Gesellschaft
Der andere Stammtisch: Echte «Memmen» mögen Gefühle
Von Johannes Wagemann 12. Jan 2009, 12:27

Der Memmen-Stammtisch: Volker Thomas, Jörg, Thomas und Jörg (v.l.) nennen ihren vor 18 Jahren gegründeten Vereins die «Memmen». (Bild: dpa) © DPA
Ludwigsburg - Sie duschen warm, sie sprechen offen über ihre Gefühle. Und wenn es sein muss, weinen sie auch vor ihren männlichen Freunden - was für «Memmen».
So nennen sich sieben Stammtischbrüder in Ludwigsburg tatsächlich. Das verbreitete Schimpfwort für Männer, die aus Sicht ihrer Geschlechtsgenossen nicht zur «harten» Welt derer mit XY-Chromosomen gehören, wollen die Schwaben ins Gegenteil verkehren. «Wir haben gemerkt, dass wir nicht mit 'meinem Haus, meinem Boot, meiner Frau' prahlen müssen, um uns männlich zu fühlen», sagt Jörg Reuschenbach (38), Präsident des Memmen-Stammtisches Ludwigsburg.
Ganz genau definieren kann auch Stammtisch-Nachbar Volker Kowollik nicht, was eine Memme ist. Klar ist für den 39-Jährigen nur, was ihn mit seinen sechs Freunden verbindet. «Wir wollen einen Gegenentwurf präsentieren zum machohaften Männerbild.» Eigenen Nachforschungen zu Folge sind sie mit ihrem eingetragenen Verein bundesweit alleine. Nur in der Schweiz gebe es noch einen vergleichbaren Memmen-Club.
Unter einer Memme, heißt es schon im «Deutschen Wörterbuch», wird ein «furchtsamer und weichlicher Mensch» verstanden, der mit einer schwangeren Frau verglichen werde. Und das von «memm, mamme» (Mutterbrust, Euter) abstammende Wort ist seit dem 16. Jahrhundert bezeugt. Mit einigen Klischees müsse aber sofort aufgeräumt werden, sagt Reuschenbach.
«Memme» zu sein, habe für die Stammtisch-Brüder nichts damit zu tun, besonders «weiblich» zu sein oder einer bestimmten sexuellen Ausrichtung anzugehören, wie es viele Leute glaubten. Alle bis auf zwei Ludwigsburger Memmen sind verheiratet und teilweise mehrfache Väter, betonen sie.
Und eines ist den Memmen auch wichtig: Sie wollen zu keiner Lifestyle-Welle gehören, auf sogenannte Metrosexuelle und deren Präferenz für die «feminine» Seite des Mannes wollen sie sich nicht reduzieren lassen. «Wir legen auch Wert auf ein stilvolles Äußeres, aber uns gibt es auch schon seit 17 Jahren», sagt Reuschenbach. Da sei von Metrosexuellen noch nichts zu hören gewesen.
Entstanden ist der Verein im Gespräch mehrerer Tänzer unter den heutigen Stammtisch-Mitgliedern. «Da hieß es 'Mann oder Memme', und wir haben festgestellt, dass wir nicht immer auf die Pauke hauen müssen und eher zu den Memmen gehören. Das machte uns aber gar nichts aus.» Die australische Soziologin Raewyn Connell hat in ihrem einflussreichen Werk «Der gemachte Mann» festgestellt, wie stark ein geltendes Männerbild des starken Helden abweichende Lebensentwürfe zur Seite drängt. Das zeige allein die Fülle von Begriffen für sie, von Muttersöhnchen oder Milchbrötchen bis hin zur Memme.
«Als ich mich nach 17 Jahren von meiner Frau getrennt habe, bin ich hier zum Stammtisch gekommen und konnte mich richtig ausweinen», sagt «die» älteste der Ludwigsburger Memmen, der 50-jährige Thomas Berlin. Seine Freunde hätten ihm zugehört und ihn aufgebaut. «Ich hatte auch noch geschäftliche Insolvenzen hinter mir und stand vor dem Nichts.» Er schaut in die Gesichter seiner Stammtisch-Freunde, die wie er ihre gepflegten weißen Hemden mit dem Vereinsemblem tragen. «Von denen hat keiner gelacht», sagt Berlin.
In Friedrich Schillers «Räubern» wird wie bei vielen anderen Dichtern über Memmen gelästert: «Warst Du nicht die Memme, die anhub zu schnadern (mit den Zähnen zu klappern), als sie riefen: Der Feind kommt!». Doch Reuschenbach und seine Kollegen können sich nicht erinnern, einmal angefeindet worden zu sein. Sie präsentieren sich sogar sehr öffentlich, verkaufen auf dem örtlichen Stadtfest Cocktails für einen guten Zweck oder gehen im Vereins-Dress segeln.
© 2009 dpa - Deutsche Presse-Agentur
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