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Clownesk: «Onkel Wanja» am Thalia-Theater

Von Ulrike Cordes 5. Mai 2008, 11:57

Hamburg - Weiß geschminkt sind ihre Augen und Münder, meist strubbelig ihre Haare. Ihre Körper stecken in cremeweißer Kleidung, in unförmigen, viel zu langen Hosen oder in weiten Kleidern, die von den Schulter zu rutschen scheinen, den Blick auf die Wäsche freigeben. Wie Leute vom Zirkus sehen die acht Personen aus - und so benehmen sie sich auch: Sie laufen herum, zappeln und stolpern, schlagen Rad. Anschließend liegen sie erschöpft auf Gartenstühlen. Sie reden viel - und gern flapsig: «Tee?» «Nee.» Am Hamburger Thalia-Theater inszenierte Andreas Kriegenburg «Onkel Wanja», Tschechows «Szenen aus dem Landleben in vier Akten». Für seine unterhaltsame, seltsam poetische und bittere, bravourös gespielte Clowns-Groteske erhielt der Oberspielleiter vom Premierenpublikum großen Beifall.

Slapstickartiger Körperaktionismus und schnodderige Alltagssprache prägen seine Version des 1899 uraufgeführten Werks. Es erzählt vom falschen, verrinnenden Leben, von Illusionen und verpassten Chancen: Titel-Antiheld Wanja (Jörg Pose) hat 25 Jahre lang auf dem Gut seines ehemaligen Schwagers (Helmut Mooshammer) geschuftet, damit der - ein Scharlatan - vom Erlös in der Stadt als Professor glänzen kann. Wanja, der die zweite, sehr junge Frau Jelena (Natali Seelig) des Professors verehrt, sieht seine gesamte Existenz ruiniert, als dieser nach seiner Pensionierung das Gut verkaufen will. Seine Gefühle eskalieren in einem Gewaltausbruch, der indes ohne Konsequenzen bleibt. Auch die anderen können ihrem Dasein kaum Sinn abringen: So begehrt der Arzt Astrow (Alexander Simon), ein Ästhet und erfolgloser Streiter für Ökologie, Jelena ebenso folgenlos, wie er selbst von der unscheinbaren Sonja (Lisa Hagmeister), der Tochter des Professors aus erster Ehe, geliebt wird.

«Please, don't kaputt my moment. Please, don't kaputt my wertvoll moment», heißt es am Anfang. Da krabbeln die Menschen aus dem verworrenen Birkenwald heraus, der auf den in Streifen geschnittenen Bühnenvorhang gemalt ist. Astrow zieht ein Stethoskop aus seinem Köfferchen, um die Herztöne des Nachbarn Telegin (Harald Baumgartner) zu kontrollieren - er hört sanfte Musik. «Seitdem der Professor mit seiner Frau hier wohnt, ist das Leben ein einziges Kuddelmuddel», lautet die allgemeine Diagnose. Alle Figuren hektisieren ohne innere Mitte, treffen im Dialog nicht das Herz des anderen: «Gott ist still. Und was ängstigt uns mehr als die Stille.» Wie eine abgerissene Gauklerschar sitzen sie dann frontal zum Publikum vor dem Vorhang. Wenn der aufgeht, reihen sich schrille, skurrile Szenen in einem fast leeren, bläulich beleuchteten Raum an einander.

Eindringlich verkörpert Pose den Sonderling Wanja - einen lauteren Menschen, zu selbstlosem Tun fähig und zugleich zu schonungsloser Analyse: «Alles hätt' ich doch haben können. Was tat ich stattdessen? Nur die Zeit vertrödeln.» Doch alles wird für ihn vergeblich bleiben, auch bei seinen Kontaktaufnahmen mit Jelena bekommt er nur schöne, wohl klingende Worte zu hören. Obwohl Außenseiter durch Hellsichtigkeit, ist er nur Teil eines Getriebes von Getriebenen. So antwortet der Professor, den Andrea Schraad (Kostüme) in ein kurzes Nachthemd und Riesenpuschen hüllt, auf die Frage seiner Frau «Was willst du eigentlich von mir?» nur «Gar nichts» und wälzt sich krank in seiner Steppdecke auf dem Fußboden. Zu einem Lichtblick der Aufführung gerät Lisa Hagmeisters Sonja: Kindlich-stur und kristallklar noch um ihre Liebe kämpfend, verfällt auch sie am Ende dem müden Wahn und der Täuschung von einer besseren Zukunft: «Wir werden zur Ruhe kommen.» Der Zuschauer aber erfährt: «Alles wird ganz genau wie früher sein.»

© 2008 dpa - Deutsche Presse-Agentur

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