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In Extremo - Zeitreise zum Erfolg

In Extremo In Extremo drehen auf ihrem neuen Album die Zeit um sieben Jahrhunderte zurück

Von Nina Hortig 16. Mai 2008, 08:59

Speerspitze des Mittelalterrocks: In Extremo. © Universal / Olaf Heine

Speerspitze des Mittelalterrocks: In Extremo. © Universal / Olaf Heine

Das wüste Image der Spielmänner mit Respekt einflößender, leicht grimmiger Miene, gestählter Brust unter ärmelloser Weste, auf der allerlei Zeug an Lederbändern baumelt, werden In Extremo wohl nie ganz los. Immerhin starteten sie ihre Karriere als Spieltruppe, die von Ritterturnier zu Burgfestival wanderte. Doch längst ziehen die sieben Berliner nicht mehr nur Mittelaltermarktbesucher mit Glöckchen am Fußgelenk in ihren Bann.

Mit Sängerkrieg veröffentlichen In Extremo die bisher vielschichtigste Platte ihrer Laufbahn. © Universal / Olaf Heine

Mit 'Sängerkrieg' veröffentlichen In Extremo die bisher vielschichtigste Platte ihrer Laufbahn. © Universal / Olaf Heine

Wenn auch eine Station ihrer diesjährigen 'Ius Primae Noctis'-Tour das Mittelalterfestival im rumänischen Sibiu ist, stehen In Extremo auch auf TV-Bühnen, rotieren ihre Videos zu Hits wie 'Mein rasend Herz' bei MTV und Viva. Doch die größten Fans sitzen in Südamerika, zur Not auch in überschwemmten Sälen. Wie das zusammenpasst? Sänger Michael Rhein alias Das Letzte Einhorn und Gitarrist Sebastian Lange alias Van Lange verrieten es an einem müden Morgen in München nach der partyreichen Premiere ihres neuen Albums 'Sängerkrieg'.

Mehr moderne Konzerthalle als Mittelaltermarkt: In Extremo. © Universal / Olaf Heine

Mehr moderne Konzerthalle als Mittelaltermarkt: In Extremo. © Universal / Olaf Heine

Es war einmal im 13. Jahrhundert eine Gruppe von Dichtern, die sich auf der thüringischen Wartburg in einem Wettstreit in der Kunst des Dichtens maß. Dieser Wettbewerb, der die Handlung einer Sammlung mittelhochdeutscher Gedichte bildet, ging als sogenannter 'Sängerkrieg auf der Wartburg' in die literarische Geschichte ein. 'Das war die Grundidee zum neuen Album', antwortet Michael auf die Frage nach einem persönlichen Sängerkrieg. Keine Fehden, kein Frust - In Extremo sind überaus zufrieden mit ihrer Stellung im Musikgeschäft, obwohl sie es oft nicht leicht haben mit ihren Fans.

Für die einen sind In Extremo nahe Verwandte von Rammstein, die vielleicht ein wenig schräg aussehen und seltsame Namen tragen, aber auch melodischen und wegen der nach wie vor vorhandenen mittelalterlichen Anleihen exotischen Rock präsentieren. Die anderen sehen In Extremo immer noch irgendwo in der Zeit verhaftet, als viele begeistert zu Ritterturnieren rannten, wo die sechs Spielmannen noch für einen Krug Met und einen auf Stein gebackenen Rahmflecken mittelalterliche Melodien auf mittelalterlichen Instrumenten spielten.

Sie hat schon was, die gute alte Zeit. Da klang der ursprüngliche Charakter der Musik noch stärker durch. Da wurden die seltenen Instrumente wie Nyckelharpa, Cister und Schalmei allesamt selbst gebaut, auch das Spielen brachte man sich selber bei. 'Das Know-how bekamen wir in den 90-ern auf den Mittelaltermärkten. Das war ganz schön viel Arbeit mit Bohrmaschine und Feile', erinnert sich Michael. Dafür sei heute nicht mehr die Zeit. 'Jetzt holen wir uns Hilfe bei einem befreundeten Instrumentenbauer oder kaufen die Instrumente ein. Sie sind sehr speziell und können sich auf der Bühne schnell mal verstimmen, durch Lichteinstrahlung und Wärme. Da leben hin und wieder sogar Würmer drin', sagt der Sänger und lacht mit seiner kehligen, rauchigen Stimme.

Die alten Instrumente spielen sie immer noch. Und auch an fremdsprachlicher Exotik fehlt es den neuen Alben, so auch 'Sängerkrieg', nicht. Vom spanischen 'En Esta Noche' und einem altfranzösischen 'Requiem' einmal abgesehen, befindet sich auch ein 'Zauberspruch' auf der aktuellen Platte. 'Dabei handelt es sich um eine uralte mündliche Überlieferung aus Estland, die vor 150 Jahren das erste Mal aufgeschrieben wurde. Ich forschte herum, nahm Verbindung mit jemandem auf, der aus Estland kommt. Er suchte mir die Quellen heraus. Der Zauberspruch hilft gegen alle Krankheiten', erklärt das Einhorn. 'Das ist eine Art Tradition bei uns. Eigentlich gibt es auf jedem Album eine Art Zauberspruch, ein Gebet oder einen Heilsspruch, den wir vertonen', sagt Van Lange. Als abergläubisch wollen sie sich aber nicht bezeichnen. 'Ich glaube nicht daran, dass es Unglück bringt, wenn eine Katze von rechts nach links läuft. Aber etwas wie die Zaubersprüche hat für mich schon eine gewisse Energie, der ich mich nicht entziehen kann. Dennoch stehe ich mit beiden Beinen auf der Erde', betont Michael.

Er steht aber eben nicht mehr auf staubigem Mittelaltermarktboden, sondern auch in modernen Konzerthallen. Und die Musik ist trotz Zauberei und der Wiederbelebung längst vergessener Sprachen inzwischen mehr Rock als Walther von der Vogelweide. 'Mittelaltermärkte sind unsere Geburtsstädte. Die werden wir nicht verleugnen. Aber wir sind eine moderne Rockband und entwickeln uns natürlich weiter', sagt er dazu.

Die Fans sahen das nicht immer so entspannt. Mit zunehmender Popularität klopften auch TV-Shows wie das mittlerweile eingestellte 'Top Of The Pops' an. Das erste Mal wurde dankend abgelehnt, das zweite Mal zugesagt. 'Kommerz!', schrie die aufgeschreckte Fangemeinde sofort. 'Man soll niemals nie sagen', rechtfertigt sich Michael. 'Das ist natürlich eine faule Ausrede. Irgendwann wollten wir eben, dass die Leute von unserer Musik erfahren. Formate wie 'Top Of The Pops' sind Plattformen dafür. Wenn Motörhead dort auftreten, dann schreien alle 'geil!'. Wenn wir das nutzen, dann rufen sie 'Kommerz!'. Das ist typisch Deutsch.' 'Top Of The Pops' war auch innerhalb der Band ein Streitthema. 'Manche von uns haben 'ja' gesagt, manche 'nein'. In so einem Fall wird innerhalb der Band abgestimmt. Die Mehrzahl hat die Macht', sagt Sebastian. 'Klar kommen die Kommerzvorwürfe immer wieder. Aber wir wollen nun mal, dass so viele Leute wie möglich unsere Musik hören.'

Das ist In Extremo auf jeden Fall gelungen. Während hierzulande immer wieder gemault wird, wird in Südamerika einfach gefeiert. Mittelalter hin, Moderne her - 'Dort geht richtig die Post ab', schwärmt Van Lange. Auf dem fernen Kontinent haben In Extremo ihre wohl größte Fangemeinde. Bereits dreimal ging es auf Tour nach Südamerika. Konnten die Jungs beim ersten Mal noch entspannt die Hängematten am Strand von Acapulco aufspannen, bekam die Band Anfang 2007 Sonne, Strand und Meer überwiegend durchs Flugzeugguckloch zu sehen. Doch der Stress wurde belohnt. 'Ich brauche eigentlich gar nicht zu singen. Die Leute kennen alle Songs auswendig', staunt Michael selbst. Mittelalterrock im Land des Samba? Sebastian versucht sich an einer Erklärung: 'Dort ist das ganz anders als in Deutschland. Hier hat das Publikum ein wenig Berührungsangst vor der Aura dieser Musik. Manche finden das uncool. In Südamerika machen sie sich gar keinen Kopf darüber. Die finden das einfach geil, weil es außergewöhnlich ist. Sie befassen sich mit der Musik, auch mit den Quellen von früher.'

Das Highlight der vergangenen Tour durch den Süden - da sind sich beide einig - war Chile. 'Die Menschen rasteten total aus, fassten uns während des Auftritts an. Sie waren so dankbar. Am Tag des Auftritts hatte es stark geregnet und die ganze Straße war überschwemmt. Das alte Kino, in dem wir spielen sollten, war derart verrottet, dass innerhalb kürzester Zeit der gesamte Backstagebereich unter Wasser stand. Wir mussten das Equipment auf die Bühne retten. Es war unmöglich, an dem Abend zu spielen. Dafür konnten die Fans nun aber nichts, und die Leute dort sind ziemlich arm. Wir buchten kurzfristig alle Flüge um und traten am nächsten Abend auf. Mit dem Megaphon machten wir vor dem Gebäude die Durchsage. Da hatten wir natürlich einen Stein im Brett', erzählt Michael. Wie chilenische Dankbarkeit aussieht, beschreibt Sebastian ziemlich eindrucksvoll: 'Als wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite etwas essen wollten, liefen uns die Leute vor dem Kino hinterher. Stellenweise mussten wir im Dauerlauf flüchten. Es kam sogar ein Reisebus aus Brasilien zum Konzert.' Bei solchen Storys kann jeder Ritter seine Lanze einstecken. Und wer denkt, das wäre schon das Ende des spannenden Tourtagebuchs, irrt. 'Einmal wurde unser Fahrer am Flughafen verhaftet, weil die Autoplakette abgelaufen war', erinnert sich Michael. 'Wir mussten uns neben das Rollfeld stellen, wo sich der Zollbereich befand. Wir sollten unseren Wagen direkt dort leer räumen, wo die Maschinen starteten. Mit Einkaufswägen haben wir unser Equipment da rausbugsiert.' So viel Abenteuer im Alter? Immerhin sind die Musikanten der sechsköpfigen Combo nicht mehr die Jüngsten. 'Wir sind eben Vagabunden, Strolche. Das hat etwas mit dem alten Rock'n'Roll-Leben zu tun', sagt das Einhorn und verrät: 'Für mich persönlich ist das die Erfüllung eines Traums.' Die Tour-Daten:

21.06., Burg Abenberg / Feuertanz Festival

12.07., Northeim, Waldbühne

17.07., Singen, Burg Hohentwiel

18.07., Creuzburg, Burg Creuzburg

31.07., Bonn, Museumsmeile

01.08., Trier, Amphitheater

02.08., Fulda, Schloss

29.08., Merseburg, Schloss Merseburg

30.08., Klaffenbach, Wasserschloss

05.09., Schwerin, Freilichtbühne

06.09., Magdeburg, Festung Mark

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CD Information

Künstler: In Extremo
Genre: Rock
Erscheinungsdatum: 2008-05-09
Label: Universal Records - UDR
Laufzeit: min
Bewertung: ausgezeichnet

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