Deutschland


Experte: In Gefängnissen droht Gewalteskalation

31. Okt 2007, 09:51

In deutschen Gefängnissen kommt es immer wieder zu Gewaltfällen unter Insassen. © DPA

In deutschen Gefängnissen kommt es immer wieder zu Gewaltfällen unter Insassen. © DPA

Jena - Der Jenaer Kriminologe Frank Neubacher hat die Bundesländer davor gewarnt, weiter an der Ausstattung der Gefängnisse zu sparen. «Wenn wir nicht gegensteuern, werden sich Gewaltexzesse wie 2001 im thüringischen Ichtershausen und 2006 im nordrhein-westfälischen Siegburg wiederholen», sagte der Rechtswissenschaftler in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa.

«Der Strafvollzug wurde über Jahre im Regen stehen gelassen. Vielerorts sind Haftbedingungen und Personalausstattung mangelhaft, etliche Gefängnisse sind überbelegt.»

Mancherorts seien bis zu vier Gefangene auf einer Zelle untergebracht. Oft mangele es an Möglichkeiten für sinnvolle Beschäftigung und Sport, monierte der Kriminologe. Solche Gewalttaten wie die Häftlingsmorde in den beiden Gefängnissen seien zwar selten. «Aber sie bilden nur die Spitze des Eisberges. Viele Gefängnisse gleichen heute Pulverfässern», sagte Neubacher.

Neubacher ist Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die Zahl der Strafgefangenen sei bundesweit von rund 46 000 im Jahr 1995 auf 64 500 im Jahr 2006 gestiegen. «Weder die Zahl der Haftplätze noch die der Bediensteten wurde seither ausreichend angepasst», kritisierte der Gewalt-Experte.

«Zudem sind die Gefangenenpopulationen problematischer und heterogener geworden», fügte er hinzu. Zu Drogenproblemen gesellten sich - etwa bei ausländischen Häftlingen - Sprachschwierigkeiten. «Außerdem hat der Anteil der Gefangenen insbesondere im Jugendstrafvollzug, die wegen Gewalttaten einsitzen, ständig zugenommen.» Bundesweit seien es inzwischen 50 Prozent. Das liege unter anderem daran, dass für Körperverletzungen häufiger Freiheitsstrafen verhängt würden.

Die Gefängnis-Subkultur mit ihrer brutalen Hackordnung erzeuge zudem selbst Gewalt. «Dazu gehört, dass Gefangene meist nicht anzeigen, wenn sie bedroht, beraubt oder geschlagen werden. Wer etwas meldet, gilt als so genannter Zinker, dem Sanktionen durch die Gefangenengruppe drohen.» So werde der Großteil der Straftaten nie bekannt. 80 Prozent der bekannt gewordenen Taten im Gefängnis seien laut Studien Körperverletzungen.

© 2007 dpa - Deutsche Presse-Agentur

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