Das Gespräch hat noch gar nicht richtig angefangen, da hat Peter Sommer schon das Kunststück fertiggebracht, die Namen Muddy Waters und Linkin Park in ein und demselben Satz unterzubringen. Der Bluesgott und die Rapcore-Truppe aus L.A. sollten in einem kleinen Film über den 'Rockpalast' am besten mit einem 'harten Schnitt' direkt aneinandergereiht werden, erklärt der Rock-Redakteur des WDR-Fernsehens einem Kollegen. 'Ja, so sind wir hier', lacht Sommer dann: 'Wir machen große Schritte und schlagen weite Brücken. Alles kein Problem.
'Wir tranken, tanzten und diskutierten über die Bands. Insgeheim hatte jeder das Gefühl, Teil einer großen Gemeinschaft von Gleichgesinnten zu sein': Peter Sommer war einst ein großer Fan des 'Rockpalasts', seit 2003 ist er für das Traditionsformat des WDR-Fernsehens als Redakteur verantwortlich. © Reinhard Näkel
Will mehr Rock'n'Roll ins Fernsehen bringen: Peter Sommer träumt davon, mit dem 'Rockpalast' wieder ins Erste Programm der ARD zurückkehren zu können. © Reinhard Näkel
' Klar, hier geht es um Rock'n'Roll, um 30 Jahre 'Rockpalast' - und um eine vielleicht doch nicht vom Aussterben bedrohte Art: das Musikfernsehen.
Sommer betont, was er gar nicht betonen muss: 'Wir richten uns mit unserem Programm nicht nur an die Altrocker, sondern auch an die Jungen. Der 'Rockpalast' ist aktuell - das war er schon immer!' Der 49-jährige Regisseur und TV-Redakteur, der 2003 beim WDR das schwere Erbe von 'Rockpalast'-Chef Peter Rüchel, einer Ikone des Musikfernsehens, antrat, ist guter Dinge. Nicht nur der anstehenden Jubiläumsfeierlichkeiten wegen, sondern auch, weil er als Musik-TV-Macher in diesen Tagen durchaus optimistisch in die Zukunft schauen kann.
30 Jahre Rockpalast: Am Samstag, 21. Juli, wird im WDR-Fernsehen 'Die erste Rockpalast-Nacht' wiederholt, eine Aufzeichnung aus der Grugahalle Essen vom 23. Juli 1977. Los geht's um 23.30 Uhr. Mit dabei: Rory Gallagher. © WDR / Manfred Becker
Visionär spricht er gar von einer Rückkehr der traditionsreichen Marke ins Hauptprogramm der ARD. Es wird nicht lamentiert, es wird wieder geträumt unter den Rock'n'Rollern des Fernsehens.
Dennoch: Wenn ein Jubiläum ins Haus steht, muss an die Historie erinnert werden, was in diesem Fall sicher heißt: an bessere Zeiten. Am 23. Juli 1977 eröffnete Rory Gallagher die erste 'Rocknacht' des WDR. Rock aus der Grugahalle Essen, und das Ganze gleich nach dem 'Wort zum Sonntag' live im Ersten - damals traute sich das Fernsehen was. Und die 'Rocknacht' funktionierte prächtig. 'Rockpalast' gucken wurde zu einer Art Partyevent.
Der 'Rockpalast' ist keine Sendung von gestern, sondern in der aktuellen Szene verhaftet: Sänger Gerard Way von der Gruppe My Chemical Romance (am Sonntag, 29.7., 00.15 Uhr, wird der Gig vom 'Rock am Ring' 2007 im WDR-Fernsehen gezeigt.) © WDR / Rainer Leigraf
Heute sind jene magischen Momente der großen Rock-Nächte nurmehr eine exklusive Jugenderinnerung der Übervierzigjährigen.
Auch Peter Sommer erinnert sich durchaus bewegt an seine Teenager-Zeit: 'Ich kenne das von Anfang an als Fan. Ich war um die 17 und spielte Gitarre in einer Rockband ...', hebt er an. 'Von der ersten Rocknacht an mit Rory Gallagher, Little Feat und Roger McGuinn organisierte ich im Hobbykeller Partys. Wir tranken, tanzten und diskutierten über die Bands. Insgeheim hatte jeder das Gefühl, Teil einer großen Gemeinschaft von Gleichgesinnten zu sein.' Das Großartige am 'Rockpalast', sagt Sommer, war die Tatsache, dass der Zuschauer immer etwas Neues entdecken konnte. 'Danach ist man losgezogen und hat sich Platten gekauft.' Die letzte 'Rocknacht' wurde am 16. März 1986 zelebriert, und vieles hat sich verändert seither: Die Fernsehlandschaft ist eine andere.
Der 'Rockpalast' findet in dieser Form zwar schon lange nicht mehr statt, ist aber noch (sonntags und zurzeit auch samstags) fest im Dritten Programm des WDR verankert. Die klar formatierten Aufzeichnungen und Mitschnitte, manchmal mit Interviews oder Doku-Elementen angereichert, können sich qualitativ sehen lassen, der 'Rockpalast' ist eine der letzten Bastionen des Musikfernsehens. Aber Maßstäbe setzen und zur Prägung einer ganzen Generation von Rockfans beitragen, das vermag die Sendung nicht mehr. Sommer widerspricht nicht. 'Wenn ich Vergleiche zu meiner Zeit ziehe', pflichtet er bei, 'dann denke ich mir ohnehin oft: 'Menschenskind, was für eine bescheidene Jugend ist das heute.' Wir hatten damals das Gefühl, etwas Einzigartiges zu erleben. Es war ja auch etwas originär vom 'Rockpalast' Hergestelltes.'
Über die Gründe für den recht radikalen Wandel, den das Musikfernsehen erfuhr, könnte man ganze Bücher vollschreiben. Dabei ist es einfach: MTV und VIVA kamen. Das Clipfernsehen hielt Einzug. Fakt ist, sagt auch Sommer: 'Wo es früher drei Programme gab, hat man heute 30 oder mehr.' Mit der Konsequenz, dass auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen das Phänomen des Quotendrucks entdeckte. Dazu kommt, so Sommer, beim WDR seit 2003 als verantwortlicher Redakteur Rockpalast / Jazzline beschäftigt, dass sich auch das Verhalten der Rezipienten verändert habe: 'Wo eine unendliche Möglichkeit der Beschäftigung besteht, wo sich jeder alles irgendwo herunterladen kann, wo man alles Mögliche im Fernsehen sehen kann, fehlt den Menschen vor allem eines: die Zeit. - Auch für eine Sendung mit mehrstündigen Live-Konzerten.' Dass der Sender eigene große Konzerte veranstaltet, sei ohnehin nicht mehr drin. 'Die frühen Festivals auf der Loreley oder in der Grugahalle waren Eigengewächse des WDR. Solche Veranstaltungen sind aus Kostengründen schon lange nicht mehr finanzierbar. Wir brauchen Partner, die gute Musik veranstalten.'
Der geborene Gummersbacher kämpft von seinem ersten Tag beim 'Rockpalast' an für den Erfolg. 2003, als Sommer anfing, sei das Format kaum mehr in der öffentlichen Wahrnehmung gewesen. Der 'Rockpalast' war damals nur 60 Minuten pro Woche auf Sendung. Und 'die meistgestellte Frage lautete: 'Gibt's den 'Rockpalast' eigentlich noch?' Ein Marketingproblem. 'Aber es gibt noch genügend Menschen, Fans, die nach Musik hungern, denen es etwas bedeutet, neue Bands zu entdecken.' Und dann kommt ein Satz, der auch vom großen Peter Rüchel hätte stammen können: 'Rockmusik ist Ausdruck eines Lebensgefühls!' Dabei sei es vollkommen egal, wie alt die Zuschauer sind: 'Die alten Fans, die uns die Treue über Jahrzehnte gehalten haben nicht zu enttäuschen und trotzdem junge Fans zu gewinnen, darum muss es gehen.'
Und es ging zuletzt immer ein bisschen besser. Neben dem Regeltermin in der Nacht zum Montag spendierten die Programmplaner dem 'Rockpalast' im Jubiläumssommer auch Sendezeit am Samstag. Peter Sommer freut sich, dass beim WDR anerkannt werde, wie wichtig solche Programmmarken sind. Die Frage nach dem besten Sendeplatz entpuppt sich dabei als durchaus schwierig: 'Wir wollten immer zurück zum Samstag, jetzt stellen wir fest, dass die Quoten am Sonntag besser sind. Samstagnacht sind die Leute heute auf der Rolle - anders als früher.' Bewährt hat sich die Zusammenarbeit bei 'Rock am Ring' mit MTV, von der beide Sender profitieren. Von ihrem Engagement bei solchen mitveranstalteten Konzerten abgesehen, haben heute aber weder MTV noch VIVA großes Konzertkino im Repertoire. Auch die Clipshows abseits werden rarer und rarer - das Internet macht Druck und der allgemeine Umbruch in der von Sparzwängen getriebenen Musikindustrie. Eine bedenkliche Entwicklung für alle, die an guter Musik im Fernsehen interessiert sind. Aber: Wenn bei VIVA oder MTV Klingelwerbung und Dokusoaps laufen, ist dies gar keine so schlechte Stunde für ein Format wie den 'Rockpalast', der inzwischen - jedenfalls über weite Strecken - getrost als das letzte ernst zu nehmende Stück Musikfernsehen betrachtet werden kann. Entsprechend offensiv geht man in Köln die Sache an. Peter Sommer setzte auf Vielfalt, das Angebot wurde breiter und qualitativ wie technisch hochwertiger. Gab es im Jahr 2002 gerade mal neun Veranstaltungen, bei denen der 'Rockpalast' mitmischte, so waren es 2006 schon 26.
Sommer will mehr. Schließlich ist das Zielgruppenproblem der ARD bekannt. Es müssen junge Zuschauer her, und welches Format käme dafür besser in Frage als der 'Rockpalast', bei dem ja nicht nur Rock-Dinos, sondern reihenweise auch junge Combos von Linkin Park über Wir sind Helden bis zu My Chemical Romance zu sehen sind. 'Ich bin mir ziemlich sicher, dass der richtige Mix auch im ARD-Programm funktionieren würde', sagt der WDR-Redakteur. Das Potenzial ist vorhanden: Als die 'Rockpalast'-Redaktion im Juni das Rostocker Event 'Deine Stimme gegen Armut' für die ARD (Titel: 'Grönemeyers Rockgipfel ') übertrug, schalteten am Vorabend rund 1,3 Millionen Zuschauer ein. 'Wir hatten hausintern ein Riesenfeedback. Die ARD war begeistert', so Sommer. War das der Anfang vom Ende des Schattendaseins der Traditionsmarke 'Rockpalast'? Peter Sommer spricht defensiv von 'kleinen Schritten'. Und von einem 'großen Traum' ...('German Television proudly presents: 30 Jahre Rockpalast', lautet der Titel einer Dokumentation von Florian Mielke und Lothar Schröder, die am Montag, 23.07., 23.15 Uhr, im WDR-Fernsehen läuft. Am Samstag, 21.07., steigt im Kölner 'Underground' die Jubiläumsparty, ab 23.45 Uhr können die Gäste auf Leinwand die erste Rocknacht verfolgen, die der WDR zeitgleich im Fernsehen zeigt.)© 2007 teleschau - der mediendienst
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Was hat das mit gerard way zu tun
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