Nur selten zeigt der Fernsehzuschauer dem Sender, wo es langgeht. Doch die dritte Staffel von 'Türkisch für Anfänger' ist ein kleines Wunder. Denn vor einem Jahr deutete alles auf das Ende der Vorabendserie hin. Das Publikum forderte via Unterschriftensammlung über ein Online-Portal weitere Folgen, das war das eine. Daneben hagelte es Fernsehpreise für die deutsch-türkische Patchworkfamilie. Allein die Quote schien die Verantwortlichen beim Ersten nicht recht zufriedenzustellen. Warum es nun doch im Herbst weitergeht, lässt sich leicht am Set in Berlin herausfinden, wo bis 5. Juli weitere 16 Folgen der Comedy-Serie gedreht werden.
Josefine Preuß dreht bereits die dritte Staffel der ARD-Vorabendserie 'Türkisch für Anfänger' als Lena. © ARD / Richard Hübner
Elyas M'Barek darf als Lenas Stiefbruder Cem nicht nur in Deutschland Klischees abarbeiten - 'Türkisch für Anfänger' verkauft sich auch im Weltvertrieb. © ARD / Richard Hübner
Nicht nur, warum es weitergeht, auch das Wie ist interessant. So bestimmen zwei essenzielle Fragen den Drehtag in Berlin Tempelhof: Will ich ein Kind? Und: Seh ich alt aus? Jene Zweifel nagen nicht etwa an der 22-jährigen Josefine Preuß als Lena. Es ist die Mutter, Doris, dargestellt von Anna Stieblich, der jene Dinge im Kopf herumschwirren. Zwei Themen, die man durchaus im Kontext sehen kann, selbst als emanzipierte Hippie-Braut in einer unkonventionellen Patchwork-Familie.
Es waren immer die Gegensätze, die 'Türkisch für Anfänger' so beliebt machten, und die ironischen Brüche mit den üblichen Klischees.
Mit der dritten Staffel macht 'Türkisch für Anfänger' einen inhaltlichen Zeitsprung von zwei Jahren: Metin (Adnan Maral) und Doris (Anna Stieblich, rechts) feiern Lenas (Josefine Preuß) Abitur. Jetzt wartet die Berufswelt. © ARD / Richard Hübner
Dessen ist sich einer sicher: Autor Bora Dagtekin. Der Kopf des Konzepts läuft nicht ohne Stolz in den Hallen auf und ab, in denen gerade sein Werk umgesetzt wird. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Türke.
Doch alleine daraus bezieht der ehemalige Werbetexter keineswegs seine Ideen. 'Wenn ich bei 'Verliebt in Berlin' sehe, wie die graue Maus Karriere macht, frage ich mich: Wie wäre das bei uns? Wenn Lena bei ihrer Mutter nachhakt, ob sie für einen guten Job mit ihrem Boss schlafen muss, antwortet Doris: Naja, ich habe auch mit vielen Chefs geschlafen - und das ist etwas, das keine Serienmutter sagen würde.
Die Inszenierung des turbulenten Multi-Kulti-Patchwork-Haushalts in 'Türkisch für Anfänger' (hier diskutieren gerade Elyas M'Barek und Pegah Ferydoni alias Cem und Yagmur) hat international Preise abgeräumt. © ARD / Richard Hübner
' Die Figur der Doris 'zerschmettert das Bild der Frauen in der Serienwelt', erklärt Dagtekin mit schelmischem Blick in Richtung Anna Stieblich, die mit hohen Schuhen und Sonnenbrille durchs Set stakst. Sie sei der Grund, weshalb 'Türkisch für Anfänger' auch eine wachsende Fanbase bei Frauen Mitte 40 habe.
Darüber hinaus, so der Autor, werden die Gags von studierten Menschen getestet: 'Dann kommt eben keine Sat.1-Sitcom dabei heraus, sondern die einzige öffentlich-rechtliche Comedy', so der Autor, dessen neues Projekt 'Doctor's Diary' (am Montag, 23.06., 20.15 Uhr) gerade bei RTL startet.
Fans und Jurys lieben sie: die Chaos-Familie Schneider-Öztürk aus Berlin. Von links: Metin (Adnan Maral), Lena (Josefine Preuß), Cem (Elyas M'Barek), Doris (Anna Stieblich) und Yagmur (Pegah Ferydoni). © ARD / Richard Hübner
Nach der zweiten Staffel habe er gemerkt, wie der Bekanntheitsgrad der Serie stieg. 'Jetzt ist sie angekommen.' Deshalb soll inhaltlich nicht auf der Stelle getreten werden, es gibt einen Zeitsprung von zwei Jahren. Das Abitur ist vorbei, die Berufswelt wartet. 'Während sich die Eltern gefunden haben, arbeiten die Kinder die Konflikte und Klischees ab.' Das war schon in den beiden ersten Staffeln so. Doch diesmal wird aus Theorie Praxis.
Schon die ersten Folgen der ersten Staffel machten 2006 klar: 'Türkisch für Anfänger' ist was Besonderes. © ARD / Hardy Spitz
'An der Schwelle zum Erwachsenwerden', erklärt Produzent Alban Rehnitz von Hofmann & Voges Entertainment, 'werden die Kinder eben nicht flügge, brauchen noch mehr Schutz als vorher, wenn sie sich entscheiden müssen zwischen Tradition und Selbstverwirklichung. Dabei werden wir wie bisher dramatische Situationen mit komischen brechen, und mit einer lustigen Szene Ernsthaftigkeit erzielen.'
Während in der zweiten Staffel die deutschen Wurzeln dominierten, stehen in der dritten die türkischen Familienmitglieder im Vordergrund.' Dazu kommen mit Cristina Do Rego ('Die Welle', 'Pastewka') als Kathi und Lilay Huser ('Chiko') als Metins Mutter zwei Schauspielerinnen, die den guten Ruf der Serie untermauern. Noch mehr bekannte Gesichter versprechen die Gastauftritte von Wigald Boning, Jan Sosniok und Ulrike Folkerts.
Positiv verbucht Rehnitz, dass die Serie 'international funktioniert': Sie verkauft sich im Weltvertrieb, nicht selbstverständlich für ein deutsches Format. Zudem gewann sie soeben beim 29. kanadischen Banff Television Festival in der Kategorie 'Telenovela und Serien' den ersten Preis, der sich zur Auszeichnung beim Festival de Télévision de Monte Carlo für die erste Staffel gesellt. Dazu gab es im selben Jahr den Deutschen Fernsehpreis, 2007 den Adolf-Grimme-Preis und den Deutschen Civis Preis, um nur eine Auswahl zu nennen. Bei dieser Serie treffe so viel Positives zusammen, dass man sich dem als Programmverantwortlicher 'nicht entziehen' kann, mutmaßt der Mann von der Produktion.
Auch Dagtekin mahnt zum Realismus: 'Traumquoten wie bei 'Berlin, Berlin' bekommt man nicht mehr hin, die Pre-Primetime ist so hart umkämpft.' Um die Zielgruppe besser zu erreichen, soll 'Türkisch für Anfänger' jetzt auch im Abendprogramm beworben werden.
Trotzdem - kreativ zu sein alleine genügt im deutschen Fernsehen nicht. Dr. Bernhard Gleim vom NDR dazu: 'Es war schwierig, denn unsere Einschaltquote war nicht so, dass man jubelnd sagte: Wir machen weiter. Aber das ist eben nur die eine Seite. Diese Serie erhielt, sobald man sie kannte, Zuspruch.' Die positive Resonanz habe einen Druck entwickelt, bis dann der NDR Geld zuschoss, um die Fortsetzung zu ermöglichen. Qualität darf also auch mal etwas kosten? 'Selbstverständlich', bestätigt Dr. Gleim. 'Wozu sind wir denn da?'
Und so geht dieses schöne Integrationsmärchen, das - und das ist vielleicht seine größte Leistung - vor dem Bildschirm die Generationen vereint, in die nächste, diesmal tatsächlich letzte Runde.© 2008 teleschau - der mediendienst
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