Musik Reportagen


Alice Cooper - Der Captain Hook des Rock'n'Roll

Alice Cooper über gutes Entertainment und fiktive Mörder

Von Juliane Lüthy 13. Dez 2008, 07:56

Auch mit 60 Jahren fühlt sich Schockrocker Alice Cooper noch für die Bühne geschaffen. © SPV

Auch mit 60 Jahren fühlt sich Schockrocker Alice Cooper noch für die Bühne geschaffen. © SPV

Der Godfather aller Schockrocker à la Marilyn Manson oder Lordi ist noch immer Alice Cooper, gebürtig Vincent Damon Furnier. Provokante Texte und aufwendig inszenierte Bühnenshows sind sein Markenzeichen. In diesem Jahr feierte der Musiker und Schauspieler seinen 60. Geburtstag, veröffentlichte mit 'Along Came A Spider' ein neues Studioalbum und begab sich damit auf eine umfangreiche Welttournee. Auch in Deutschland spielte er neun Shows.

teleschau: Sie sind in diesem Jahr 60 geworden. Was treibt Sie nach all den Jahren an, weiterhin Musik zu machen?

Alice Cooper: Ich genieße es mehr als alles andere. Ich fühle mich auf der Bühne einfach zu Hause.

Mit fiktiven Serienmördern, findet Alice Cooper, könne man guten Gewissens sympathisieren - anders als mit den echten. © SPV

Mit fiktiven Serienmördern, findet Alice Cooper, könne man guten Gewissens sympathisieren - anders als mit den echten. © SPV

Manche Leute fühlen sich daheim, wenn sie hinter ihrem Computer sitzen, andere, wenn sie in der Küche stehen. Wenn ich auf die Bühne gehe, ein Mikrophon in der Hand und ein Publikum vor mir habe, bin das ich. Wahrscheinlich hat mich Gott dazu erschaffen, ein Künstler zu sein.

teleschau: Sie haben mit 'Along Came A Spider' in diesem Jahr Ihr 25. Studioalbum und Ihr 18. Soloalbum veröffentlicht. Haben Sie da überhaupt noch etwas Neues zu erzählen?

Alice Cooper: Das Lustige ist, dass ich in meinen Texten keine persönlichen Erfahrungen verarbeite. Ich versuche, Geschichten zu entwickeln, von denen ich denke, dass das Publikum sie verstehen wird.

Care for a dance? Für Alice Cooper gehören Horror und Komödie untrennbar zusammen. © SPV

Care for a dance? Für Alice Cooper gehören Horror und Komödie untrennbar zusammen. © SPV

Diesmal habe ich mir überlegt, wie es wäre, einen Serienkiller zu haben, der sich in seine Opfer verliebt. Aber nicht nur das, manchmal verspürt er ein geistiges Erwachen während all seiner verrückten Morde. Ich wollte einen interessanten Menschen entwickeln, nicht nur einen stupiden Serienmörder. Es sollten die verschiedensten Facetten in seinem Charakter zu finden sein.

teleschau: Was genau fasziniert Sie an diesem Serienmörder namens Spider?

Alice Cooper: Nimmt man Hannibal Lecter, den Joker oder irgendeinen anderen fiktiven Serienmörder, stellt man fest, dass man keine Angst zu haben braucht. Eben genau aus dem Grund, weil sie fiktiv sind.

Kann zwischen Kunstfigur und Familienmensch inzwischen ganz gut unterscheiden: Alice Cooper alias Vincent Damon Furnier. © SPV

Kann zwischen Kunstfigur und Familienmensch inzwischen ganz gut unterscheiden: Alice Cooper alias Vincent Damon Furnier. © SPV

Nicht wie Ted Bundy oder Richard Ramírez, die echten Serienkiller, die einem wirklich Angst machen. Es gibt keinen Grund, diese Menschen zu bewundern, sie sind die verabscheuungswürdigsten Wesen überhaupt. Aber mit fiktiven Charakteren kann man viel eher sympathisieren. Warum also nicht eine Geschichte über einen Serienmörder, der sich als Spinne sieht und seine Opfer in einem Kokon einspinnt? Er behält von jedem dieser Opfer ein Bein, da er acht benötigt, um sich selbst zu vervollständigen. Er ist fast schon eine Art Cartoon-Figur, jedenfalls so fiktiv, dass man kaum glauben kann, dass er wirklich existiert.

teleschau: Haben Sie etwas gemeinsam mit Spider?

Alice Cooper: Nein, überhaupt nicht. Ich bin das komplette Gegenteil. Ich denke nicht, dass ich jemals jemanden umbringen könnte. Wenn meine Familie, mein Land oder jemand, den ich liebe, bedroht wird, ist das vielleicht etwas anderes. Aber ich könnte niemals jemanden vorsätzlich umbringen. Wenn ich über einen solch gegensätzlichen Charakter schreibe, ist das sehr spannend.

teleschau: Sie waren der Erste, der seine Musik in Verbindung mit einer Horror-Inszenierung auf die Bühne gebracht hat. Wie kam es damals zu der Idee, Musik mit Horror und Komödie zu kombinieren?

Alice Cooper: Ich bin der Meinung, dass es Horror nicht ohne die Verbindung zur Komödie geben kann. Man braucht die Komödie, damit es am Ende überhaupt funktionieren kann. Komödie oder Romantik. Nehmen wir beispielsweise Dracula. Woran liegt es wohl, dass Vampire so viel Erfolg bei Frauen haben? Vampire sind sehr romantische Kreaturen, die noch dazu ziemlich sexy sind. Das zieht die Frauen an. Mit der Verbindung von Horror und Komödie verhält es sich ähnlich, selbst wenn man dabei in Angst und Schrecken versetzt wird.

teleschau: Wie wichtig ist Entertainment für Sie in diesem Zusammenhang?

Alice Cooper: Wenn ich ins Theater oder ins Kino gehe, muss mich das Gesehene zum Lachen oder Weinen bringen. Oder ich muss schockiert darüber sein. Mittelmäßigkeit ist für mich das Schlimmste überhaupt, reine Zeitverschwendung. Wenn ich einen Film sehe, darf ich aus dem Staunen über die Special Effects nicht mehr herauskommen oder kaum darüber fertig werden, wie lustig diese oder jene Szene war.

teleschau: Alice Cooper existiert für Sie lediglich auf der Bühne. Das war allerdings nicht immer so. Warum haben Sie sich vor Jahren dazu entschlossen, sich selbst so weit wie möglich von Alice Cooper fernzuhalten?

Alice Cooper: Ich habe Alice Cooper erfunden, weil es damals in der Welt des Rock'n'Roll jede Menge Peter Pans gab, aber keinen Captain Hook. Niemand anders wollte diesen Job übernehmen, also machte ich ihn. Zu der Zeit habe ich sehr viel getrunken, ich wusste nicht, wo ich zu Ende war und Alice begann. Irgendwann fand ich heraus, dass es Alice nur auf der Bühne gab, ansonsten war ich einfach nur ich.

teleschau: Haben Sie und Alice Cooper dann überhaupt etwas gemeinsam?

Alice Cooper: Unseren Sinn für Humor und Ironie. Wir sind beide sehr gern sarkastisch, das ist aber auch das Einzige, was wir gemeinsam haben. In meinem realen Leben würde es mir sehr schwer fallen, jemandem ernsthaft weh zu tun. Alice hingegen hat damit kein Problem.

teleschau: Abseits der Musik sind Sie als Schauspieler tätig, lieben Golf, haben ein Restaurant und eine eigene Radiosendung. Wie kriegen Sie das alles unter einen Hut?

Alice Cooper: Ich versuche immer, die nötige Balance zu finden. Wenn ich diese Tour hier beendet habe, werde ich zwei Filme drehen, einen in Irland, den anderen in Kanada. Es handelt sich um zwei völlig verschiedene Projekte, eine Vampirkomödie und einen futuristisch-apokalyptischen Film. Ich freue mich darauf, eine Zeit lang jemand anderen als Alice Cooper zu spielen. Aber wenn es danach wieder Zeit für ein neues Album wird und ich erneut auf der Bühne stehe, werde ich wieder ohne Probleme zu Alice.

teleschau: Was ist für Sie das Wichtigste im Leben?

Alice Cooper: Ich bin seit 33 Jahren verheiratet. Ich habe drei wundervolle Kinder und eine großartige Frau. Alice Cooper ist das, was mein Leben ausmacht, aber er ist nicht das, was ich bin. Ich bin dankbar dafür, den Charakter des Alice Cooper erschaffen zu haben, und ich liebe Rock'n'Roll, aber darüber definiere ich mich nicht. Wenn mich jemand fragt, wer ich bin, würde ich ganz nebenbei sagen, dass ich Alice erfunden habe, denn das ist mein Job.

teleschau: Welche Rolle spielt Religion in Ihrem Leben?

Alice Cooper: Religion steht für mich an erster Stelle. Wenn man Christ ist, besteht deine engste Verbindung zu Jesus Christus. Wenn das stimmt, fügt sich alles andere ganz automatisch zusammen. Viele Menschen interpretieren das Christentum falsch. Sie denken, dass es etwas mit der Kirche zu tun hat. Es geht allerdings viel mehr um die eigene Beziehung zu Christus. Ich habe eine Verbindung zu ihm, nicht zur Kirche. Dennoch gehe ich in die Kirche und absorbiere ihre Prinzipien.

teleschau: Eine letzte Frage: Es heißt, Sie wählen seit Jahren die Republikaner. Was denken Sie über den Demokraten Obama als neuen Präsidenten Amerikas?

Alice Cooper: Ist es nicht lustig, dass dieses Gerücht seit Jahren existiert? Ich habe niemals gesagt, ich wäre Republikaner. Ich habe einmal in einem Interview erwähnt, dass es in Zeiten des Krieges besser ist, einen Pitbull im Office zu haben als einen Pudel. Dieser Pitbull wurde wohl mit George Bush gleichgesetzt. Und der ist nun mal Republikaner. Ich denke, dass Obama gut für das Image des Landes ist, er repräsentiert Frische, ein neues Amerika. Obama und McCain sind beide geeignet für den Posten als Präsident, doch Obama wird es eher gelingen, das Ansehen von Amerika wieder zu verbessern. © 2008 teleschau - der mediendienst

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