Musik Star Portrait
50 Cent - Wo war jetzt der Gangster?
50 Cent 50 Cent hat viele Pläne
Von Claudia Nitsche 4. Jan 2008, 08:59

Fädelt nicht nur Turnschuhe ein: 50 Cent. © Universal
Man könnte fast einen Werbespot für Innenarchitekten drehen: Draußen ein ellenlanger, gleichmäßig grauer Gang, durch den Stimmen und Klingeltöne hallen. Ganz hinten rechts entkommt man dieser Hässlichkeit. Dort ist die Kajüte von 50 Cent, der wenig später im Berliner Velodrom auftreten wird. Heimelig ist es dort, mit gedämpftem Licht. Unerwartet gemütlich präsentiert sich der Backstage-Raum, an der Wand schlängelt sich ein Tisch mit reichhaltigem Getränkeangebot, am Tisch stehen dezent Leckereien. Auf der Couch sitzt Curtis Jackson - und fädelt seinen Turnschuh ein.

Strahlend weiß ist der, vermutlich gerade ausgepackt, vermutlich aus der eigenen Kollektion. Curtis Jackson blickt auf und lächelt. Die Farbe seiner Zähne ist identisch mit der der Sneakers. Während er sich nach unten beugt, um sich die Schuhe zu binden, löst er die Gesetze der Schwerkraft auf. Als er fertig ist und sich zurücklehnt, ist seine exakt im 45-Grad-Winkel lose auf seinem Kopf sitzende Cap nicht um einen Millimeter verrutscht. Ob das nur bei Rap-Superstars funktioniert, wird sein Geheimnis bleiben, wie einiges andere auch.
Aufgewachsen im Drogenmilieu, tat er bald selbst, was er aus seiner nächsten Umwelt kannte.

Über Eltern braucht man in diesem Zusammenhang nicht zu reden. Immerhin nahm die Oma den Achtjährigen auf, als dieser endgültig zum Waisen wurde. Tatsächlich übernahm er seinen Künstlernamen, der für Nichteingeweihte immer noch ein wenig lächerlich klingt, von einem Gangster, der sich in den Achtzigern mit Raubüberfällen dekorierte. Vorbildfunktion nicht auszuschließen.
Im zweiten Anlauf gelang unter Eminems Obhut die Musikkarriere. 'Get Rich Or Die Tryin' war 2003 der wahrheitsgemäße Titel des Debüts. Es kreuzten einige Messer und Waffen seinen Weg.

Doch sie konnten nicht verhindern, dass jener 28-jährige Rapper sich in ein neues Leben aufmachte. Elf Millionen verkaufte Alben halfen beim 'Get Rich'-Vorhaben, der anschließende Film erzählte seine Lebensgeschichte, Eminems '8 Mile' diente als Blaupause.
Filme spielen auch heute, vier Jahre später, eine wichtige Rolle in seinem Leben. Mit 'The Dance' und 'Righteous Kill' spielte er in zwei großen Produktionen mit. Sicher, er stellt imagegetreu einen Boxer und einen Drogendealer dar, doch der Star ist nicht er, im Mittelpunkt werden Nicolas Cage, Robert DeNiro und Al Pacino stehen. 50 Cent ist Gast, vielleicht Gaststar. 'Es ist eine Möglichkeit für mich, in einem neuen Genre kreativ zu sein. Als HipHop-Künstler habe ich alles gesehen. Aber ich spüre eine gewisse Demut, wenn man plötzlich neben Robert DeNiro steht ... Es ist gut, nur ein Rad am Wagen zu sein und nicht der Fokus. Dadurch kann man Dinge aus einem anderen Blickwinkel sehen.' Kein 'Yo, man!', keine albernen Gesten. 'Musik ist nicht alles', fügt er an.
Längst hat der Rapper mit G-Unit ein prosperierendes Textilunternehmen am Start, er kaufte und verkaufte Getränkemarken, kreierte sein 'nach Geld' riechendes Parfum. Wenn er nun betont, dass Musik nicht alles sei, mögen das Schlauberger mit wenig Einblick und dezidierter Meinung als Hinweis auf die verlorene Wette deuten. Jackson hatte die zeitgleiche Veröffentlichung seines Albums 'Curtis' mit Kanye Wests 'Graduation' zu einem Battle nutzen wollen und behauptet, in Rente zu gehen, sollte er weniger verkaufen als West. Doch es kommt ja darauf an, welche Verkaufszahlen man meint und wie man sie durch mögliche Käufer abhängig von der Gesamtbevölkerungszahl in Relation setzt. Rein rechnerisch mogelte er sich aus dieser Nummer, wenn auch wenig elegant.
Abgesehen davon, dass die beiden stilistisch keine unmittelbare Konkurrenz sind und diese Welt genug Platz für zwei amerikanische Rapper bietet, zeigte 50 Cent mit bedächtigen Worten zum Tod von Wests Mutter Anstand, wenn es ernst wird, und hält sich vermutlich auch zurück ob dessen Wahl zum GQ-'Mann des Jahres'.
Er selbst würde ohnehin mehr in die Kategorie 'Manager des Jahres' passen. Immer wieder fügt er Verkaufszahlen in einen Satz ein, wie Fußnoten. Die Eckpfeiler seines Erfolges betet er herunter, das wirkt meist gar nicht arrogant, eher als erkläre er die Aufteilung der Welt in Kontinente.
Trotz des dreistelligen Millionenbetrags auf seinen Bankkonten weiß der 32-Jährige um seine wacklige Position, dies sei auch der Grund, weshalb sein nächstes Album 'Before I Self Destruct' heißen wird. 'Superstars werden geliebt bis zu einem gewissen Punkt, anschließend wirst du gehasst. Das ist eben so. Ich kann nur versuchen, den Status Quo zu halten, sehr viel Platz nach oben sehe ich eh nicht. Wer sollte mich toppen? Eminem könnte erfolgreicher sein, und was macht das?', fragt er. 'Nichts, denn er ist mein Freund.'
Ob er sich zu irgendeinem Zeitpunkt am Anfang seiner Karriere vorgestellt habe, dass dieses ganze Musikbusiness ein wenig romantischer sei? 'Romantisch?' wiederholt er fragend. Verklärung ist wohl nicht unbedingt die Art von Naivität, die ein Gangster-Rapper an den Tag legt. Aber den besten Moment kann er benennen. 'Die ersten zwei Wochen nach Erscheinen meines Debüts waren die schönsten bis zum heutigen Tag. Dieses Gefühl, das ich da zu meiner Musik entwickelte. Ich weiß noch genau', sagt er und starrt an die Wand gegenüber, 'wie ich im Tourbus saß und es genoss in dem Wissen, dass das nicht wiederkommt. Auch wenn man sich noch mal steigert, was ich getan habe, kann man dieses Gefühl nicht mitnehmen.' Nur wenige Stunden nach dem Interview wurde schon wieder eine fiese Bemerkung Jacksons über Kroatien bekannt. Sie könnte von dem grimmigen Typ auf dem 'Curtis'-Cover stammen. Beim Interview aber war ein unschuldig und aufgeräumt wirkender, ziemlich schlanker junger Schwarzer, der noch nicht mal eine Sorgenfalte auf der Stirn hatte. Vielleicht läuft ein Double rum und rührt die Werbetrommel mit flachen Sprüchen, vielleicht hat das Management ins Interview einen freundlichen, gut erzogenen Mann geschickt. Vielleicht war es Curtis Jackson, während Fifty kubanische Zigarren rauchte und Erdnussbutter der Marke 'Skippy' an die Wand schmiert. Zwei Dinge, die zum Tour Rider gehören sollen, aber im Backstage-Raum auf den ersten Blick nicht zu entdecken waren. Aber was sieht man schon auf den ersten Blick?
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