Auto


Fahren wie von Geisterhand: Bewährungsprobe für Autopiloten

Von Thomas Geiger 5. Nov 2007, 15:58

Kamera an Bord: Dank technischer Hilfe können Roboterfahrzeuge autonom fahren. (Bild: Geiger/dpa/tmn) © DPA

Kamera an Bord: Dank technischer Hilfe können Roboterfahrzeuge autonom fahren. (Bild: Geiger/dpa/tmn) © DPA

Victorville (dpa/tmn) - Werden Computer eines Tages Autos steuern können? Über diese Frage zerbrechen sich Forscher bereits den Kopf. Bei einem ungewöhnlichen Rennen in den USA testen sie Autopiloten fürs Auto - mit einigem Erfolg.

Langsam rollt der blaue Passat durch das Wohngebiet. Er fährt an die Kreuzung, hält am Stoppschild, lässt dem Nebenmann die Vorfahrt, wartet drei bis vier Sekunden, beschleunigt und fährt dann davon. So gewöhnlich diese Szene auch erscheinen mag: Sie ist ein Meilenstein für Forschung und Technik. Denn gesteuert wird der Kombi nicht von Menschenhand, sondern von einem Computer und einem Dutzend Sensoren. Der Wagen analysiert seine Umgebung und sucht dann streng nach den Verkehrsregeln seinen Weg zum vorgegebenen Ziel.

Zusammen mit zehn anderen Roboterautos hat der auf den Namen «Junior» getaufte VW jetzt bei der Rallye «Urban Challenge» im US- Bundesstaat Kalifornien bewiesen, dass der Autopilot keine Fiktion, sondern eine bereits ziemlich greifbare Perspektive ist. Die Fahrzeuge mussten auf der Militärbasis Victorville im Süden von Los Angeles sechs Stunden lang rund 100 Kilometer durch eine Kleinstadt kreuzen und mehrere Zielpunkte ansteuern. Fahrbahnmarkierungen und Vorfahrtsregeln, konventionelle Autos und andere Roboterfahrzeuge waren zu beachten. Ausgeschrieben hatte den Wettbewerb die Darpa, eine Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums.

Zwar hat der Veranstalter naturgemäß militärische Absichten. Schließlich fordere der US-Kongress von der Armee, dass bereits im Jahr 2015 ein Drittel aller Kampffahrzeuge unbemannt unterwegs ist, sagt Darpa-Direktor Tony Tether. Doch für die Autoindustrie ist die «Urban Challenge» auch eine Spielwiese, auf der neue Assistenzsysteme entwickelt und ausprobiert werden können.

Deshalb hat sich neben einigen US-Herstellern auch Volkswagen an dem Wettbewerb beteiligt und gemeinsam mit den konzerneigenen Elektronik Research Laboraties in Palo Alto und einem Team der Universität Stanford den Passat «Junior» ins Rennen geschickt. Daneben waren noch vier weitere Teams aus Deutschland angetreten, von denen es drei ins Finale schafften, aber nur «Junior» ins Ziel kam.

Dabei ist der Passat seiner Favoritenrolle beinahe gerecht geworden: Nachdem sein Vorgänger «Stanley», ein umgebauter VW Touareg, vor zwei Jahren die erste Auflage des Wettbewerbs in der Wüste von Las Vegas gewonnen hatte, kam diesmal auch Junior als erster ins Ziel. Allerdings hat er unterwegs offenbar ein paar Fehler gemacht und landete deshalb in der Auswertung auf dem zweiten Rang.

«Von militärischen Anwendungen distanzieren wir uns deutlich», sagt VW-Forschungschef Jürgen Leohold. «Doch alles, was 'Junior' hier können muss, kann auch normalen Autofahrern das Leben leichter machen.» Leohold blickt gebannt auf die Kreuzung, an die jetzt wie von Geisterhand gleich drei Roboterautos heranrollen. Dabei wirken viele Kandidaten ausgesprochen zielsicher. Flüssig und flott finden die umgerüsteten Kombis, Geländewagen und Trucks ihren Weg durch Einbahnstraßen, Kreisverkehre und andere Hindernisse.

Viele dieser Fähigkeiten lassen sich auf den Straßenverkehr übertragen. «Kurzfristig werden Automobile dem Fahrer in Komfortfunktionen unterstützen und langweilige Routineaufgaben übernehmen», sagt Prof. Christoph Stiller vom Institut für Mess- und Regelungstechnik an der Universität Karlsruhe. «Außerdem werden Autos der Zukunft den Fahrer in Situationen unterstützen, in denen in Bruchteilen von Sekunden Handeln notwendig wird.»

VW-Forschungschef Leohold sieht dabei sogar schon den Einsatz des Autopiloten kommen: Bereits in fünf bis zehn Jahren hält er es für technisch möglich, dass der Fahrer etwa während eines Staus auf der Autobahn das Kommando abgeben und sich mit einer Zeitung in der Hand entspannt zurücklehnen kann. Bis dahin allerdings müssten nicht nur juristische Fragen etwa bei der Haftung für Unfälle geklärt und die «künstliche Intelligenz» der Fahrzeuge trainiert, sondern auch die Sensoren verbessert werden. «Denn mit Autos wie hier in Victorville wird bei uns keiner fahren wollen», sagt Leohold und zeigt auf die Apparate mit Lasern, Radarsensoren und Kameras auf den Dächern sowie die Computer, die bei manchen Autos den Innenraum komplett füllen.

Sebastian Thrum von der Stanford University hat eine Vision, die noch weiter geht. Er sieht für «Junior» und seine Nachfolger der Großserie in 10 bis 20 Jahren «eigene Autobahnspuren, auf denen solche autonomen Fahrzeuge auch große, für den Fahrer monotone und langweilige Etappen automatisch zurücklegen», sagt der Rennleiter. «Dann kann man ohne eigenes Zutun von Hamburg nach München fahren.»

Damit es soweit kommt, müssen die Ingenieure die menschlichen Fähigkeiten in Technik übersetzen und den Roboten «die Augen, ein Gehirn, Hände und Füße geben», sagt Jörn Marten Wille aus dem Team der Technischen Universität Braunschweig, die mit «Caroline» am Start waren. Die «Augen» sind die Sensoren, mit denen die Fahrzeuge ihre Umgebung «sehen». Im «Gehirn» werden die Informationen analysiert und in Richtungsentscheidungen übersetzt, und die künstlichen «Arme» und «Beine» braucht die Elektronik zum Lenken, Gasgeben und Bremsen.© 2007 dpa - Deutsche Presse-Agentur

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