Musik Reportagen


Dashboard Confessional - Ehrlich egoistisch

Chris Carrabba veröffentlicht im August endlich eine neue Platte - inklusive dem Duett mit Eva von Juli

Von Julia Schöppner 27. Jul 2007, 08:56

Chris Carrabba ist Dashboard Confessional und veröffentlicht nun sein neues Album 'Dusk And Summer'. © Universal Music

Chris Carrabba ist Dashboard Confessional und veröffentlicht nun sein neues Album 'Dusk And Summer'. © Universal Music

Ob Chris Carrabba seine auffälligen Tattoos an beiden Armen nur hat, um kräftiger und härter zu wirken? Hätte er ein langes Oberteil an und man wüsste nicht um seine Armkunst, man würde es ihm nicht abnehmen. Der Frontmann und Gründer der US-amerikanischen Emo-Rock-Band Dashboard Confessional wirkt schon alleine durch seine schmächtige Körpergröße zerbrechlich, seine Stimme ist unverkennbar, die Gesichtszüge sind sanft. Wie wunderbar passt dieser herzliche 32-Jährige deshalb auch zur Frontfrau von Juli, Eva Briegel! Ihr Duett 'Stolen' - ein Traum! Das komplette Album 'Dusk And Summer' (VÖ: 10.08.) - eine Wucht!

Armlang tätowiert und trotzdem ein ganz Lieber: Chris Carrabba. © Universal Music

Armlang tätowiert und trotzdem ein ganz Lieber: Chris Carrabba. © Universal Music

Doch es war Zufall, dass die beiden Musiker, die sich zuvor nie gesehen hatten, überhaupt zusammen ein Lied aufnahmen. Und Chris Carrabba schwärmt. Von Eva, seinen Fans und der deutschen Musik.

teleschau: Chris, wo Du schon mal hier bist - wie sieht's mit Deinen Deutschkenntnissen aus?

Chris Carrabba: Ich gebe mir noch zwei Jahre, dann werde ich endlich Hallo sagen können. Gut, einen Satz kann ich. Moment. Es ist so etwas wie: Hast Du mal 'ne Kippe?

teleschau: Ein bravouröser Anfang ... Immerhin wird sich Dein Bekanntheitsgrad in Deutschland noch einmal schlagartig steigern - mit der Single 'Stolen'. Du hast Dir für das neue Album aber viel Zeit gelassen!

Chris Carrabba ist ein fleißiges Kerlchen: 250 bis 300 Tage tourt er im Jahr - hauptsächlich in Amerika, wo er riesige Hallen füllt. © Universal Music

Chris Carrabba ist ein fleißiges Kerlchen: 250 bis 300 Tage tourt er im Jahr - hauptsächlich in Amerika, wo er riesige Hallen füllt. © Universal Music

Carrabba: Mir kam das gar nicht so lange vor, weil ich zwischendurch natürlich trotzdem ziemlich beschäftigt war. Ich nahm eine Platte mit R.E.M. und den 'Spider-Man 2'-Song 'Vindicated' auf, und legte eine riesengroße Tour hin. 250 bis 300 Tage im Jahr. Die Fans flehten mich irgendwann an, endlich wieder eine Platte herauszubringen. Eigentlich zu Recht: 'A Mark, A Mission, A Brand, A Scar' kam 2003 auf den Markt, das ist 'ne Weile her. Oh mein Gott: vier Jahre, um genau zu sein!

teleschau: Dein Album 'Dusk And Summer' wurde in Amerika schon vor einem Jahr veröffentlicht. Nun kommt es endlich auch in Deutschland. Warum dieser Abstand?

Dashboard Confessional: Das ist Chris Carrabba und Band, die aber erst 2003 als Unterstützung dazu kam. © Universal Music

Dashboard Confessional: Das ist Chris Carrabba und Band, die aber erst 2003 als Unterstützung dazu kam. © Universal Music

Carrabba: Das hat die Plattenfirma entschieden. Aber um ehrlich zu sein, gab es da ein zeitliches Problem. Ich hätte zur Veröffentlichung in Deutschland sein sollen und auch wollen, aber ich kann ja schlecht in Amerika und Deutschland gleichzeitig Promotion machen. Ganz egoistisch zog ich natürlich meine Heimat vor. Aber nun bin hich hier!

teleschau: Es war also nicht von langer Hand geplant, mit Eva Briegel, der Sängerin von Juli, einen Song aufzunehmen?

Carrabba: Nein, überhaupt nicht. Das war reiner Zufall.

Ich kann nur aus einem sehr egoistischen Grund Musik machen: für mich, gibt Chris Carrabba zu. © Universal Music

'Ich kann nur aus einem sehr egoistischen Grund Musik machen: für mich', gibt Chris Carrabba zu. © Universal Music

Ich wollte zwar die Single 'Stolen', die in Amerika längst released wurde, immer gerne im Duett singen, aber ich wusste nicht so recht mit wem, auch wenn ich ein paar Sängerinnen im Hinterkopf hatte. Ich mache das grundsätzlich gerne: alte Songs von mir ganz neu überarbeiten und sie nochmals auf das nächste Album packen. Das mag für meine Hörer vielleicht etwas verwirrend sein, aber für mich ist das wahnsinnig interessant. Also fragte ich Freunde von der Plattenfirma, ob sie nicht einen Duettpartner für mich wüssten, und die erste Sängerin, die sie mir präsentierten, war Eva!

Chris Carrabba - Head von Dashboard Confessional - nahm zusammen mit Eva Briegel von Juli die Single Stolen auf und verliebte sich ein bisschen in sie. © Universal Music

Chris Carrabba - Head von Dashboard Confessional - nahm zusammen mit Eva Briegel von Juli die Single 'Stolen' auf und verliebte sich ein bisschen in sie. © Universal Music

Ich konnte ihre Texte zwar nicht verstehen, aber ich mochte ihre Stimme und die Arrangements von Juli auf Anhieb.

teleschau: So ist das wunderbare PR für beide ...

Carrabba: Natürlich verkauft sich eine Platte mit namhaftem Support besser, aber das ist nicht mein oberstes Ziel. Und ganz ehrlich: Ich wusste vorher nicht, dass Juli in Deutschland so berühmt sind! Ich wusste nur, dass sie aus Deutschland kommen. Ich hätte nie daran gedacht, dass ich eine derart kräftige Verstärkung erhalten würde. Hätte man mir zuvor gesagt, dass Juli eine der erfolgreichsten deutschen Bands ist, dann hätte ich wahrscheinlich abgelehnt - aus Schüchternheit! Aber nun bin ich glücklich, dass ich mich dafür entschieden habe.

teleschau: Kam Eva zu Dir nach Amerika, um 'Stolen' aufzunehmen?

Carrabba: Nein, wir sangen das Lied in unterschiedlichen Ländern ein - beide in unserer Heimat. Und obwohl wir uns vorher nie getroffen hatten, sondern immer nur telefonisch Kontakt hatten, klingt 'Stolen' romantisch. Und ich habe mich ein bisschen in Eva verliebt, als ich sie schließlich das erste Mal sah: Sie ist so hübsch!

teleschau: Eigentlich sollte es solche amerikanisch-deutschen Duette viel öfter geben ...

Carrabba: Das sehe ich genauso. Ich hatte großen Spaß daran und könnte mir gut vorstellen, nun auch mit anderen deutschen, spanischen, finnischen, italienischen Bands zusammenzuarbeiten. So wie ich es häufig mit amerikanischen Kollegen mache: Ich liebe diese musikalischen Gemeinschaftsarbeiten für Alben - mit Michael Stipe zum Beispiel. Und Counting-Crows-Sänger Adam Duritz etwa singt auf 'Dusk And Summer' mit ('So Long, So Long', d. Red.). Das Share-Prinzip gibt es sonst in Amerika nicht sehr häufig. Außer vielleicht im HipHop-Business.

teleschau: Welche deutschen Bands kanntest Du, bevor Du mit Juli zusammengearbeitet hast?

Carrabba: Es erreichten bislang ja nur wenige deutsche Gruppen die USA. Ich kenne zum Beispiel Kraftwerk. Ich liebe Kraftwerk. Denn ich habe ein Faible für Synthie-Pop. Nena, Scorpions und Rammstein sagen mir auch etwas.

teleschau: Die üblichen Verdächtigen also ...

Carrabba: Von Rammstein ist es auch nur ein Lied: 'Du hast'. Das kennt jeder bei uns. Jeder! Der Erfolg liegt sicher an dieser verrückten Kombination: tanzbarer Metal.

teleschau: Und nun bist Du auch Fan der deutschen Pop-Musik?

Carrabba: Oh ja! Als ich die euphorische Menschenmenge bei der Campus Invasion beobachtete, habe ich verstanden, dass Musik ein universelles Gefühl ist, egal, in welcher Sprache gesungen wird. Ich bin übrigens beeindruckt, dass ihr Deutschen kein Problem damit habt, englische oder allgemein anderssprachliche Lieder zu hören. Da wären wir Amerikaner sicher viel unentspannter.

teleschau: Im Vergleich zu Deiner frühen Karriere, als Du hauptsächlich mit der Akustikgitarre unterwegs warst, ist 'Dusk And Summer' wie der Vorgänger wieder sehr rockig.

Carrabba: Es fällt mir schwer, E-Gitarren zu widerstehen. Es macht einfach zu großen Spaß. Dieser volle Sound, toll! Als ich das allererste Dashboard-Album aufnahm, war das richtig hart und krude, fast Hardcore. Danach kam das Songwriter-Ding. Nun ist meine Musik eine Mischung aus beidem - die Stile trafen sich in der Mitte. Während aber bei 'A Mark, A Mission ...' noch die nervöse Rohheit Ausgangspunkt war, wollte ich nun ein durchdachteres, feineres Album machen. Damit meine ich aber nicht langweiliger! Kleine Details waren mir einfach wichtiger.

teleschau: Deine Fans haben es nicht einfach: Sie müssen sich immer wieder auf neuen Sound einstellen ...

Carrabba: Auch wenn man einst eine Akustikband war, heißt das für mich nicht, dass man für immer eine bleiben muss. Das wäre für mich wie eine dringende Rettungsaktion kurz vor dem Scheitern. Ich sage immer, dass man diese Richtlinien abschaffen muss, die man sich selbst anordnet. Die verschlucken dich nämlich irgendwann. Ich glaube, dass Du schon recht hast, dass es viele Fans gibt, die den ständigen Wechsel nicht mitmachen. Aber die meisten Hörer erlauben uns, geben uns quasi die Freiheit, zu spielen, worauf wir Lust haben. Sie merken einfach, dass es uns nicht wichtig ist, Alben zu verkaufen, sondern dass wir einfach Musik machen möchten, ehrliche Musik.

teleschau: Und die Plattenfirma macht brav mit?

Carrabba: Die wollte mir nach der Akustikphase verbieten, ein Album mit E-Gitarren aufzunehmen! Ich sagte nur: 'Ihr habt anscheinend kein Vertauen in die Fans! Sie akzeptieren das, sie wollen das, sie wollen Ehrlichkeit.' Und ich hatte Recht behalten - die Verkaufszahlen stiegen an. Jetzt darf ich kein Akustikalbum mehr machen (lacht).

teleschau: Daran wirst Du Dich wohl nicht halten, wenn man einem sehr schönen Satz von Dir Glauben schenken darf: 'I'll be back to me and a guitar at some point' - nur Du und die Gitarre.

Carrabba: Möglich ist das mit Sicherheit. Genauso werde ich allerdings auch wieder meine E-Gitarre in die Hand nehmen. Aber es ist schon wahr: Ich kann auch nicht aufhören, Akustikgitarre zu spielen. Sie ist einfach so unverfälscht. Andere wiederum mögen diesen Sound nicht so gerne. Man kann als Musiker nicht wissen, wovon der Hörer Fan ist. Deshalb ist es unmöglich, für sie Songs zu schreiben. Ich kann nur aus einem sehr egoistischen Grund Musik machen: für mich. Und bin deshalb umso glücklicher, dass sich mein eigener Geschmack mit dem Geschmack der Hörer deckt. Wie wunderbar! Ein Traumjob!

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