Big Brother - zwei Worte, die jeder kennt und an denen sich ablesen lässt, was sich in der Gesellschaft in den vergangenen Jahren so verschoben hat. Was bis weit in die 90-er hinein als schreckgespenstiges Synonym für jedwedes Ungemach stand, das die kommunikationstechnischen Errungenschaften der Neuzeit aber mal ganz sicher mit sich bringen werden, war im Jahr 2000 plötzlich etwas ganz anderes, nämlich der größte Aufreger, den uns das Privatfernsehen je bescherte. Und heute?
Schon bester Laune: Das Moderatoren-Trio: Miriam Pielhau, Jürgen Milski, Charlotte Karlinder. © RTL II / Bernd Eberle
Viel heißer wird's wohl wieder nicht werden: Im Schnitt schalteten knapp eine Million Zuschauer ein, um zu erleben, was Basti, Eddy, Sinan, Doreen und Co. tagsüber so getrieben haben. © RTL II / Endemol
Wird gemeinhin nur gegähnt bei der Erwähnung des Begriffs 'Big Brother', der den Orwellschen Schrecken längst verlor und auch im Fernsehen schon lange keine Angst mehr einjagt. Wenn am Montag, 7. Januar, bei RTL II die achte Staffel der Containershow startet, fragen sich viele der Zuschauer, die aus Neugierde oder bloßer Langeweile noch immer mit dabei sind, zum Beispiel wieder Folgendes: Wer war noch mal der Gewinner der letzten Staffel?
Michael heißt der Mann, der im Sommer 2007, nach 150 Tagen Container-Life (und -Love), mit 250.000 Euro nach Hause ging. Für ihn zumindest hat sich das gar nicht mehr so experimentelle Fernsehexperiment also gelohnt.
Sex sells: Doreen aus Jena zog Ende März ins 'Big Brother'-Haus. © RTL II / Endemol
Wahrscheinlich kann man das auch von Jürgen Milski behaupten. Neben der Moderatorin Alida-Nadine Lauenstein (ehemals Kurras) zehrt 'der Jürgen' (sein Kumpel Zlatko ist längst weg vom Fenster) als einziger ehemaliger TV-Knast-Bewohner noch immer vom einstigen Hype um die erste Staffel - zumindest, was seine weitere Medien-Präsenz anbelangt. Der 9Live-Moderator und Ballermann-Star wird nun, gemeinsam mit der schwangeren Charlotte Karlinder, die sich im Laufe der aktuellen Ausgabe in den Mutterschaftsurlaub verabschieden wird, und Miriam Pielhau, erneut das Geschehen kommentieren, wenn RTL II zum achten Mal ins 'Big Brother'-Haus einlädt.
Siegertyp, hier noch mit 'langen' Haaren: Michael aus Viöl in Schleswig-Holstein gewann 250.000 Euro bei 'Big Brother', Staffel sieben. © RTL II
Die Live-Shows vor Studiopublikum sind nun (immer montags) sogar wieder zur Primetime im Programm. Der Sender glaubt also an sein Format - und hält sich mit Informationen weitgehend bedeckt.
Was man weiß: In der achten Staffel heißt es wieder einmal: 'Arm gegen Reich'. In einem zweigeschossigen Haus, das in einem Kölner Studio aufgebaut wurde, wohnen zwölf Menschen in zwei streng voneinander getrennten Bereichen. Sechs leben im Überfluss, die anderen unter kargen Bedingungen. Wie die Macher von RTL II und Endemol Deutschland mitteilten, wissen die Teilnehmer bei der Eröffnungsshow noch nicht, in welchen Bereich sie einziehen. Während der 183 Tage können die Bewohner in Wettbewerben Auf- oder Absteigen. Während die 'Reichen' über ein 44,5 Quadratmeter großes Zimmer mit drei großen Schlafinseln verfügen, müssen sich die sechs 'Armen' eine 4,5 Meter breite Schlafempore teilen. Im Erdgeschoss wartet ein Badezimmer mit Luxuswanne und Champagner auf die 'Reichen', ein Stehklo auf die 'Armen'. RTL II strahlt montags bis samstags, 19.00 bis 20.00 Uhr, eine Tageszusammenfassung aus. Außerdem gibt es montags, 20.15 Uhr, die 'Entscheidungs-Show'. Premiere überträgt täglich 24 Stunden live, und 9Live begleitet die Aktion mit einer täglichen Ratesendung namens 'Call Big Brother', die montags bis donnerstags, 23.15 bis 2.00 Uhr, und freitags bis sonntags, 21.30 bis 23.30 Uhr, läuft.
Die Bewohner der berühmtesten TV-WG Deutschlands ringen wieder um eine Gewinnsumme von 250.000 Euro. Was auf den Fernsehzuschauer alles zukommt? Wohl wieder keine Tabubrüche. Die waren beim Auftakt im Jahr 2000 zwar von Medienwächtern befürchtet und von den Medien wie den Machern der Show zum Teil auch eifrig heraufbeschworen worden, doch hat es sie bei 'Big Brother' eigentlich nie gegeben, sieht man mal von einem vor laufender Kamera vollzogenen Brustwarzenpiercing ab - oder von dem einen oder anderen Koitus-gleichen Bewegungsablauf, der da unter manch schlecht illuminiertem Bettlaken zu erahnen war. Insgesamt ist da wohl selbst 'Bauer sucht Frau' aufregender.
Dennoch: Für die Kandidaten ist das Leben unter Beobachtung, auch wenn man sagen könnte, es habe sie ja keiner gezwungen, mitunter eine deftige psychische Herausforderung. 'Sie sollten das auf jeden Fall nicht auf die leichte Schulter nehmen', rät 2007er-Abräumer Michael seinen potenziellen Nachfolgern. 'Das ist nicht so einfach, wie man es sich vorstellt. Man muss sich darauf gefasst machen, dass es im Haus schwer wird, das ist nichts für jeden.' Man wird beobachtet auf Schritt und Tritt. Man muss sich durchsetzen gegen die Konkurrenz, und man muss mit seinen ganz natürlichen Bedüfnissen, auch dem nach Liebe und Zuneigung, klarkommen.
Die Erfolgsgeschichte von 'Big Brother' erstreckt sich rund um den Globus. Das Format wird in fast 70 Ländern ausgestrahlt. Die erste Staffel ging 1999 in den Niederlanden auf Sendung. In Deutschland fiel 2000 der Startschuss für die außergewöhnliche Real-Soap. Zlatko und Co. erregten damals ordentlich Aufsehen, selbst die musikalischen Ergüsse ('Großer Bruder') der tatsächlich einigermaßen prominent gewordenen Kandidaten kamen in der allgemeinen Aufbruchstimmung um 'BB' bei den Fans an. Doch das Interesse an der Dauerberieselung hat inzwischen deutlich nachgelassen. Die Quoten der letzten Staffel brachen zum Teil richtiggehend ein. Im Schnitt konnte der Sender nur eine Million Zuschauer begeistern, Marktanteile von an die neun Prozent liegen aber immer noch über dem Senderschnitt. Das Finale der siebten Staffel der Mutter aller Reality-Shows holte Top-Quoten (15,9 Prozent Marktanteil), was beweist, dass von dem Format noch immer eine gewisse Faszination ausgeht.
Das Problem: In einem Genre, in dem die Show einst die Maßstäbe definierte, wurde sie längst links und rechts überholt. Von Formaten, die neben dem 'normalen Leben' eben auch einen gewissen Mehrwert offerieren. Inzwischen zeigen uns Ottonormalos längst, wie man ein Fünfsterne-Menü zubereitet, den Haushalt in Schuss hält, mittels Coach einen neuen Job oder gleich ein neues Leben findet, seine Kinder erzieht oder aus den Schulden kommt. Wieso sollte man irgendwelchen Leuten dann noch dabei zu sehen, wie sie, nun ja, einfach so herumleben? Außer vielleicht, um über jene zu lästern, die sich da als Kandidaten präsentieren.
Dass ab und an ein Promi vorbeischaut oder ein Bewohner wenig bis gar nicht bekleidet aus der Dusche kommt und sich die eine oder andere Bettdecke verdächtigt hebt und senkt, reißt das Ganze womöglich nicht heraus. Klar, Sex sells, und für dieses Format gilt das gewiss besonders. Aber es ist vertrackt: Wenn, was wir, Hand aufs Herz, eigentlich alle hoffen, es mal richtig zur Sache gehen würde, dann würden Medienwächter und Politiker dem Ganzen natürlich ruckzuck einen Riegel vorschieben.
Was sonst noch bleibt, lebt vom Charisma der Kandidaten, könnte man sagen. Oder von der Spannung der Unvorhersehbarkeit. Es könnte ja doch etwas passieren ... Irgendetwas.
Es gab diese zumindest skurrilen Momente in der 150-tägigen TV-Dauerüberwachung des vergangenen Jahres, die, was die Quoten betrifft, das Niveau der sechsten Staffel 'Das Dorf' erreichte: etwa, als gleich nach dem Einzug die ersten Habseligkeiten vom großen Bruder verbrannt wurden und der Maurer Michael, der spätere Sieger, tagelang Daumen lutschend seinem Plüschtier Malte nachtrauerte. Als die Grippe im Container wütete und viele Kandidaten eklig trieften. Als sie sich nach tagelangem Schlafentzug schier an die Gurgel gingen. Und schließlich, als die Anarchie Einzug in den Container hielt. Regelverstöße am Fließband, geheime Nominierungsabsprachen, abgebrochene Wochenaufgaben und immer wieder Lügen, derer man die Kandidaten anhand einer Stimmanalyse überführte. Die Konsequenzen: Knast, Kohl-Suppe und Sofort-Rausschmisse. So musste die freizügige Russin Natasha - sehr zum Leidwesen der männlichen Bewohner - nach nur drei Wochen Aufenthalt wieder abreisen.
Aber die wahren Aufreger fehlten. Selbst Erotikmodelle, bisexuelle Fußballerinnen und schräge Typen, die noch nie eine längere Beziehung hatten, halfen nicht weiter - war ja alles schon mal in ähnlicher Form da. Und auch die großen Mediencoups wollten nicht mehr gelingen. So lehnte etwa die wegen einer gewagten Fotoserie in die Schlagzeilen geratene CSU-Landrätin Dr. Gabriele Pauli eine Einladung ins 'BB'-Haus dankend ab. Sie hätte dort den Frühjahrsputz überwachen sollen ... Was kann da jetzt noch kommen? - Irgendwie sind wir doch wieder gespannt darauf!
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