Wenn sich Adam Greens Stimme am Telefon verschlafen anhört, kann das auch andere Ursachen haben als reine Müdigkeit. Das ist bei dem Sänger, der gerne mal bekifft Interviews gibt oder betrunken über die Bühne torkelt, kein Geheimnis. Doch diesmal liegt es tatsächlich einfach daran, dass er bis kurz vor dem Telefoninterview im Sessel vor dem Apparat schlief. 'Ich habe einen ziemlich straffen Zeitplan, also versuche ich, wann immer es geht, ein wenig Schlaf zu bekommen', murmelt Adam aus einem Berliner Hotelzimmer gähnend in den Hörer.
Klingt endlich wie er selbst: Adam Green © rough trade
Mit Sixes And Seven' tourt Adam Green durch Deutschland. © rough trade
Ein solches Statement kann nur aus dem großlippigen Mund Greens kommen, dessen Devise in allen Lebenslagen 'unangepasst' zu lauten scheint. Unangepasst, wie seine Musik, die dennoch Massen begeistert, wenn auch nicht mehr unbedingt mit seinem aktuellen Album 'Sixes And Seven'. Die Platte, deren Titel eine Textzeile aus 'Tumbling Dice' von den Rolling Stones ist, sorgte längst nicht mehr für so viel Wirbel wie es 2005 'Gemstones' tat. Adam Green ist's irgendwie egal. Klar, er ist müde. Wach wird er bei so seltsamen Anekdoten wie über das Rendezvous mit einem Transvestiten.
Wie heißt es immer über Lehrer- und Polizistenkinder? Sie machen gerne besonders viel Ärger. Das ist natürlich pure Verallgemeinerung. Doch in jedem Klischee steckt ein wahrer Kern: Wer würde vermuten, dass der unangepasste New Yorker Musiker mit dem Hang zum öffentlichen Rausch Sohn zweier Ärzte ist? Sind die Eltern glücklich mit dem, was der Junior da hauptberuflich treibt? 'Meine Eltern waren immer begeistert davon, dass ich Musik mache, um Geld zu verdienen', sagt er in noch immer müdem Ton. 'Mit zwölf fing ich in der Band The Moldy Peaches an, mit 18 gingen wir auf Tour. Als mein Vater das erste Mal das Moldy-Peaches-Album hörte, sagte er: 'Wow, das hört sich so an, als ob Du tatsächlich ein Instrument spielen kannst.'
Instrumente spielen und singen, das kann er. Doch wie Adam Green beides einsetzt, ist wieder eine andere Sache. 'Unangepasst' ist wohl auch die treffende Bezeichnung für seine Musik. Melodie scheint da so nebensächlich wie der Text, und wenn Adam über seine Arbeitsweise aufklärt, verwundert das nicht mehr: 'Viele Songs, die ich schreibe, sprudeln plötzlich aus meinem Kopf. Sie kommen direkt aus meinem Unterbewussten. Ich versuche, es nicht zu sehr zu hinterfragen, sondern es einfach fließen zu lassen.'
Treiben lassen muss sich auch der Hörer in diesem Strom aus bunten, manchmal schrägen, manchmal sinnfreien Klangkonstrukten. Auf dem aktuellen Album 'Sixes And Seven' ist Adams Musik noch ein wenig vertrackter, womöglich gerade, weil er diesmal doch etwas darüber nachgedacht hat. 'Meistens nehme ich Songs so auf, wie ich sie live spiele. Diesmal veränderte ich die Lieder nach mehrmaligem Hören. Ich warf alle Regeln, die bislang für mich galten, über Bord. Außerdem war ich eineinhalb Jahre lang nicht mehr auf Tour. Die meiste Zeit verbrachte ich in New York und arbeitete an der Platte. Das letzte Album 'Jacket Full Of Danger' nahm ich dagegen in weniger als drei Wochen auf.'
Über 'Jacket Full Of Danger' sagte Adam Green 2006, es sei die Art Album geworden, die er schon immer habe machen wollen. Heute hört sich das im Vergleich mit 'Sixes And Seven' etwas anders an: 'Ich identifiziere mich überhaupt nicht mehr mit 'Jacket Full Of Danger'. Um ehrlich zu sein, halte ich es für ein schreckliches Album. Als ich es aufnahm, war ich wirklich stolz darauf. Doch das aktuelle Album entspricht mir eher. Es ist viel entspannter.'
Der Hörer selbst würde 'Sixes And Seven' wohl kaum als 'entspannt' bezeichnen, dieses Potpourri aus schleppenden Rhythmen, hektischem Sprechgesang und lässigen Crooner-Songs. Woher nur kommt diese Selbstverständlichkeit, mit der sich Adam an den verschiedenen Genres bedient und sie in seine Songs einwebt? 'Als ich klein war, wohnten wir gleich um die Ecke von einem Plattenladen, der gegenüber von dem Pizzaladen lag, in dem ich arbeitete. In meiner Mittagspause ging ich rüber. Der Besitzer verkaufte überwiegend Vinyl und kannte sich sehr gut mit Musik aus. Er brachte mich dazu, die verschiedensten Richtungen zu hören. Dann kannte ich einen Typen, der spielte in einer Band namens Tower Recordings, die ich übrigens für eine der meist unterschätzten Bands New Yorks halte. Sie spielten sehr psychedelisch und mit viel Folkeinflüssen. Das beeinflusste mich wohl am stärksten.' Nur als kleine Randnotiz: Als nächsten Streich plant Adam ein Album, das David Bowie gewidmet sein soll: 'Es soll ein Album sein, das auch er so hätte singen können.'
Eine Gemeinsamkeit scheinen die beiden Künstler schon mal zu haben, wenn es auch sicher nicht der Ruhm ist - in Deutschland ist Adam Green populärer als in seiner Heimat Amerika: Die beiden stehen auf Kostümierung. Für das Video zu 'Morning After Midnight' lief Adam als Frau verkleidet herum. Die Frage, wie er sich in Frauenkleidung fühlte, beantwortet Adam Green mit einem kleinen Auszug aus seinem Nachtleben: 'Als ich das erste Mal nachts durch New York zog, landete ich in einem Club auf einer Art Privatparty. Dort tanzte ich mit einem Mädchen. Sie hatte wunderschöne blaue Augen. Ich baggerte sie an, als sie plötzlich meinte: 'Ich bin ein Mann.' Aus irgendeinem Grund störte mich das aber gar nicht.'
Doch die Zeiten sind vorbei. 'In den letzten Jahre wurde ich ziemlich gezähmt', sagt Adam, der seit drei Jahren mit seiner Freundin Loribeth Capella zusammen im New Yorker Künstlerviertel Gramercy lebt. 'Jetzt schreibe ich Songs, in denen ich meine Freundin in den Schurken verwandele. Manchmal nutze ich die Musik, um über Dinge zu meckern. Ich hatte schon immer eine fatalistische Idee von der Dauer der Romantik. Die drückt sich auch in dem Song 'Homelife' aus.' Doch es ist ein anderes Lied, 'Drowning Head First', in dem Adam Green seine Freundin vors Mikro holte. Zu viel der Beständigkeit ist dann aber doch nichts für den Musiker: 'Ich will unbedingt verhindern, dass meine Freundin schwanger wird. Das wäre mein Ende', presst er zwischen einem langen Gähnen hervor. Es ist wohl wieder Zeit für ein kurzes Schläfchen ...
Tourdaten Adam Green:
17.07., Frankfurt am Main, O2 World on Tour
18.07., Melt Festival, Gräfenhainichen
20.07., Saarbrücken, Roxy
02.08., München, Energy in The park
06.08., Braunschweig, Meier Music Hall
08.08., Rothenburg, Taubertal Festival
13.08., Bochum, Zeche
14.08., Freiburg, Jazzhaus
17.08., Wiesen, Lovely Days Festival
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