Musik Star Portrait
Nick Cave & The Bad Seeds - Cave macht Schluss mit der Manipulation
Nick Cave ist zufrieden mit sich und seinem neuen Album 'Dig, Lazarus, Dig!!!'
Von Claudia Nitsche 1. Mär 2008, 08:56

Mit Schnauzbart und mehr 'Neutralität in den Songs' will Nick Cave seine Fans auf 'Dig, Lazarus, Dig!!!' überraschen. © EMI / Polly Borland
Nick Cave ist besessen davon, mit Worten zu berühren. Dazu erzählt er Geschichten über andere, nimmt sich komplett raus. Ob als Songwriter, als Roman- oder Drehbuchautor. Cave ist ein elitärer Künstler, der im Interview beinahe jede Frage bewerten muss wie ein alternder Lehrer. Er entscheidet nach seinem Schema, was intellektuell genug ist, darüber zu sprechen. Manchmal kommt der Australier, der Ende Februar mit den Bad Seeds das 14. Studioalbum 'Dig, Lazarus, Dig!!!' veröffentlichte, trotzdem ins Plaudern. Und dann erklärt er die Unterschiede zwischen Schreiben und Schreiben. Zwischen Grinderman und den Bad Seeds.

Und die neue Neutralität in den Songs.
Grinderman besteht zum Teil aus den Bad Seeds, Violinist Warren Ellis, Schlagzeuger Jim Sclavunos und Bassist Martyn Casey. Sie nahmen mit Cave vergangenes Jahr ein Album auf, das klingt wie der Name der Band - ungehobelt und hart. Doch es hatte vor allem eine Aufgabe nach 28 Jahren, in denen Nick Cave Alben veröffentlicht: 'Der wesentliche Unterschied bestand darin, dass die Lyrics sehr viel simpler waren. Ich liebe lange, komplizierte Songs. Habe mich aber bei Grinderman auf das Einfache besonnen, um wieder für das Komplexe bereit zu sein', sagt Cave beim Interview in Berlin.
Nobel ist das Hotel, in dem er residiert.

Und er, der groß gewachsene Musiker, dessen Songs oft klanggewordene Depression waren, passt gut hier hin. In seinem dunklen Anzug läuft er wie eine Figur aus Tim Burtons Filmen die endlosen Gänge entlang, um irgendwo am Ende zu verschwinden. Es ist kaum zu glauben, dass er, der Interviews hasst, tatsächlich hier ist. Aber manchmal kommt er während dieser ungeliebten Aufgabe nicht umhin, trefflich mit Worten zu jonglieren.
'Jede Band sollte einen Grinderman haben', konstatiert er und lacht. 'Jede Band, die lange im Geschäft ist. Sich hinstellen und einfach die gottverdammte Musik machen, die sie mag. Ohne Nachdenken, ohne Erwartungen. Das brauchst Du mal.' Gar nicht, um sich selbst bei Laune zu halten, das weist er zurück, sondern 'um sich am Leben zu erhalten, als unterstützendes Elixier. Und in dem Zusammenhang muss ich sagen, dass 'Dig, Lazarus, Dig!!!' einen freudvollen Sound hat, obschon es ein sehr dunkles Album ist. Es wirkt auf mich sehr lebendig. Eine Lebendigkeit, die ich in 'Nocturama' nicht fand, so sehr ich das Album auch schätze.'
Freudvoller Sound? Und das obwohl eine gewisse Apathie das große Thema des Albums ist. Es geht um Menschen, die sich im Halbschlaf oder im Koma befinden, oder auch mit dem Tod ringen. Um den geht es beim morbiden Songwriter immer, das weiß sogar der Popfan, seit er den Videoclip zum Duett 'Where The Wild Roses Grow' mit Kylie Minogue gesehen hat.
'Today's Lesson' ist eines der Lieder, mit dem Nick Cave zufrieden ist. Ein Highlight fast - 'dieser halluzinative Groove und dazu die wirklich brutalen Lyrics, die von einer Kindheitsgeschichte meiner Frau Susie abgeleitet sind.' Wenn es um die Songs geht, wird der Meister in seinem Designersessel aktiv. In Hinblick auf 'We Call Upon The Author' gibt Cave einen Exkurs in australischem Humor.
Auch wenn er seit geraumer Zeit in Brighton lebt, weiß er den natürlich einzusetzen in seinem Klagelied über all das, was das Leben bringt und sich erlaubt. 'Wir beschweren uns über unsere Kinder, die wir nicht begreifen, unsere Freunde, die plötzlich sterben oder Selbstmord begehen, über schlechte Autoren, die zu viele Bücher schreiben. Manches davon ist witzig. Das ist Bestandteil des australischen Humors, dass man nicht weiß, ob es als Witz gemeint war, und ob sich derjenige dessen, was er sagt, bewusst ist. Er erzählt etwas, weiß aber nicht, ob es lustig ist. Gerade deswegen ist er lustig.'
'Oder 'Moonland'', er schnippt mit den Fingern. 'Du hörst den Groove - und dann merkst Du, was das für ein trauriger Song ist. Aber es kommt mit Verzögerung. Die Musik täuscht.' Diese Stelle eignet sich, zu enthüllen, was die wesentliche Neuerung ist, die dieses Album von den vorangegangenen unterscheidet: 'Früher kam, wenn ich Musik geschrieben habe, bei einem traurigen Lied der Chor, dann die Violine. Ich zog alle Register, bin manipulativ vorgegangen. Dieses Mal hielt ich mich sowohl textlich als auch musikalisch zurück, ich wahrte die Neutralität.'
Den Bibeljungen Lazarus schickt Mr. Cave für seinen Neustart freilich dennoch in das New York der 70-er. Wo er selbst gern aufwachen würde? - 'Zwischen Marilyn Monroes Beinen', erklärt er grinsend. 'Weil sie mein absolutes Idol ist und die einzige Frau, bei der ich keinen Ärger mit meiner Gattin bekommen würde, weil auch Susie sie verehrt. Da dürfte ich untreu werden.'
Weitere Fragen zum exponierten Titelsong 'Dig, Lazarus, Dig!!!' hat er an diesem Tag wohl schon öfter beantwortet. Sie mögen naheliegen, doch wenn er keine Lust hat, wirft er dem Interviewer ein 'Weiß ich nicht' entgegen und fügt an: 'Mann, kannst Du mich nicht was anderes fragen, zum Beispiel 'Wie kannst Du mit 50 noch so gut aussehen?''
Der Vielfältige hat in letzter Zeit nicht nur sein Nebenprojekt gegründet, er schrieb auch Soundtrack und Drehbuch zum Western 'The Proposition' (2006), wie er schon in der Vergangenheit an Lyrik ohne Musik arbeitete. Ein sehr viel einfacheres Ding, erklärt der Mann, der keine Schreibblockade kennt. 'Beim Schreiben eines Romans, da konnte mich nichts aufhalten. Es sprudelte aus mir heraus, ging ganz fix', sagt er, während er ausschweifende, tippende Handbewegungen macht und mit den Armen kreist.
'Ich stellte mir nie die Frage, worüber ich schreiben könnte! Musik dagegen ist Kampf, bei jedem Song. Aber am Ende des Tages ist da ein gutes Gefühl, das man in anderen Bereichen nicht bekommt. Das bläst mich weg, berührt etwas in mir.' Und dann öffnet er die Tür ins Allerheiligste. Wie entsteht ein Cave-Song? Sicher nicht im Unterbewusstsein. Natürlich wisse er, was er da tut. 'Ich gehe in mein Büro, nein, ohne Büro, setz mich an meinen Schreibtisch. Du betrittst eine andere Welt, aber mir ist schon klar, was ich da tue, bei jeder Zeile.'
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