In Baltimore sagen sich normalerweise Fuchs und Hase gute Nacht, die Ostküstenstadt ist ein Hort der Beschaulichkeit. Außer, wenn John Waters mal wieder ein Filmprojekt am Start hat und genüsslich eine Provokation nach der anderen auffährt. Der Regisseur, der Anfang der 70er-Jahre mit 'Pink Flamingos' zum ersten Mal öffentliche Empörung auslöste, kommt zurzeit im Kino zu neuen Ehren. Sein Film 'Hairspray' (1987), aus dem ein erfolgreiches Broadway-Musical gemacht wurde, ist mit viel Pomp und John Travolta in der Rolle der sehr, sehr dicken Mutter neu verfilmt worden.
Die 'John Waters Collection' enthält drei Filme des Regisseurs auf DVD. © Warner
Politisch unkorrekt und genüsslisch provozierend: John Waters 'A Dirty Shame'. © Warner
In den USA spielte das glamouröse und sensationelle Remake sagenhafte 100 Millionen Dollar ein. Das Original ist Bestandteil der 'John Waters Collection', einer 3-DVD-Box mit äußerst unterhaltsamen Kinoanarchien.
Die unattraktive Tracy (Ricky Lane) ist die Heldin in 'Hairspray': Dick, plump und ordinär, versucht sie die neureiche Amber von Tussle in Corny Collins' TV-Tanzparty auszustechen. In der Show dürfen adrette, weiße Teenies ihre Künste im Twist, Bug oder 'Mashed Potatoe' zum Besten geben. Als die Wahl der 'Miss Auto' ansteht, entflammen die Rivalitäten.
John Waters ließ keine Geschmacklosigkeit aus, als er mit 'Hairspray' seinen 'definitiven' Film über die 60er-Jahre drehte. © Warner
Wird Tracy, das hässliche Entlein aus der Vorstadt, die bildschöne Barbie-Puppe Amber auf dem Tanzparkett zu Fall bringen?
'Wenn jemand sich beim Ansehen meiner Filme übergibt, ist das für mich so viel wie ein Applaus auf offener Szene', erklärt John Waters. Der Regisseur, der sich mit seinen früheren Filme 'Female Trouble' (1974) oder dem ebenfalls in der DVD-Box enthaltenen 'Polyester' (1981) den Titel 'Meister des schlechten Geschmacks' erwarb, griff auch für 'Hairspray' tief in die Kiste der Peinlichkeiten.
Ursula Euter (Selma Blair) hieß vor der OP noch Caprice Stickles. Nach ihrer Körpererweiterungsmaßnahme kann sie in 'A Dirty Shame' jeden Mann um den Finger wickeln. © Warner
Grelle Farben wie pink, gelb oder orange dominieren die üppige Sixties-Kulisse und Tracies schrille Mama spielt ausgerechnet der zentnerschwere Transvestit 'Divine', der kurz nach den Dreharbeiten an Herzversagen starb.
Da sich Waters im Laufe der Jahre einen ausgezeichneten Ruf in der Independent-Szene erwarb, konnte er für 'A Dirty Shame' (2004), den dritten Film der Collection, einen ansehnlichen Cast verpflichten. Neben 'Jackass' Johnny Knoxville als Sex-Guru Ray-Ray sind unter anderem der Rock'n'Roll-Barde und Schönling Chris Isaak ('Wicked Game') als sexhungriger Ehemann und Selma Blair ('Eiskalte Engel', 'Hellboy') als dessen exhibitionistische Tochter zu sehen.
'A Dirty Shame' macht's möglich: Wenn der Guru seine magischen Kräfte walten lässt, dann werden auch aus biederen Hausfrauen wie Sylvia (Tracy Ullman, Mitte) Sexmonster. © Warner
Die hat sich in einem Anflug von Wahnsinn die Brüste vergrößern lassen, nennt sich Ursula Euter (auch im amerikanischen Original) und zieht als Stripperin durch die Nachtlokale, während ihr Vater immer wieder seine Mittelstandsgattin Sylvia (Tracy Ullman) zum Sex überreden will. Doch die denkt gar nicht daran, zumindest solange nicht, bis sie bei einem Autounfall das Bewusstsein verliert und von Ray-Ray geheilt wird. Fortan zieht sie als Sex-Missionarin durch eine immer geiler werdende Nachbarschaft und kämpft gegen die radikale Anti-Sex-Bürgerwehr.
Dem König des Trashs gelang mit 'A Dirty Shame' eine fröhliche und witzige Grenzüberschreitung, die an die Tradition seiner kontroversen Filme der 70er-Jahre anknüpft und natürlich nicht jedermanns Geschmack trifft. Alle drei Filme der Box wurden mit einem Audiokommentar ausgestattet, in dem Waters witzig und hintergründig Anekdoten preisgibt. 'A Dirty Shame' enthält zudem ein ausführliches Making Of. Waters bislang letzter Film überzeugt auch hinsichtlich der Bild- und Tonqualität völlig, während die beiden früheren Werke aus den 80er-Jahre einige Mängel (Unschärfe, Verschmutzungen, übersatte Farben) aufweisen.
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