Musik Star Portrait
Chris Rea - Gegen die Gesetze des Showbiz
Chris Rea Chris Rea über sein neues Projekt 'The Return of the Fabulous Hofner Bluenotes'
Von Leif Kramp 15. Feb 2008, 08:59

Chris Rea kehrte dem Musikbiz den Rücken. Musik will er dem Publikum nun auf andere Weise nahe bringen. Rea veröffentlicht das Hörbuch 'The Return of the Fabulous Hofner Bluenotes'. © edel
Chris Rea ist ein altmodischer Mensch: Er ist seit Jahrzehnten verheiratet, hat zwei Töchter und ist öffentlichkeitsscheu. Chris Rea ist ein Popstar: Er verkaufte Millionen Platten, füllt mit 56 Jahren immer noch Konzerthallen und gehört zu den bekanntesten britischen Musikern des 20. Jahrhunderts. Chris Rea ist ein wandelnder Widerspruch, den der Blues-Gitarrist selbst am besten aufzulösen vermag. Sein Erfolg, so Rea, habe gar nichts mit seiner Person zu tun, sondern mit der Liebe des Publikums zur Musik.

Seine typische Bescheidenheit führte ihn jüngst in den Hörbuchmarkt, den er nun mit einem innovativen Musik-Buch bereichert: 'The Return of the Fabulous Hofner Bluenotes' ist ein edler Band mit künstlerischen Aufnahmen und Malereien über die musikalische Vergangenheit einer fiktiven Jungsband der 1950er und -60er Jahre. Angereichert ist das Buch mit zwei Langspielplatten und drei CDs mit zahlreichen neuen Stücken aus der Feder des Altmeisters. Im Interview erzählt Chris Rea, wie es zu seiner Abkehr vom Pop-Zirkus kam, was seine schwere Krebserkrankung damit zu tun hatte und warum er trotz Abschiedstournee im Jahre 2006 wieder auftreten möchte.

teleschau: Wie kamen Sie auf die Idee, ein musikalisches Buch über die 50er- und 60er-Jahre zu machen?
Chris Rea: Ich mag mich wie ein hoffnungsloser Überzeugungstäter anhören, aber ich bin einfach über beide Ohren in diese Art von Musik verliebt. Ich hatte zuvor nie die Möglichkeit, diese für mich sehr spezielle Gitarrenmusik der damaligen Zeit zu spielen, weil ich erst viel später mit meiner Karriere anfing. Da waren viele andere große Musiker im Vorteil, weil sie mit dieser Ära aufgewachsen sind. Ich musste sie erst entdecken.

Dabei geht es mir gar nicht um Nostalgie, sondern um die Faszination an etwas so Fundamentalem, das die ganze Musikgeschichte der vergangenen Jahrzehnte beeinflusst hat.
teleschau: Wieso, meinen Sie, gibt es einen Markt für solche Musikprojekte?
Rea: Wir gehen nicht ins Studio, weil wir meinen, es gibt einen Markt für die Songs, die wir aufnehmen. So einfach es klingen mag: Es geht tatsächlich - mir zumindest - um die Liebe zur Musik. Trotzdem war ich mir natürlich im Klaren, dass es offenbar ein besonderes Interesse für solche Projekte gibt. Schließlich verkaufte sich unser Earbook 'Blue Guitars' seit seiner Veröffentlichung vor drei Jahren mehrere hunderttausend Mal. Das überraschte und freute mich sehr. Denn es gibt ganz offensichtlich eine Generation von Menschen, die Musik lieben und bereit sind, Geld für etwas auszugeben, das ihnen die Musik auf vielerlei Arten nahe bringt: Sie können lauschen, sie können darüber lesen, sie können sich Fotos dazu anschauen. Das ist wie in früheren Zeiten, als es noch wichtig war, ein Album anzufassen und sich das Artwork anzuschauen. Die Plattenindustrie hat das leider längst verworfen, und sie liegt falsch damit.
teleschau: Kann Musik noch dieselbe sein in einem virtuellen Zeitalter wie dem unseren?
Rea: Wenn sich eine neue Technologie erst einmal durchgesetzt hat, gibt es kein Zurück mehr. Das zeigte uns die Geschichte mehrfach. Das bedeutet aber nicht, dass alte Dinge, Werte und Vorlieben keinen Bestand haben. Denken Sie an ein schönes, großes Glas Bier: So was ist längst nicht aus der Mode und wird auch weiterhin seine Genießer finden trotz einer Vielzahl neuer Getränke. Jeder wählt das, was ihm gefällt. Ich entschied mich dafür, ein weiteres Earbook zu produzieren. Mir juckte es in den Fingern, gleich als ich 'The Return of the Fabulous Hofner Bluenotes' abgeschlossen hatte. Es wird etwas vollkommen anderes. Und trotzdem versuche ich, in dieser Vielseitigkeit Kontinuität zu wahren.
teleschau: Worum geht es bei Ihrem neuen Projekt?
Rea: Es geht ums Tanzen, um den Blues und die Modekultur. Das neue Earbook wird die Medien Buch, CD und Fernseher verbinden, was ich sehr aufregend finde. Niemand hat diese Synthese zuvor versucht, und ich werde das ganze Jahr brauchen, um daran zu arbeiten.
teleschau: Werden Sie tanzen?
Rea: Wahrscheinlich nicht. Es geht um die Lust am Tanzen, nicht speziell um mich als Tänzer, der ich ja auch nicht bin.
teleschau: Trotzdem haben Sie auf der Bühne hin und wieder das Tanzbein geschwungen.
Rea: Wenn ich auf der Bühne bin, ist es der Sound, der mir die größten Sorgen macht. Wenn wir spielen, frage ich mich ständig: Ist der Ton okay? Klingt irgendetwas falsch? Könnte es besser sein? Und stimmt mein Gesang? Es kann natürlich sein, dass ich im Eifer des Gefechts mich selbst und alles um mich herum vergesse, auch das Publikum. Dann fange ich an, ein bisschen zu tanzen.
teleschau: Ihre Hörbücher leben von ihren Fotos. Was können Bilder, womit die Musik Schwierigkeiten hat?
Rea: Mir geht es nicht darum, was mehr bewirken kann als das andere. Es kommt darauf an, was beide Ausdrucksformen gemeinsam vermögen. Viele meiner Zuhörer erinnern sich an die alten Zeiten und bekommen eine Gänsehaut, wenn sie sich die Fotos anschauen. Es war ja nicht alles schlecht in der Vergangenheit, und man muss nicht krankhaft nostalgisch sein, um das zu erkennen.
teleschau: Dennoch romantisieren Sie das Gitarrenspiel sehr.
Rea: Nehmen Sie mir das nicht übel: Mein ganzes Leben hat sich um Gitarren gedreht - nicht darum, berühmt zu sein. Es ist immer noch ungewohnt für mich, zum Beispiel mit Ihnen zu sprechen und ein Interview zu geben. Das liegt nicht in meiner Art. Ich möchte lieber Gitarrensaiten zupfen, darin besteht mein Lebensinhalt. Auf gewisse Weise ist das eine naive Lebenseinstellung, aber genau das brauchen wir in unserer Welt. Wir brauchen keine komplizierte Welt, keine komplizierte Musik. Das ist wie ein Kind zu leben: Ich weiß genau, was das heißt.
teleschau: Wie meinen Sie das?
Rea: Ich war lange Zeit schwer krank. Meine Lieblingserinnerung, wenn man so will, ist die an den Sieg über meine heimtückische Krankheit, die mich zwei Jahre lang befallen hatte. Ich lag so lange im Krankenhaus, dass ich vieles aus meinem bisherigen Leben vergessen hatte. Ich glich einem Baby, das von Tag zu Tag lebte, ohne sich groß Gedanken zu machen oder vielmehr machen zu können. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich an manchen Tagen nicht einmal wusste, welcher Wochentag war, sondern einfach nur aus dem Fenster schaute und die Wolken am Himmel zählte. Der größte Moment in meinem Leben war derjenige, als mir mitgeteilt würde, dass mein Leben nicht zu Ende sei. Natürlich wird es nie leicht sein: Ich bekomme auch heute noch sieben Injektionen pro Tag und schlucke 34 verschiedene Tabletten, um die Krankheit im Zaum zu halten. Aber das sind keine Probleme angesichts des dunklen Kerkers, in dem meine Seele zwei Jahre lang gefangen war, nicht wissend, ob ich sterben muss oder leben darf.
teleschau: Sind Sie durch Ihre persönliche Krise zu einer Erkenntnis gekommen, welchen Sinn Ihre Karriere hat?
Rea: Es öffnete mir die Augen: Ich fühle mich nicht mehr getrieben, nach den Mechanismen des Showbusiness zu arbeiten und seinen Gesetzen zu gehorchen. Deshalb erstelle ich Earbooks, weil mir niemand mehr vorschreiben kann, wie ich mein schönes Leben zu leben habe. Insofern half mir auch die Musik, aus dem Krankenhaus zu kommen. Ich hatte fast die Hälfte meines Körpergewichts verloren und war nur in der Lage, einige einfachen Dinge zu spielen, nicht mehr als das, was ich als Jugendlicher spielte, als ich anfing, Musik zu machen.
teleschau: Haben Sie wieder die Kraft, auf die Bühne zu gehen?
Rea: Es ist schwer, und ich kann weniger auftreten als ursprünglich geplant. Doch natürlich komme ich nach Deutschland und gebe einige Konzerte. Ich muss mich leider aus medizinischen Gründen noch etwas zurückhalten. Doch es ist mir immer noch wichtig, für ein Live-Publikum zu spielen.
teleschau: Welches Selbstverständnis haben Sie von sich, wenn Sie auf der Bühne stehen?
Rea: Ich bin ein schlechter Entertainer. So etwas ist nicht meine Welt. Oder meinen Sie, dass sich ein guter Unterhalter lieber mit der Auswahl der richtigen Gitarrenseiten und Verstärkertechnik beschäftigt als mit einem krachenden Auftritt? Dafür ist mein Ego viel zu klein. Ich nehme mich nicht wichtig, und nichts für selbstverständlich. Mir sind andere Dinge wichtig: Jeden Morgen, an dem ich die Augen aufmache, freue ich mich darüber, dass mein Körper noch funktioniert. Und so lange der Strom meiner kreativen Ambitionen, die zurzeit noch unstillbar wirken, nicht versiegt, bin ich glücklich. © 2008 teleschau - der mediendienst






-Heile-Welt_1.jpg)


