'Es ist zweifellos eine Krise', gestand kürzlich IOC-Chef Jacques Rogge ein. Wohl eher organisatorisch als moralisch, denn im selben Atemzug zeigte er sich erleichtert, dass die Umleitung des Fackellaufs in San Francisco, schwerer bewacht als ein Castor-Transport, reibungslos vonstattengegangen sei. Ebenso wie das olympische Feuer seine Haken schlägt, um der Konfrontation mit den Demonstranten zu entgehen, windet sich das IOC aus der Verantwortung. Appellieren, ja, aber boykottieren, nein, lautet das Credo. Dass gut zu reden auch in den letzten Jahrzehnten nichts verändert hätte, entgegen darauf die Gegner erzürnt.
Grün-blau wie die 'Sports for Human Rights'-Armbänder: die offizielle Homepage der diesjährigen Olympischen Spiele. © en.beijing2008.cn
Virtueller Sportlertreff: www.netzathleten.de ist eine Internetplattform für Profi- und Hobbyathleten. © www.netzathleten.de
Während von den ersten Reihen, Politikern und Verantwortlichen, nur ein sanfter Gegenwind kommt, fegen durchs Internet Sturmböen des Protests - Fönfrisuren des Widerstands inbegriffen.
Denn dort wird, wie es die Natur des Webs zu sein scheint, alles zum Spektakel. Bestes Beispiel: Marc Strotmann, ein Werber aus München (www.xyniaswetzel.de), hat doch tatsächlich ein Handzeichen 'entwickelt', mit dem Solidarität für Tibet signalisiert werden soll. Beide Hände in die Luft und bei der rechten den Daumen einknicken heißt ab sofort 'Free Tibet', die gezeigten Finger stehen für die Anzahl der Buchstaben.
Jedem seine Meinung: www.tibetblogs.com trägt allerhand Blogs, Fotos und Podcasts zum Thema Unruhen in Tibet zusammen. © www.tibetblogs.com
Die Frage, ob diese Art von La-Ola-Widerstand dem unterdrückten Tibet wirklich hilft oder eher die Grenze zwischen ernsthaftem Protest und aalglatter PR verwischt, wird gar nicht erst gestellt.
Sogar das einst angeblich von Lance Armstrong erfundene Silikonarmband, das damals Spender für die Krebsbekämpfung - oder war es doch Aids? - geschenkt bekamen, erlebt dieser Tage einen zweiten Frühling. 'Sports for Human Rights' steht diesmal drauf, und es ist grün-blau, genau wie die offizielle Seite der diesjährigen Olympischen Spiele, en.beijing2008.cn. Vertrieben wird es auf www.netzathleten.
Freiheit für Tibet lautet das Motto der Website www.tibet-intiative.de. © www.tibet-intiative.de
de, vor ein paar Monaten als Myspace für Sportler gegründet und mittlerweile zum Protestforum herangewachsen. Zwischen Fotocontest und Flirtspaß politisch Stellung beziehen - das ist Netzkultur in ihrer reinsten Form.
Ernster geht es auf www.tibetblogs.com zu. Hier werden Blogs, Videos, Fotos und Podcasts verlinkt, die sich um die Unruhen in Tibet drehen, ein unkommentierter Querschnitt durch die Gedanken der Zwei-Punkt-Nuller. Auf einen Shop, gesponsort von Amazon.com und mit allerlei Dalai-Lama-Büchern befüllt, verzichtet die Seite natürlich nicht.
Klar, denn in den letzten Wochen dürfte kaum ein Thema mehr Klicks geerntet haben.
Sachlich, aber direkt: www2.amnesty.de, die Homepage von Amnesty International, beschäftigt sich mit den Menschenrechtsverletzungen in China. © www2.amnesty.de
Außer vielleicht Gina-Lisas Ausscheiden bei 'Germany's Next Topmodel'. Wie sehr die Unruhen in Tibet und die Olympischen Spiele die Webgemeinde beschäftigen, verrät ein Blick auf die Historie der Wikipedia-Einträge zu beiden Themen. Mit rund 50 Änderungen in einer Woche siegt der Sport allerdings deutlich über die Politik, doch die sind zurzeit ohnehin nicht leicht zu trennen.
Selbst Seiten wie www.tibet-intiative.de oder www.free-tibet.info informieren über das Fackel-Versteckspiel. Amnesty International, www2.amnesty.de, bleibt der eigenen Linie treu, berichtet sachlich und zitiert Statistiken.
Im besten Licht steht das IOC dieser Tage nicht gerade. Die offizielle Homepage www.olympic.org bleibt neutral. © www.olympic.org
Auch hier dreht es sich um Tibet, aber - und das wird bei all der Aufregung oft vergessen - anderswo werden genauso Menschenrechte verletzt wie in China.
Dagegen wirkt die Seite des IOC (www.olympic.org) wie eine Plakatwand. Die ein oder andere Meldung zum Thema Menschenrechte findet sich zwar schon, aber Stellung wird nicht bezogen. Verurteilen kann man die Verantwortlichen für diese Haltung nicht, denn sind die Spiele erst mal vorüber, wird vermutlich die Sektion 'Olympic Museum' um einen Eintrag erweitert und die tosenden Wellen verebben - so wie es eben meistens ist.
Davon, wie stürmisch es im Netz ist, bekommen die Betroffenen jedoch am wenigsten mit. China, Freund der strengen Medienzensur, kaufte sich vor zwei Jahren Googles Neutralität ab. Wer seither den chinesischen Ableger der Suchmaschine www.google.cn nach Bildern von Tian'anmen befragt, dem Platz des himmlischen Friedens, auf dem 1989 Dutzende Demonstranten erschossen wurden, findet postkartenreife Motive. Das deutsche Google hingegen liefert auch Panzer und Leichen. Mittlerweile verhindert die chinesische Regierung auch den Zugriff auf Google Earth, hin und wieder, vor allem in Zeiten des aktiven Protests, wird auch Youtube verboten. Im Netz steckt eben doch nicht immer die ganze Wahrheit.
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tom23. Apr 2008, 09:41
müsste es im Text nicht 'www.netzathleten.de' anstatt 'www.netzathleten' heißen. Viele Grüße! Tom
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