Literatur Kritiken


«Die 7. Stunde»: Schule, Vampire und Gewalt in Berlin

Von Thomas Strünkelnberg 26. Nov 2007, 11:35

Elisabeth Herrmann: Die 7. Stunde © DPA

Elisabeth Herrmann: Die 7. Stunde © DPA

Berlin - In Zeiten von PISA-Studien haben immer mehr Eltern Interesse an Privatschulen. Was wäre aber, wenn dort keineswegs alles besser wäre, wenn hinter glänzenden Fassaden Abgründe lauerten? Wenn ein Selbstmord, eine «schwarze Königin» und Vampire für Verwirrung sorgten?

Sogar der Job als Aushilfslehrer wäre erheblich erschwert. Diese Erfahrung macht Anwalt Joachim Vernau, der in Elisabeth Herrmanns Kriminalroman «Die 7. Stunde» den «Teen Court» eines Berliner Elitegymnasiums leiten soll. Was von ferne an Fantasy erinnert, ist ein wirklich guter Krimi mit handfesten Charakteren und einer ganz eigenen Sicht auf das Thema Schule und Elite.

Es brodelt in der Schule für Kinder reicher Eltern. Geschickt flicht die Autorin, die schon mit ihrem Erstlings-Krimi «Das Kindermädchen» auf sich aufmerksam gemacht hatte, aktuelle Entwicklungen in die Handlung ein - etwa, wenn die Schulleitung auf dem Weg zur gewinnorientierten Aktiengesellschaft allein um die finanziellen Zuwendungen der Eltern fürchtet. Oder wenn die stellvertretende Schulleiterin - mehr eine staubtrockene Gouvernante als eine Lehrerin - die Zwischenfälle den türkischen Schülern der benachbarten Hauptschule unterzuschieben versucht.

Den Aushilfspädagogen Vernau lehnen die Schüler ab. Vernau leitet die Arbeitsgemeinschaft «Teen Court». Die Stelle kommt für ihn wegen der vielen unbezahlten Rechnungen seiner neugegründeten Kanzlei gerade recht. Die Schüler diskutieren in der AG Verstöße gegen die strenge und reichlich altmodische Hausordnung der Privatschule. Schließlich entdeckt Vernau jedoch, dass einige Schüler an einem Live-Rollenspiel beteiligt sind. Dieses beschränkt sich allerdings nicht auf fantasievolle Charaktere, Kostüme und Szenarien, sondern setzt sich blutig in der Realität fort. Die Ermittlungen Vernaus in der Szene sind nicht ohne Skurrilität, obwohl die Autorin die «Vampire» Berlins mit großem Ernst und nach erkennbar eigenen Erfahrungen schildert.

Geradezu verblüffend und fast surreal gerät das Ende des Romans - ein urplötzliches Umschlagen in wirklich brutale Gewalt und kreischenden Wahnsinn. Wie freundlich, verlässlich und normal scheinen doch im Vergleich dazu die Schüler und Lehrer der verachteten Hauptschule von nebenan.

Was den Krimi spannend macht, sind vor allem die lebendig und authentisch wirkenden Protagonisten, allen voran Joachim Vernau und seine Kanzleikollegin Marie-Luise Hoffmann, die ständig vor der drohenden Pleite stehen. Das lässt die ehrgeizige, steife und manipulierende stellvertretende Schulleiterin die beiden Anwälte spüren - eine Gestalt, die nur wenig Sympathie für Lehrer aufkommen lässt. Überzeugend aber ist auch das tiefe Eintauchen der Autorin in die Szene Berlins und in die Seelen der Schüler.Elisabeth Herrmann

Die 7. Stunde

List Verlag, Berlin

412 S., Euro 19,90

© 2007 dpa - Deutsche Presse-Agentur

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