Kunst Nachrichten
Weltweit größte Gipsformerei in Berlin
Von Marion Thunemann 10. Mär 2008, 10:38

Blick in die Modellhalle der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin. © DPA
Berlin - Eine Nofretete für 450 Euro oder eine Laokoon-Gruppe für 30 000 Euro - die Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berliner hat originalgetreue Abgüsse von über 7000 Kunstwerken aus nahezu jeder Epoche der Menschheitsgeschichte im Repertoire.
Seit über 150 Jahren werden von Stücken aus Berliner und auch europäischen Sammlungen Repliken angefertigt. Viele Originale, deren Nachbildungen oder Formen in der 1819 gegründeten ehemals «Königlich Preußischen Gipsabgußanstalt» aufbewahrt lagern, wurden im Zweiten Weltkrieg oder von Umwelteinflüssen bis zur Unkenntlichkeit zerstört. In seinem dokumentarischen Charakter liege der besondere kunsthistorische Wert des Formenbestandes, sagt Leiter Axel Möller (64). Die Gipsformerei in Berlin-Charlottenburg sei die weltgrößte Institution ihrer Art - kleinere existieren in Paris und London. Möller leitet sie seit 1984.
Immer mehr Museen aus ganz Europa bestellen zur Komplettierung von Sonderausstellungen Abgüsse, einerseits ist das eine Frage der Etats für das Ausleihen von Originalen - meist ist schon die Summe für die Versicherung unerschwinglich, andererseits werden viele Originale gar nicht mehr ausgeliehen, wie zum Beispiel die Statue der ägyptischen Königin Nofretete. Deren Transport sei aus konservatorischer Sicht schlicht verantwortungslos, sagt Gipskunstformer Thomas Schepler: «Allein ihr Hals ist so zerbrechlich.»
Privatkunden können je nach Geschmack und Geldbeutel jedes «Kunstwerk» in Auftrag geben. Archäologin Elfi Kirchner, die eine kostenlose Führung durch Werkstätten und Hallen leitet, macht zunehmend auch bei jungen Leute eine Vorliebe für die Abgüsse aus. Besonders beliebt sind Nofretete, altägyptische Katzen, die berühmte Prinzessinnengruppe von Schadow und das ovale Türschild eines preußischen Beamten mit Lorbeer umrankt. Werden die Abgüsse ausgeliefert, sehen sie - und für Laien allemal - aus wie die Originale aus Granit, Bronze, Silber, Elfenbein oder Marmor. Die Gipsskulpturen eignen sich allerdings nicht zum Aufstellen im Freien, da sei ein Bronzeguss angebracht, sagen die Experten.
1891 wurde in Berlin-Charlottenburg ein eigenes Gebäude mit Formen- und Modelllager und einer Werkstatt gebaut - logistisch günstig an einem Güterbahnhof. Heute arbeiten hier unter Leitung eines Meisters 18 Gipskunstformer sowie drei Maler. Seit 1960 werden die schmucken Stücke in einem extra Raum verkauft.
Schepler, der hier seit 1989 arbeitet, hat Kunstformer in der Industrie gelernt. Die meisten seiner Kollegen sind Stuckateure. Die Maler sind alle Autodidakten. Ihre Fertigkeiten, den Umgang mit den Materialien sowie Kniffe und Erfahrungen geben sie untereinander weiter. Außerdem habe jedes Stück seine eigene Sprache, sagt Thomas Schepler, der gerade eine Luftblase aus den Locken einer kleinen Beethoven-Skulptur entfernt und das wilde Haar des Meisters originalgetreu richtet. Gegen Luftblasen in den Güssen habe selbst der versierteste Former kein Rezept. Jährlich werden hier nach Angaben von Chef Axel Möller 30 Tonnen Gips verarbeitet - ein besonders reiner und dichter Alabastergips aus dem Harz.Ausgangspunkt jeden Abgusses ist die Form - eine sogenannte Stückform, ein Modell aus Silikon oder Leim beziehungsweise Gelatine. Für einen überlebensgroßen Apoll hat ein Former ein Jahr gearbeitet. Es ist ein jahrtausendealtes Handwerk. Die Römer hatten schon hervorragende Künstler, die Abgüsse von den großen Plastiken der griechischen Antike fertigten. Diese sind heute meist ebenso wertvoll wie die Originale. Außerdem bewahrten so schon die Römer manches Werk der griechischen Antike für die Nachwelt.
© 2008 dpa - Deutsche Presse-Agentur
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