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Monsters and Critics Startseite Zur HTML Version des Artikels Kino Reportagen 60 Jahre Locarno, doch für einen nostalgischen Rückblick bleibt kaum Zeit. Viele der Altmeister von ehedem, die unter der Rubrik 'Retours à Locarno' angekündigt waren, blieben lieber daheim. Ist ja auch wenig Zeit, so zwischen Cannes und Venedig, den anderen internationalen A-Festivals, von denen Locarno (01. bis 11.08.) bekanntlich das kleinste ist. In einer Retrospektive waren immerhin die großen Diven des Nachkriegskinos präsent. Jene, die einstmals im Park des Grand Hotels von Locarno noch Gäste waren: Alida Valli, Anna Magnani, Gina Lollobrigida. Aber auch damals schon hatten Festivalbetreiber keine rosigen Zeiten. Da wurde der Wettbewerb von Locarno in Zweifel gezogen, konkurrierten internationale und Schweizer Produzenten miteinander. Spätestens seit 1968 ist das Internationale Schweizer Festival von Locarno endgültig demokratisiert. Aus dem Star-Ereignis wurde ein Volksfestival. Dabei hat man aber die Bemühung, neue Trends zu entdecken oder gar Maßstäbe zu setzen, nie aufgegeben. Insbesondere das hochartifizielle asiatische Kino aus Japan, Taiwan, China und Korea hatte in Locarno ebenso wie das Kino des schwarzen Kontinents immer eine Heimat. Bis heute ist der Spagat zwischen Kunst und Film als touristische Nebensache geglückt, das Nebeneinander scheint unter der Leitung des Festivalleiters Frederic Maire besser zu funktionieren als je zuvor. Maire schreckt vor Blockbustern auf der Piazza Grande vor 8.000 Zuschauern und damit Previews wie 'The Bourne Ultimatum' (mit Matt Damon) keineswegs zurück. Dass die Piazza nunmehr eine neue Projektionskabine für High-Definition-Filme aufweist, muss kein Unglück sein. Freilich geht auch hier wieder ein Stück des guten alten Kintopps verloren. Brillant sind sie die High-Definition-Bilder, aber mit weniger Leben erfüllt. Ganz ohne Glamour kam Locarno auch in diesem Jahr nicht aus. Wenn sich etwa die Jurypräsidentin Irène Jacob, der einstige Kieslowski-Star ('Drei Farben: Rot'), in ihrem knallroten Kleid auf der Piazza-Bühne präsentiert, wenn Michel Piccoli und Mylène Demongeot mit Witz und Charme ihren traumhaften Wettbewerbsfilm 'Sous les Toits de Paris' präsentieren, kann sich mancher Hollywoodstar verstecken. Es sei denn, man heißt Anthony Hopkins, der mit seinem durchaus löblichen Autorenfilm 'Slipstream' ('Windschatten') nach Locarno kam und dabei kundtat, er werde vielleicht bald mit seiner Frau von Malibu an den Lago Maggiore ziehen.
Die Deutschen sind in Locarno traditionell stark vertreten. Und mit Romuald Karmakar hatten sie gar einen wichtigen Vertreter in der Jury. Der deutsche Piazza-Beitrag (außer Konkurrenz) von Martin Gypkens, 'Nichts als Gespenster' (Bundesstart: 22.11.), lief auf der Piazza leider erst nach Mitternacht. Die Uhr am Campanile zeigte bei Beginn bereits fünf nach zwölf. Doch trotz leichten Regens harrten viele Zuschauer aus und spendeten reichen Applaus um Punkt zwei. Die Verleihung des Ehrenpreises an den taiwanesischen Regisseur Hou Hsiao-hsien wurde mit Schweizer Gründlichkeit zelebriert. Hsiao-hsien, der in Locarno erstmals 1985 vertreten war und 1989 in Venedig den Goldenen Löwen erhielt, hatte seinen neuen, in Frankreich gedrehten Film 'Der rote Ballon' im Gepäck, eine Hommage an einen kleinen Film desselben Titels aus den 50er-Jahren und ein Auftrag des Pariser Musee d'Orsay, in dem das Bild eines Knaben hängt, der seinem Ballon nachzublicken scheint. Doch während die Kamera zu Beginn noch über die Dächer von Paris streift und den Traum-Ballon verfolgt, wird die Perspektive im Verlauf des Films bedrückend eng. Sie bewegt sich fortan in den engen Gemächern einer Puppenspielerin, die an ihrem hektischen Alltagsdasein schwer zu tragen hat. Ein Alltag in bedrückender Bohème-Enge. Hsiao-hsien zelebriert das alles mit asiatischer Geduld, ein liebevoller Blick auf Pariser Ameisen aus überlegener asiatischer Sicht. Martin Gypkens verlangt mit seinen simultanen Episoden in 'Nichts als Gespenster' dem Publikum einiges ab. An fünf verschiedenen Schauplätzen, vom Grand Canyon bis zu den eruptierenden isländischen Geysiren, versuchen junge Touristenpaare sich einander anzunähern - meist ohne Erfolg. Dank der wunderbaren Darsteller, insbesondere der weiblichen, von Maria Simon über Jessica Schwarz bis Brigitte Hobmeier oder Fritzi Haberland, wirken alle Personen in weiter Ferne sehr nah, auch wenn die fortdauernde Simultaneität des Schauplatzwechsels ein wenig maniriert erscheint. Die neue Sprachlosigkeit zwischen den Menschen entpuppte sich als eines der Hauptthemen des Festivals. Im deutschen Wettbewerbsbeitrag 'Früher oder später' (noch ohne Starttermin) hat die 14-jährige Nora (Lola Klamroth) kaum eine Chance, mit ihren Eltern je ins Gespräch zu treten. So flüchtet sie sich in die Backfisch-Liebe zu einem eben ins Berliner Vorortviertel gezogenen Schauspieler, der sie immerhin als Persönlichkeit akzeptiert, aber auch nicht wirklich über die wichtigen Dinge des Lebens mit ihr sprechen kann. Die Dffb-Absolventin Ulrike von Ribbeck inszeniert in ihrem Debütfilm ihre Familien-Tableaus mit erstaunlichem Geschick bis hin zur demaskierenden Groteske. In den leisen Momenten aber flüchtet sie sich in Kino-Zitate, die bis an die Grenzen des Kitsches führen. Die junge Nora der Lola Klamroth (sie ist die Tochter Peter Lohmeyers, der im Film auch gleich den Papa spielt) ist in ihrer ungeschönten Direktheit dennoch ein Ereignis. Mit Ausnahme des Japaners Masahiro Kobayashi und dessen Film 'Die Wiedergeburt' gab es ansonsten einen eher enttäuschenden Wettbewerb. Der Österreicher Peter Payer inszenierte in 'Freigesprochen' (mit Frank Giering und Lavinia Wilson) die Horvath-Adaption des Dramas 'Der jüngste Tag' als subtiles, aber alles in allem konventionelles Schuld-und-Sühne Drama eines Stationsvorstehers, der aus Liebe und Leichtsinn eine schreckliche Eisenbahnkatastrophe verschuldet. Erstmals hat Frédéric Maire in diesem Jahr eine konsequente Straffung des Festivalprogramms verfolgt. Dass neben dem Hauptwettbewerb, der sowohl versierten als auch jungen Regisseuren offensteht, auch ein Wettbewerb für die jungen 'Regisseure der Gegenwart' ('Cinéastes du Présent') eingerichtet wurde, erscheint nur auf den ersten Blick verfehlt. In Wahrheit wurde hier tatsächlich kühneren und frecheren Ideen die Tür geöffnet. Beispiel dafür: der unbekümmerte Zustandsbericht des Israeli Lior Shamriz, der in 'Japon, Japon' den frechen Filmbrief eines Tel Avivers schreibt, der sich angeblich nach Japan sehnt. Mit seinen Zeitraffern, Inserts und Improvisationen erreicht er eine große Leichtigkeit, ohne den Ernst aus den Augen zu verlieren: Am Ende sieht man die Mauer am Gaza-Streifen. Sie wird unterlegt mit der Erkenntnis, dass man seinem Ursprung nirgendwo, sei es Japan oder New York, entfliehen kann. Mit Filmen wie diesem hat Locarno auch im 60. Jahr wieder seine große Entdeckerfreude bewiesen. Dass der Spagat zwischen Kunst und Touristenattraktion beim Volksfestival immer noch klappt, ist sowieso ein Wunder. Eins, das man sich am Lago allerdings immer wieder erkämpfen muss. © 2007 teleschau - der mediendienst
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