TV Star Portrait


Christoph Maria Herbst - Die Gelüste einfach ausleben

Christoph Maria Herbst spielt die Titelrolle in 'Don Quichote - Gib niemals auf!' (Sat.1, Di., 25.03., 20.15 Uhr)

Von Kai-Oliver Derks 23. Feb 2008, 08:59

Zwei Stunden verbrachte Christoph Maria Herbst jeden Morgen in der Maske, um sich in Don Quichote zu verwandeln. Abschminken am Abend: eine Stunde. © Sat.1 / Christian Hartmann

Zwei Stunden verbrachte Christoph Maria Herbst jeden Morgen in der Maske, um sich in Don Quichote zu verwandeln. Abschminken am Abend: eine Stunde. © Sat.1 / Christian Hartmann

Die Preise, die Christoph Maria Herbst, in den vergangenen Jahren bekommen hat, wird er kaum noch zählen können. Die ProSieben-Sitcom 'Stromberg' ließ ihn zum Kritikerliebling werden, die Zuschauerzahlen indes sind eher bescheiden. Eine Fortsetzung wird es dennoch geben. Zuvor jedoch lässt Sat.1 den 42-Jährigen in eine Rolle schlüpfen, die wie gemacht für ihn scheint. Unter der Regie von Sibylle Tafel spielt er die Titelfigur in 'Don Quichote - Gib niemals auf!' (Sat.1, Di., 25.03., 20.15 Uhr).

teleschau: Herr Herbst, haben Sie sich zur Vorbereitung den Roman von Miguel de Cervantes angetan? Kein leicht zu lesender Stoff ...

Zunächst war sich Christoph Maria Herbst nicht sicher, ob die Rolle für ihn die richtige ist. Doch er ließ sich überzeugen. © Sat.1 / Christian Hartmann

Zunächst war sich Christoph Maria Herbst nicht sicher, ob die Rolle für ihn die richtige ist. Doch er ließ sich überzeugen. © Sat.1 / Christian Hartmann

Christoph Maria Herbst: Nun, ich kenne Freunde, die es versucht haben ...

teleschau: Und gescheitert sind?

Herbst: Nach 100 Seiten legten sie das Buch weg. Ich selbst habe meine Nase nie ins Original gesteckt. Und bevor Sie fragen: Nein, den Mehrteiler aus der DDR habe ich auch nicht gesehen. Die Welt, die der Autor unseres Films entwickelt hat, genügte, um meine Fantasie zu beflügeln. Kostüm, Maske und Ausstattung taten ein Übriges.

teleschau: Was also taten Sie, um sich in die richtige Stimmung zu bringen für diese besondere Rolle?

Herbst: Musik. 'Don Quijote', die Fantasieouvertüre von Richard Strauss.

Christoph Maria Herbst über Don Quichote: Heute würde man solche Leute freilich einfach wegsperren und ihnen in der Geschlossenen ein paar Barbiturate verabreichen. Rechts: Johann Hillmann als Moritz. © Sat.1 / Christian Hartmann

Christoph Maria Herbst über Don Quichote: 'Heute würde man solche Leute freilich einfach wegsperren und ihnen in der Geschlossenen ein paar Barbiturate verabreichen.' Rechts: Johann Hillmann als Moritz. © Sat.1 / Christian Hartmann

Ich hörte sie mir während der Dreharbeiten jeden Morgen an. Um 5 Uhr, gleich nach dem Aufstehen. Sie begleitete mich durch den Tag, gab mir die notwendige Portion Melancholie mit und half mir, dieses Paralleluniversum zu erfassen. Eigenartig ...

teleschau: Don Quichote spricht im Film in altertümlicher, erhabener Weise. Es muss ein besonderes Erlebnis für einen Schauspieler sein, wenn er ernsthaft Sätze sagen darf wie: 'Die Welt ist ein viel zu großartiger Ort, um sich in den dunklen Winkeln der Seele zu verstecken.'

Herbst: Sie haben Recht. So etwas ist wunderbar. Aber nicht einfach. Ich hörte mir selbst dabei genau zu.

Mit Don Quijote, der Fantasieouvertüre von Richard Strauss, brachte sich Christoph Maria Herbst am Morgen in Stimmung für seine Rolle. © Sat.1 / Christian Hartmann

Mit 'Don Quijote', der Fantasieouvertüre von Richard Strauss, brachte sich Christoph Maria Herbst am Morgen in Stimmung für seine Rolle. © Sat.1 / Christian Hartmann

Sätze wie dieser dürfen nicht nach Rosamunde Pilcher klingen. Schließlich sind es allesamt nur Binsenweisheiten, die es zu entkitschen galt.

teleschau: Können Sie den Roman erklären? Was will uns der Autor mit 'Don Quichote' sagen?

Herbst: Gute Frage. Vorab: So dramaturgisch ging ich gar nicht an die Sache heran, das ist letztlich nicht meine Aufgabe. Ich bin Schauspieler, ich sehe mich als Exekutive. Ich als Christoph Herbst habe aber schon eine Meinung. Die Geschichte sagt uns wohl, dass wir unsere Träume, unsere Fantastereien und auch das Exzentrische, das wir in uns tragen, verdammt noch mal ausleben sollen.

Christoph Maria Herbst würde einem Kampf gegen Windmühlen nur wenig abgewinnen können. © Sat.1 / Christian Hartmann

Christoph Maria Herbst würde einem Kampf gegen Windmühlen nur wenig abgewinnen können. © Sat.1 / Christian Hartmann

Don Quichote hat sich nicht uniform machen lassen mit der Gesellschaft.

teleschau: Aber was hatte er davon?

Herbst: Ewiges Leben ...

teleschau: Nicht schlecht ...

Herbst: Sehen Sie. Und vergessen Sie nicht: Die Unbilden des gegenwärtigen, realen Lebens, die bekommt er gar nicht mit. Er lebt komplett in seiner belletristischen Welt und kann anscheinend sein Leben auch nur so ertragen. Heute würde man solche Leute freilich einfach wegsperren und ihnen in der Geschlossenen ein paar Barbiturate verabreichen.

teleschau: Das Tragikomische, das Melancholische, das diese Figur in sich trägt, zieht sich zweifelsohne auch durch ihre persönliche Arbeit bisher.

Don Quichote (Christoph Maria Herbst, links) ist schockiert: Er ist in Wirklichkeit uralt, sieht aus wie ein Vagabund und steckt in einem lächerlichen Aufzug. Moritz (Johann Hillmann) versucht ihm Mut zuzusprechen. © Sat.1 / Christian Hartmann

Don Quichote (Christoph Maria Herbst, links) ist schockiert: Er ist in Wirklichkeit uralt, sieht aus wie ein Vagabund und steckt in einem lächerlichen Aufzug. Moritz (Johann Hillmann) versucht ihm Mut zuzusprechen. © Sat.1 / Christian Hartmann

Die Rolle scheint wie für Sie gemacht zu sein.

Herbst: Ehrlich gesagt, habe ich mich zunächst gewehrt. Ich versuchte sogar, der Regisseurin Sibylle Tafel diese Idee auszureden, weil ich andere für geeigneter hielt. Wir gingen Möglichkeiten durch. Edgar Selge, Andreas Schmidt, Helge Schneider - mir wären viele andere eingefallen. Gott sei Dank hat sie sich nicht beeinflussen lassen. Und heute bin ich froh, dass ich es getan habe. Aber es waren die anstrengendsten Dreharbeiten meiner Karriere.

teleschau: Inwiefern?

Herbst: Na hören Sie: Sie wackeln mit einem geschmiedeten Blech-Harnisch bei 40 Grad durch Spanien. Und müssen dazu Sätze sagen wie: 'Ich bin, so lange ich kämpfe, und ich kämpfe, so lange ich bin.' Sie spielen eigentlich nur mit Kindern und Tieren, die sowieso alle Aufmerksamkeit bekommen. Und wenn's Probleme gab beim Dreh, war schnell klar, dass in Spanien einiges anders läuft: Wenn die sagten, wir sehen uns morgen, dann konnte das schon mal übermorgen bedeuten. Aber egal: Wenn es einen zweiten Teil gäbe, ich wäre wieder mit dabei.

teleschau: Eigentlich ist Don Quichote ja ein Irrer. Die Herausforderung dürfte gewesen sein, diese Figur nicht lächerlich wirken zu lassen?

Herbst: Genau darum ging es. Er ließ sich nur ohne Doppelbödigkeit anlegen, ich habe es tunlichst vermieden, noch einen Kommentar dazu zu spielen. Da hat mir Stromberg sicher geholfen, der ja auch ein Charakter ist, den ich nie der Lächerlichkeit preisgeben durfte. Alles andere wäre Comedy, wären Verfremdungseffekte. Das würde nicht funktionieren.

teleschau: Gibt es für Sie Windmühlen, gegen die Sie ewig bereit wären zu kämpfen, obwohl es sinnlos ist?

Herbst: Nicht wirklich. Dafür bin ich wohl zu rational, zu erdverhaftet. Ich bin zwar astrologisch gesehen ein Luftzeichen, mit dem Kopf also immer ein bisschen im Himmel. Aber ich glaube durch meine Sozialisation bin ich doch zu sehr auf dem Boden der Wahrhaftigkeit verankert. Wenn ich merken würde, ich kämpfe gegen Windmühlen, würde ich den Kampf wohl einstellen. Kämpfen zum Selbstzweck, das gibt es in meinem Leben nicht.

teleschau: Man könnte es so interpretieren, dass Sie im Laufe Ihrer Karriere stets für einen niveauvolleren, intelligenteren Humor kämpften. Wohl wissend, dass Sie nur Minderheiten damit bedienen.

Herbst: Das ist kein Kampf. Stromberg ist ja auch keine Idee von mir. Intelligente kreative Autoren geben mir diesen Humor. Ich versuche, die Figur nur einfach auszustatten. Aber es ist schon richtig: Ich mache nicht alles. Ich kann nur Dinge tun, die mich ansprechen, mich selbst kurzweilen. Ein Kampf ist das nicht. Ich will nur meine eigenen Gelüste ausleben dürfen. Immer mit der Hoffnung im Gepäck, dass andere daran Spaß haben.

teleschau: Dennoch bleibt es ein Humor für die Minderheit. Nehmen wir an, Sie wären ein mehrheitsfähiger Komödiant, würden wie Mario Barth ein Stadion füllen ...

Herbst: ... dann hätte ich was falsch gemacht. Ich respektiere die Kollegen und ihren Erfolg, aber möchte an dieser Stelle Wim Wenders zitieren, der gesagt hat, dass man nur richtig erfolgreich sein kann, wenn man sich im Mittelmaß aufhält. Glauben Sie mir, ich bin glücklich, dass 'Stromberg' von wenigen gesehen wird. Aber das sind die Richtigen.

teleschau: Deutsche Sitcoms in Deutschland hatten es zuletzt allesamt schwer. Ist das Genre hierzulande tot?

Herbst: So wie wir es machen, hat es niemals gelebt. In der Perfektion, die notwendig ist, kriegt das wohl nur der angloamerikanische Raum hin. Den Kollegen Pastewka mal ausgenommen, den schaue ich mir gerne an.

teleschau: Seine Serie bei Sat.1 lief auch nicht berauschend.

Herbst: Das ist wahr. Über die Zukunft von 'Stromberg' redet Gott sei Dank niemand, weil ihm sowieso keiner jemals eine Zukunft eingeräumt hat. Den gab es immer nur in der Gegenwart. Die Quoten waren nie berauschend und sind auf diesem Niveau eingefroren. Aber es gibt einen harten Kern, ein festes Publikum, das immer wieder zuschaut. Und sich auch die DVDs kauft. Und den Sender, der daran festhält. teleschau: Eine Staffel soll es noch geben ... Herbst: Und ein wie auch immer geartetes Special. Wir drehen ab September.

teleschau: Eine Frage noch. Ich las, dass Sie früher Pornofilme synchronisiert haben ...

Herbst: Ach, das haben wir doch alle. Ich wusste eben nicht, wie ich meine Miete zahlen soll. Damals spielte ich Theater, und es kamen Kollegen auf mich zu, die im Bereich der Synchronisation von Erwachsenfachfilmen schon Fuß gefasst hatten. Ich habe zwei gemacht, und mich dabei sehr gelangweilt.

teleschau: Würde man Ihre Stimme erkennen?

Herbst: Wohl kaum. Ich bin der Mann, der im Hintergrund stöhnt.

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