Kino Kritiken
Film Kritik: Ein Freund von mir
Seltsame Mannsbilder
Von Eric Leimann 20. Okt 2006, 08:41

Zu Karls (Daniel Brühl) neuen Lebenserfahrungen gehört auch die Fahrt in einem Porsche ... nackt. © X Verleih AG
Regisseur Sebastian Schipper ('Absolute Giganten') erzählt die Geschichte zweier ungleicher Freunde. Daniel Brühl und Jürgen Vogel treffen sich in dem atmosphärisch dichten Buddy-Film erstmals vor der Kamera.
Warum ist der gefeierte junge Mann im feinen Zwirn so traurig? In der ersten Szene erhält Karl (Daniel Brühl) vor großem Auditorium den 'Bogenschützen' - einen fiktiven Preis, den die Versicherungsbranche demjenigen übergibt, der sich das beste Produkt des Jahres ausgedacht hat.

Doch der Mathematiker Karl, seltsam apathische Nachwuchsführungskraft, thronend in einem dem Todesstern aus 'Krieg der Sterne' nicht unähnlichen schwarzen Hochhausmonolithen, kann den Triumph nicht genießen. Selbst nach der Verleihung sieht man in der Disco immer nur die anderen lachen. Das Leben scheint an Karl einfach abzuperlen.
Dieses Manko fällt auch Karls Chef auf, der den sozial inkompetenten Jungmanager mit einer Undercover-Recherche bei einer Autovermietung wachrütteln möchte. Dort lernt Karl den naiv-verrückten Draufgänger Hans (Jürgen Vogel) kennen.

Der notorisch gut gelaunte Kleinverdiener fordert Karl mit irren Streichen und provokanten Fragen wie 'Bist du glücklich?' heraus. Langsam entsteht eine seltsame Freundschaft zwischen den ungleichen Männern.
Die wird jedoch bald auf eine harte Probe gestellt. Karl verliebt sich in Hans' Freundin Stelle (Sabine Timoteo). Merkwürdig ist allerdings, wie Hans auf das zart keimende Gefühl zwischen Stelle und Karl reagiert. Es scheint ihn eher zu amüsieren, ihn aber keineswegs in seiner Lebenslust einzuschränken. Ein wahrhaft seltsamer Freund ...

'Ein Freund von mir' - der lang erwartete zweite Film von Schauspieler und Regisseur Sebastian Schipper ('Absolute Giganten'), produziert von Tom Tykwer und Maria Köpf - hat viele Qualitäten. Zunächst ist die postmoderne 'Jules und Jim'-Variation ein, von der Handlung her, eher 'kleiner' Film, der aber sowohl optische als auch schauspielerische Größe aufweist. Deklariert ist er als Komödie, kommt aber dennoch mit einem deutlich düsteren Unterton daher. Lange rätselt man, welches Lebensgefühl hier transportiert werden soll. Diese Ambiguität macht durchaus Laune, ja sie ist spannend. In der Unberechenbarkeit der Handlung liegt der Zauber dieses toll fotografierten und musikalischen grandios ausgestatteten Films.
Ein Film über Freundschaft, aber kein Buddy-Movie. Eine melancholische Komödie, die jedoch nicht tragikomisch wirkt. Kein schwarzer Humor, keine Skurrilitäten-Show. 'Ein Freund von mir' ist ein Film mit einer merkwürdigen kleinen Geschichte, die in toller Manier inszeniert wurde, ohne dabei ausgetretene Genre-Pfade zu bemühen. Wie Jürgen Vogel, Daniel Brühl und Sabine Timoteo ihre Szenen abliefern und ihre Figuren sämtlich im geheimnisvollen Halbdunkel unerklärter biografischer Hintergründe lassen, das ist fast wichtiger als das, was tatsächlich in dieser Story passiert.
Ob man den schwersten leichten Film des Jahres also lieben wird, hängt davon ab, ob man sich auf diese Atmosphäre einlassen kann. Wer böswillig ist, könnte herumkritteln, dass hier wenig geschieht und die Geschichte trivial ausfällt. Doch was wäre das für eine sinnlose Kritik? Sebastian Schippers gefeierter Erstling 'Absolute Giganten' handelt von der letzten Nacht dreier Freunde, bevor einer von ihnen die Stadt verlässt. Sein neues Werk erzählt ebenfalls von einer Männerfreundschaft. In keiner engen menschlichen Beziehung ist der direkte Nutzen für die Beteiligten so wenig greifbar wie dort - so sagt es der Regisseur selbst. Wenn wir Glück haben, erforscht Sebastian Schipper seine komplexen, intelligenten Männerfiguren noch in weiteren Filmen. Wer sein Thema so herrlich variiert, darf gerne wiederkommen.
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