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Constantin von Jascheroff - Unglaublich, wozu die Menschen damals bereit waren!

Constantin von Jascheroff spielt im zweiten Teil des ZDF-Doku-Dramas 'Die Wölfe' (Teil eins: Do., 29.01., 21.00 Uhr, Teil zwei: Mo., 02.02., 20.15 Uhr, Teil drei: Di., 03.02., 20.15 Uhr)

Von Ute Nardenbach 17. Jan 2009, 07:55

Im ZDF-Doku-Drama 'Die Wölfe' verkörpert Constantin von Jascheroff einen jungen Ost-Berliner, der in den Westen fliehen möchte. © Jonas Jungblut

Im ZDF-Doku-Drama 'Die Wölfe' verkörpert Constantin von Jascheroff einen jungen Ost-Berliner, der in den Westen fliehen möchte. © Jonas Jungblut

Ein junger Mann schwimmt um sein Leben. Sein Ziel: der Westen. Neben seinem Kopf knallen Schüsse der DDR-Grenzsoldaten aufs Wasser. Es sind dramatische Bilder, in denen Constantin von Jascheroff ('Jargo', Förderpreis Deutscher Film für 'Falscher Bekenner') im ZDF-Doku-Drama 'Die Wölfe' (Teil eins: Do., 29.01., 21.00 Uhr, Teil zwei: Mo., 02.02., 20.15 Uhr, Teil drei: Di., 03.02., 20.15 Uhr) zu sehen ist. Szenen, die vor allem die Eltern des 22-jährigen Jungschauspielers berührten. Denn vor 19 Jahren gelang der Familie tatsächlich die Flucht aus der DDR, wie Constantin - geboren in Köpenick, aufgewachsen in West-Berlin - eindringlich schildert.

Drei Monate vor der Wende flüchtete Constantin von Jascheroffs Familie in den Westen. Der Schauspieler war damals drei Jahre alt. © Jonas Jungblut

Drei Monate vor der Wende flüchtete Constantin von Jascheroffs Familie in den Westen. Der Schauspieler war damals drei Jahre alt. © Jonas Jungblut

teleschau: Im Doku-Drama 'Die Wölfe' versuchst Du unter Beschuss, aus der DDR zu fliehen ...

Constantin von Jascheroff: Ja, das war für mich eine hochemotionale Angelegenheit. Ich habe mit meiner Familie Ähnliches durchgemacht. Drei Monate vor der Wende flüchteten wir in den Westen.

teleschau: Da warst Du gerade einmal drei Jahre alt ...

von Jascheroff: Gott sei Dank habe ich von all dem nichts mitbekommen. Ich dachte, wir fahren in Urlaub.

teleschau: Wie ist Deiner Familie die Flucht gelungen?

von Jascheroff: Meine Eltern (Juana-Maria und Mario von Jascheroff, d. Red.) waren freischaffende Künstler: Schauspieler, Kabarettisten.

Ich hätte es genauso gemacht. Trotz aller Risiken. - Constantin von Jascheroff kann die Entscheidung seiner Eltern, die DDR zu verlassen, nachvollziehen. © Jonas Jungblut

'Ich hätte es genauso gemacht. Trotz aller Risiken.' - Constantin von Jascheroff kann die Entscheidung seiner Eltern, die DDR zu verlassen, nachvollziehen. © Jonas Jungblut

Und weil sie sehr erfolgreich waren, hatten sie einige Vorteile und durften etwa zu Gastspielen in den Westen reisen. Die Kinder (Constantins Bruder ist 'GZSZ'-Star Felix von Jascheroff, d. Red.) mussten allerdings als Absicherung im Osten bleiben, damit die Eltern nicht abhauen. Mehr als zweieinhalb Jahre lang nahmen sie bei den Fahrten in den Westen mal ein Buch, mal eine Decke oder ein paar alte Kinderfotos mit, die wichtigen Sachen eben. Dann stellten sie einen Urlaubsantrag für die ganze Familie nach Italien, und die Volkspolizei kam zum Verhör ins Haus.

teleschau: Gut, dass Deine Eltern Schauspieler sind ...

Der 22-jährige Constantin von Jascheroff (rechts, mit Florian Lukas) wurde in Köpenick geboren und wuchs nach der Flucht seiner Familie in West-Berlin auf. © ZDF / Julia Terjung

Der 22-jährige Constantin von Jascheroff (rechts, mit Florian Lukas) wurde in Köpenick geboren und wuchs nach der Flucht seiner Familie in West-Berlin auf. © ZDF / Julia Terjung

von Jascheroff: Ja, sie konnten gut mit der Situation umgehen: 'Was denken Sie denn! Wir haben doch hier unser Haus, wir sind doch so zufrieden mit Vater Staat!' Schließlich wurden sie gefragt, ob sie sich auch vorstellen könnten, in Westdeutschland Urlaub zu machen. Da wusste keiner: Ist das jetzt eine Fangfrage? Klicken gleich die Handschellen? Aber meine Mutter blieb ganz locker und sagte: 'Ja logisch, wir wollen nur ein paar neue Eindrücke sammeln.' Und dann bekamen wir tatsächlich unsere Kinderpässe.

teleschau: Die ganze Familie durfte also problemlos in den Westen ausreisen?

von Jascheroff: Nein, an der Grenze wurden wir einfach nicht durchgelassen.

Ich wäre fast ersoffen! Neben meinem Kopf knallten Schüsse von Scharfschützen aufs Wasser. Danach hatte ich zwei Wochen lang Albträume, erinnert sich Schauspieler Constantin von Jascheroff an die Fluchtszene. © ZDF / Julia Terjung

'Ich wäre fast ersoffen! Neben meinem Kopf knallten Schüsse von Scharfschützen aufs Wasser. Danach hatte ich zwei Wochen lang Albträume', erinnert sich Schauspieler Constantin von Jascheroff an die Fluchtszene. © ZDF / Julia Terjung

Mein Vater war kurz davor, uns Kinder zu schnappen und loszulaufen. Der Westen war ja so nah. Dann hätten die Soldaten bestimmt das Feuer eröffnet. Aber das Schicksal meinte es gut mit uns. Es stellte sich heraus, dass die Grenzsoldaten diese Kinderpässe einfach noch nicht kannten.

teleschau: Und dann durfte die Familie doch passieren?

von Jascheroff: Ja, und noch am selben Tag schickte mein Vater ein Fax ans Ministerium: 'Wir sind weg für immer! Unser Haus könnt Ihr behalten!'

teleschau: Zur Vorbereitung auf Deine Rolle hattest Du in Deinen Eltern also äußerst kompetente Ansprechpartner ...

Als er drei Jahre alt war, floh seine Familie aus der DDR. Im ZDF-Doku-Drama Die Wölfe wagt Constantin von Jascheroff als Ralf (links) erneut die Flucht. © ZDF / Julia Terjung

Als er drei Jahre alt war, floh seine Familie aus der DDR. Im ZDF-Doku-Drama 'Die Wölfe' wagt Constantin von Jascheroff als Ralf (links) erneut die Flucht. © ZDF / Julia Terjung

von Jascheroff: Ich habe mich lange mit ihnen unterhalten, aber auch mit meinen Großeltern. Sie konnten mir so vieles näherbringen. Etwa, dass man sich damals bei Gesprächen auf der Straße immer vergewissern musste, ob nicht der Falsche zuhört. Man wusste, fremde Ohren sind überall. Diese Geschichten haben mich für die Rolle unheimlich geprägt.

teleschau: Hat Deine Familie 'Die Wölfe' gesehen?

von Jascheroff: Ja, meine Eltern haben die Bilder meiner Flucht sehr bewegt. Sie hatten diese Zeit einfach verdrängt. Klar, sie hatten Vorteile. Aber als Künstler ist man doch auch ein Freigeist, möchte bereichernde Erfahrungen machen und in der Welt unterwegs sein. Meine Eltern fühlten sich gefangen, und daher habe ich ihren Entschluss von damals verstanden. Ich kann es absolut nachvollziehen.

teleschau: Hättest Du selbst den Mut zur Flucht gehabt?

von Jascheroff: Ich hätte es genauso gemacht. Trotz aller Risiken. Man muss doch für irgendetwas kämpfen, für irgendetwas leben! Niemand lebt gerne in einem Gefängnis.

teleschau: Die Flucht hätte aber auch schiefgehen können ...

von Jascheroff: Ja, das darf man natürlich nicht vergessen. Meine Eltern hätten ins Gefängnis kommen können, wir Kinder ins Heim. Mein Vater hätte auch erschossen werden können. Daher finde ich das Projekt 'Die Wölfe' auch so realistisch.

teleschau: Weil es nichts beschönigt?

von Jascheroff: Ja, es ist unheimlich gut recherchiert. Es gibt zu viele Schrott-Filme über die DDR, die die Verhältnisse verherrlichen oder belustigend darstellen. Es war nun mal nicht lustig. Die jungen Leute bekommen so einen ganz falschen Eindruck.

teleschau: Fühlst Du Dich nach dieser intensiven Auseinandersetzung anders, wenn Du etwa durchs Brandenburger Tor gehst?

von Jascheroff: Ja, es fühlt sich anders an, wenn man diese Geschichte kennt. Am Brandenburger Tor oder am Checkpoint Charlie bekomme ich einfach Gänsehaut. Ich denke mir: 'Hier stand ich vor 19 Jahren mit meinen Eltern und meinem Bruder, und es war nicht sicher, ob wir überhaupt noch eine Zukunft haben.'

teleschau: Auch während der Dreharbeiten?

von Jascheroff: Die finale Flucht-Szene, in der auf mich geschossen wird, war für mich nicht leicht. Ich musste im November in drei Grad kaltes Wasser springen, mit Stiefeln und Mantel. Und der Neoprenanzug war auch zu groß. Ich wäre fast ersoffen! Neben meinem Kopf knallten Schüsse von Scharfschützen aufs Wasser. Danach hatte ich zwei Wochen lang Albträume: dass ich erschossen werde oder ertrinke. Vor allem wurde mir klar: Unglaublich, wozu die Menschen damals bereit waren!

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