Musik Reportagen
Moneybrother - Der Zauber von 'Summer Of 69'
Moneybrother und die Lust am ehrlichen Rocksong
Von Jochen Overbeck 26. Aug 2007, 08:56

Macht Soulpop mit Herz uns Schmiss: Anders Wendin ist Moneybrother. © Sony BMG
Da lief er vor gut vier Jahren plötzlich durchs Video, dieser schlaksige Kerl. Moneybrother, mit bürgerlichem Namen Anders Wendin, traf sofort den Nerv der Zeit. 'Reconsider Me', die erste Single, wurde nicht nur ein massiver Rotationshit bei Charlotte Roches 'Fast Foreward', sondern auch das Lieblingslied der Indie-Community. Es folgten zwei ganz hervorragende Alben, die Moneybrother in Schweden an die Spitze der Charts katapultierten - und der Wechsel zur großen Industrie. 'Mount Pleasure' erscheint bei Sony BMG und besitzt alles, was eine Sommerplatte haben muss. Große Melodien, schmissige Arrangements und die ein oder andere Lagerfeuerballade.

teleschau: Das Schönste an Deinen Platten: Sie sind immer so angenehm kurz, keine 70-Minuten-Bollwerke ...
Moneybrother: Das ist eine Angelegenheit, die für mich immer klar war. Ich habe früher ja vor allem in Punk- und Ska-Bands gespielt. Aber auch, wenn es um Popmusik geht, mag ich kurze Platten lieber. Eine Album sollte aus zwölf Songs bestehen - in etwa -, die ein bisschen was miteinander zu tun haben und einfach Spaß machen. Das ist doch das Schönste am Musikhören: Du hörst einen Song, und dann kommt der Nächste. Und der passt perfekt.

teleschau: Dann müsste die Vorstellung, dass Fans sich immer wieder dieses eine Lieblingslied anhören, doch fast ein bisschen quälen ....
Moneybrother: Nein, nein. Das macht jeder. Das mache ich ja auch, wenn die Platte beschissen ist (lacht). Für mich ist ein ganzes Album eine Kunstform. Und ich weiß, dass das für meine Fans eine ganz ähnliche Kiste ist.
teleschau: Die letzte Platte ist bald drei Jahre her - was hast Du in der Zwischenzeit gemacht?
Moneybrother: Ich war erst einmal auf Tour, quasi ununterbrochen und für eineinhalb Jahre.

Danach habe ich wirklich ein paar Wochen Pause eingelegt und schließlich ein Album mit schwedischen Coverversionen aufgenommen. Das war mal eine nette Abwechslung - ein bisschen Rock'n'Roll auf Schwedisch.
teleschau: Willst Du die Platte auch in Deutschland veröffentlichen?
Moneybrother: Nein, das würde keinen Sinn machen. Dafür bekommt Ihr jetzt ja ein ganz neues Album. Mit englischen Texten. Das ist mir schon wichtig, auch weil ich dann hier mit Euch abhängen kann. Vorhin war ich etwas essen, eine Bratwurst in der Semmel, so richtig rustikal. Würde ich nur auf Schwedisch singen - die Gelegenheit, so etwas Leckeres zu essen, wäre weg!
teleschau: Ryan Adams sagt, er schreibt zehn Stunden lang Songs. Jeden Tag. Sonst nichts. Wie ist das bei Dir?
Moneybrother: Ich glaube nicht, dass ich das könnte. Das würde schon einmal daran scheitern, dass ich den Prozess des Liederschreibens nicht erklären kann. Weder Dir noch mir noch irgendjemanden sonst. Das ist schon so ein Inspirations-Ding, irgendetwas Höheres pflanzt einem die Stücke ein. Ich mache das so: Wenn ich daheim bin, tue ich halt irgendwas. Und wenn ich an meiner Gitarre vorbeikomme, nehme ich sie jedesmal in die Hand und spiele ein paar Akkorde. Und wenn alles gut läuft, entsteht daraus ein Song, den ich dann aufnehme ...
teleschau: Schreibst Du unterwegs?
Moneybrother: Songs auf Tour schreiben? Das funktioniert nicht. Vor einem Gig fehlt Dir die Ruhe, danach bist Du betrunken. Vielleicht geht das ab einem gewissen Standard. Keith Richards könnte so etwas vermutlich machen. Er hat bestimmt jemanden, der sich darum kümmert, dass in jedem seiner Hotelzimmer eine Gitarre steht.
teleschau: Was hält die Lieder auf 'Mount Pleasure' zusammen?
Moneybrother: Weniger als zuletzt. 'To Die Alone' reflektierte jede Menge eher herbe Sachen, es war ein Album, das einer schmerzlichen Trennung folgte. Diesmal geht es eher darum, eine gute Zeit zu haben, glücklich zu sein, die Umstände zu genießen. Ein paar Lieder handeln sogar von erfüllter Liebe. Wer mich kennt, weiß, dass ich das nicht sehr oft thematisiere. Das Ziel war vorher: das beste Moneybrother-Album aufzunehmen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen nach Plattitüde, aber ich habe mich diesmal wirklich bemüht.
teleschau: Wie sollte die Platte klingen?
Moneybrother: Es sollte eine Rock'n'Roll-Platte sein. Etwas rauer, etwas roher. Und auch herzlicher. Die Band sollte das alles vom Herzen heraus spielen, und nicht vom Notenblatt weg. Deswegen habe ich sie dazu gezwungen, erst einmal drei Wochen lang zu proben. Jedes Lied, immer und immer wieder.
teleschau: Das tun Session-Musiker eher ungerne.
Moneybrother: Ich bezahle sie. Ich bin der Boss. Für Geld tun sie genau das, was ich ihnen sage. Vielleicht hassen sie die Songs nach zwei Wochen, weil sie sie immer und immer wieder spielen müssen. Aber ein bisschen Qual schadet ihnen nicht, und mittlerweile sind sie eins mit den Liedern.
teleschau: In den Linernotes zu 'Mount Pleasure' schreibst Du, das Ganze dürfe ruhig ein bisschen so klingen wie 'Summer Of 69' von Brian Adams. Mich erinnert's auch an Bruce Springsteen zu 'Born To Run'-Zeiten.
Moneybrother: Glaubst Du? Vielleicht ist es dieses 70er-Jahre-Rock-Feeling. Aber Bruce Springsteen ... Ich weiß ja nicht. Er hätte schon einen verdammt guten Tag haben müssen, um einmal einen Song zu schreiben, der an Bryan Adams heranreicht. teleschau: Du magst Bruce Springsteen nicht? Moneybrother: Ach doch. Aber stell Dir mal folgendes Szenario vor: Ich und Du, in einer Bar. Wir sitzen da, trinken Biere und hören total gute Musik. Sonic Youth. Lambchop. Danach noch Antony & The Johnsons. Eben Musik, die landläufig als kredibel gilt und das auch ist. Nach fünf Stunden sitzen wir immer noch da, lachen, und sind mitlerweile richtig betrunken. Wenn dann jemand um drei Uhr morgens 'Summer Of 69' auflegen würde - wir würden ausflippen! Wir würden explodieren. Man kann die Faszination für solche Songs durchaus thematisieren.
teleschau: Muss man erwachsen werden, um zu solchen Vorlieben stehen zu können?
Moneybrother: Es hilft auf jeden Fall. Ich hatte gestern einen Taxifahrer, der so ein richtiger Altrocker war. Schnurrbart, echt lange Haare und so. Ich kann ein bisschen Deutsch und habe versucht, mich ein bisschen mit ihm zu unterhalten. Und dann kam 'Still Lovin' You' von den Scorpions im Radio. Er ist ausgetickt, hat lauter gedreht, mitgeschrien. Ich war erst etwas irritiert. Und vor zehn Jahren hätte ich den Typen vermutlich sofort umgebracht. Heute weiß ich: Das ist ein echt gutes Lied. Deswegen habe ich mich zurückgelehnt und auch mitgesungen.
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18. Aug 2007, 08:57
Kaum zu glauben, dass der Typ Anfang des Jahrtausends seine Gitarre wütend in die Ecke pfefferte und sich schwor, fortan ein gutes, anständiges Leben zu führen - ohne Gitarre, ohne das Minusgeschäft Rockmusik, das die gar nicht so unbekannte Skasoulband Monster für ihn darstellte. Doch irgendwann regelten sich die Dinge glücklicherweise von selbst: Irgendjemand drückte Anders Wendin wieder die Klampfe in die Hand, sagte barsch 'spiel!' und weckte damit das noch in Resten des Wendin'schen Körpers vorhandene Musikergen. Was folgte, waren zwei ganz hervorragende Alben, von denen das erste ('Blood Panic', 2003) den lustigen Verzweiflungshit 'Reconsider Me' und das zweite ('To Die Alone', 2005) gehörig tiefe und schwelgerisch illlustrierte Trauer im Gepäck hatte. Jetzt also 'Mount Pleasure', ein abgehangenes Manifest der Leichtigkeit. ... mehrMehr über Moneybrother
"Moneybrother" ist der Künstlername des aus Ludvika in Schweden stammenden Sängers Anders Wendin. Er wird von seiner Begleitband "Panthers" unterstützt. Wendin ist bei Burning Heart Records unter Vertrag. ....mehr- Moneybrother
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