaltet sich die Kreation der Kreatur in der Realität freilich etwas schwieriger und vor allem zeitaufwändiger. Etwa ein Dutzend Special-Effects- und Animationsspezialisten sind Julian Bleach stets auf den Fersen, um das Monster möglichst eindrucksvoll in Szene zu setzen und am Set alle nötigen Informationen für die Nachbearbeitung zu sammeln.
'Die Gesichtsmaske des Monsters wird aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen', erklärt Will Rockall, Leiter des Teams für visuelle Effekte. 'Mit den Daten erstellt man dann ein Computermodell.' In der Postproduktion kann Bleachs statischer Maske schließlich durch computergenerierte Mimik, für die unter anderem Frankensteins Film-Sohn William (Matthew Rault-Smith) Pate stand, mehr Leben eingehaucht werden. Zudem spielt sich die Handlung des Films zwar in der nahen Zukunft ab, jedoch nach einem Vulkanausbruch, der den Himmel verdüstert und roten Regen auf die Schauspieler prasseln lässt.
Ein ganz schöner technischer Aufwand, der einen großen Batzen des ohnehin knappen TV-Gesamtbudgets verschlingt. 'Das hier ist nicht Hollywood. Wir haben keine Eimer voller Geld', lacht Tim Haines, dem dieser Umstand den Spaß an der Sache nicht zu vermiesen scheint. Auch Produzent Warren gibt sich zuversichtlich, obwohl die Nachbearbeitung mit zwei Monaten doppelt so lange wie normal dauern wird: 'Alles eine Frage der richtigen Planung. Und so locker wie Jed da auf seinem Stuhl sitzt, sind wir wohl noch gut in der Zeit', erklärt er schmunzelnd mit Blick auf seinen Regisseur.
Von dem Umstand, dass der englische Fernsehsender ITV das Endprodukt Anfang September erwartet, scheint sich Jed Mercurio, ein echter Streber, wie Tim Haines augenzwinkernd verrät, tatsächlich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Der Regisseur und Drehbuchautor, der zusätzlich eine Piloten- und Arztausbildung vorweisen kann, hat kurzerhand auch die medizinisch-technische Einweisung am Set übernommen. 'Ja, wir haben unsere eigene kleine Stammzellenforschung betrieben', lacht Schauspieler James Purefoy ('Rom', 'Vanity Vair'), der den Ex-Ehemann von Frau Frankenstein verkörpert. 'So ist das eben bei Schauspielern. Wir wissen herzlich wenig über schrecklich viel.' Zum Thema Gentechnik hat Purefoy jedoch eine klare Meinung: 'Ich bin ein liberaler Schauspieler. Wenn du jemandem durch Stammzellenforschung helfen kannst, dann solltest du das auch tun.' Der Film schlage sich aber nicht auf irgendeine Seite. 'Ich kann mir schon vorstellen, dass die Thematik ein gefundenes Fressen für Journalisten ist', sagt er. 'Aber 'Frankenstein' ist schlicht und ergreifend Unterhaltungsfernsehen und sollte nicht in den Gentechnik-Diskurs aufgenommen werden. Währenddessen hat sich auch das Monster selbst zu einem Interview überreden lassen. Wenn auch widerwillig, denn Bleach hat sich inzwischen sehr mit diesem arg gebeutelten, von der Menschheit unverstandenen Geschöpf identifiziert und möchte nicht zu viel von dessen 'Mysterium' preisgeben. Von den verwunderten bis angewiderten Blicken, die er auf sich zieht, merke er in seinem Gefängnis aus Maskenteilen nicht viel. Er wisse ja selbst nicht einmal genau, wie er aussieht. Dass ihm die Leute während eines Gesprächs stets in die falschen, wenngleich täuschend echten Monster-Augen schauen anstatt in die verschwindend kleinen Gucklöcher der Maske, kommentiert das geschundene Wesen mit einem Seufzer: 'Ach, bei meinen Augen, da verpasst man nicht viel.' Wer hat gesagt, dass es leicht sei, ein Monster zu sein ...
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Kommentiere diesen ArtikelSie kamen, sahen und hauten keinen um
5. Aug 2007, 08:59
Römer, deren Leben nur aus Kampf oder Beischlaf zu bestehen scheint, können das Fernsehpublikum hierzulande nicht so wirklich begeistern. Mit 1,88 und 2,07 Millionen Zuschauern (Marktanteil in der Zielgruppe um neun Prozent) lief die erste Doppelfolge der Sandalen-Seifenoper 'Rom' am 8. Juli recht passabel bei RTL II an. Mehr als durchschnittlich 1,45 Millionen schalteten seitdem aber nie wieder ein. ... mehrRom - 29.07.2007 20:15 - RTL II
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8. Jul 2007, 20:15
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8. Jul 2007, 20:15
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29. Jun 2007, 12:29
Zunächst war an RTL gedacht, das 'Rom' ausstrahlen sollte. Doch dann entschied sich die Senderfamilie anders. Durchaus überraschend. So kommt es nun, dass RTL II die Chance bekommt, die bisher aufwendigste und teuerste TV-Produktion überhaupt zu zeigen. ... mehr







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