'Selbst Erlebtes erschien mir nicht immer wichtig', sagt Volker Schlöndorff nach über 40 Jahren im Filmgeschäft selbstkritisch. 'Leseerlebnisse dagegen waren regelrechte Offenbarungen', bilanziert der heute 69-Jährige, der mit Glatze, der strengen Brille und seiner Vorliebe für Cord-Sakkos ein wenig an einen Studienrat erinnert, seine lebenslange Literaturbegeisterung. Tatsächlich verschafften dem Oscar-Preisträger seine Buchverfilmungen wie 'Die Blechtrommel' (1979) oder 'Tod eines Handlungsreisenden' (1985) Weltruhm. Für eine DVD-Edition hat Volker Schlöndorff neun seiner Lieblingsfilme neu zusammengestellt.
'Volker Schlöndorff - Director's Edition': Die hochwertige Box erhält neun vom Regisseur selbst ausgewählte Film-Highlights sowie Auszüge aus seiner Autobiografie. © Kinowelt
'Die Blechtrommel' (1978): Die Oscar-prämierte Günter-Grass-Verfilmung machte den damals 11-jährigen David Bennent in der Rolle des Oskar Matzerath zum Star. © Kinowelt
Film- und Literaturliebhaber kommen dabei gleichermaßen auf ihre Kosten.
Jedem Scheitern wohnt ein Neuanfang inne: Im Juli 2007 traf Volker Schlöndorff die geballte Wut von Bernd Eichinger. Was war passiert? In einem Zeitungsbeitrag hatte der Vorzeige-Intellektuelle zu bemängeln gewagt, dass sich koproduzierende Fernsehsender immer stärker in die Ästhetik von Kinofilmen einmischten. Star-Produzent Bernd Eichinger fackelte nicht lange und feuerte Schlöndorff als Regisseur der für 2008 geplanten Bestseller-Verfilmung 'Die Päpstin'.
'Die Stille nach dem Schuss' (1999): Die in der DDR untergetauchte Terroristin Rita Vogt (Bibiana Beglau) versucht, hinter dem Eisernen Vorhang ein neues Leben mit ihrem Liebhaber (Alexander Beyer) zu beginnen. © Kinowelt
Entrüstet über die vermeintlich geschäftsschädigende Kritik übergab er den Job an Sönke Wortmann.
Schlöndorff hatte sich mehrere Jahre intensiv auf die Dreharbeiten vorbereitet - und stand plötzlich vor dem Nichts. 'Schließlich erhielt ich eine bescheidene Abfindung und hatte plötzlich viel freie Zeit', schreibt Volker Schlöndorff in seinen im Sommer erschienenen Lebenserinnerungen 'Licht, Schatten und Bewegung - Mein Leben und meine Filme' (Carl Hanser Verlag). Kurzerhand stieg er auf den Dachboden und machte sich daran, Kisten mit Dokumenten und Tagebüchern zu sichten, die sich über die Jahre angesammelt hatten.
'Homo Faber' (1991): Ingenieur Walter Faber (Sam Shepard) überlebt nur knapp einen Flugzeugabsturz in der Wüste. © Kinowelt
Heraus kam ein sehr lesenswerter Lebensbericht, in dem Schlöndorff die Erfolgsgeschichte des jungen deutschen Films nach dem Zweiten Weltkriegs anhand der eigenen Kino-Karriere nacherzählt. Neben Schlöndorffs Autobiografie, die in einer Leseprobe auch der DVD-Edition beiliegt, bereiten die neun von Schlöndorff selbst ausgewählten Film-Highlights große Wiedersehensfreude. Die Director's Edition spannt den Bogen von der frühen Heinrich-Böll-Verfilmung 'Die verlorene Ehre der Katharina Blum' (1975) bis hin zum RAF-Film 'Die Stille nach dem Schuss' (1999).
'Die Fälschung' (1981): Bruno Ganz erlebt als Krisenreporter einer Hamburger Illustrierten das Grauen des Libanonkriegs mit. © Kinowelt
Schlöndorff, der 1955 während eines Schulaustauschs beschloss, für die nächsten zehn Jahre in Frankreich zu bleiben und dort auf einer Eliteschule Sitznachbar und Freund des späteren Regisseurs Bertrand Tavernier wurde, suchte Zeit seines Lebens die Nähe zu französischen Filmemachern. Er begann seine Karriere als Assistent von Louis Malle, arbeitete mit Jean-Pierre Melville und Alain Resnais zusammen. Obwohl er gerne als Autorenfilmer französischer Prägung akzeptiert worden wäre, wurde ihm in seiner Heimat häufig vorgeworfen, sich mit seinen Verfilmungen lediglich an die Erfolge literarischer Vorlagen heranzuhängen.
'Die verlorene Ehre der Katharina Blum' (1975): Von der Boulevardpresse in die Enge getrieben wird eine unbescholtene Haushälterin (Angela Winkler) in der Böll-Verfilmung zur Mörderin. © Kinowelt
'Die verlorene Ehre der Katharina Blum' zeigt allerdings sehr deutlich, dass Schlöndorff weit mehr kann, als Bücher eins zu eins abzufilmen. Seine geniale Besetzung mit Angela Winkler und Mario Adorf und die Abwandlung der Buchvorlage zu Beginn und Ende des Films haben noch heute als eigenständige künstlerische Leistung Bestand. Umso besser, wenn das Lob aus berufenem Mund kam: Der Schweizer Starautor Max Frisch zeigte sich jedenfalls von der Verfilmung seines Romans 'Homo Faber' (1991) sehr begeistert. Während der Dreharbeiten entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen Schlöndorff und Frisch. Der Schriftsteller überließ dem Regisseur sogar seinen Jaguar. Heute noch hütet Schlöndorff den Oldtimer wie seinen Augapfel und steuert ihn voller Stolz durch die Villenviertel von Potsdam, wo er lebt und arbeitet.In der Rückschau der neuen Filme, darunter auch 'Der Fangschuß' (1976), 'Eine Liebe von Swann' (1981) und 'Ein Aufstand alter Männer' (1987), können aufmerksame Betrachter selbst spannende Beziehungsbögen herstellen. So tauchen nämlich Einstellungen von den Straßenkämpfen im Beirut der Bürgerkriegszeit, die in der Nicolas-Born-Verfilmung 'Die Fälschung' (1981) eine wichtige Rolle spielen, 18 Jahre später in dem RAF-Aussteiger-Film 'Die Stille nach dem Schuss' noch einmal auf. Schlöndorff hat also nicht nur seine Lieblingsbücher gerne wieder und wieder gelesen. Ständig hat er auch seine eigenen Filme noch einmal durchgesehen - und Brauchbares wiederverwendet.© 2008 teleschau - der mediendienst
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