TV Reportagen


Die kleinen Katastrophen des Naturfilmer-Alltags

Tom Synnatzschke und Henry M. Mix betreuten die ARD-Reihe 'Wildes Russland' (ab Mo., 02.03., 20.15 Uhr)

Von Annekatrin Liebisch 19. Feb 2009, 07:59

'Die Teams mussten auf alles zurückgreifen, das sich irgendwie bewegt: von zusammengezurrten Schlauchbooten bis hin zu Motorschlitten', erklärt Tom Synnatzschke vom NDR. © NDR / Naturfilm 2008

'Die Teams mussten auf alles zurückgreifen, das sich irgendwie bewegt: von zusammengezurrten Schlauchbooten bis hin zu Motorschlitten', erklärt Tom Synnatzschke vom NDR. © NDR / Naturfilm 2008

Genau festlegen will sich Tom Synnatzschke vom NDR nicht, wenn es um die Kosten der mit dem WDR koproduzierten Naturfilmreihe 'Wildes Russland' geht: 'Es ist auf jeden Fall die aufwendigste und teuerste Produktion, die im Natur- und Tierfilmbereich in Deutschland bisher auf die Beine gestellt wurde', erklärt er stolz. Dass während der Dreharbeiten für die sechs Dokumentationen, die ab 2. März montags, 20.15 Uhr, im Ersten laufen, nur zwei Kameras zu Bruch gingen, findet der Redakteur erstaunlich, denn ganz reibungslos liefen die 1.200 Drehtage nicht ab. Doch der federführende Kameramann Henry M.

Luftaufnahmen im Kaukasus brachten Henry M. Mix einen Kurzaufenthalt in Gewahrsam des russischen Geheimdienstes ein. © NDR / Naturfilm 2008

Luftaufnahmen im Kaukasus brachten Henry M. Mix einen Kurzaufenthalt in Gewahrsam des russischen Geheimdienstes ein. © NDR / Naturfilm 2008

Mix und seine neun Kollegen bewahrten eine schier unerklärliche Gelassenheit ...

teleschau: Dreieinhalb Jahre dauerte die Produktion von 'Wildes Russland', 100.000 Kilometer legten die zehn Kamerateams zurück, um 600 Stunden Rohmaterial zu sammeln. Wie kam der NDR auf die Idee, solch ein Mammutprojekt auf die Beine zu stellen?

Tom Synnatzschke: Wir beobachteten, dass das deutsche Naturfilmpublikum ein besonderes Interesse an Osteuropa im Allgemeinen und Russland im Speziellen zu haben scheint. Ein Thema, das auf dem Weltmarkt bisher kaum vertreten ist.

Obwohl der Ural am nächsten an Europa liegt, bereitete die Logistik in diesem Gebiet die größten Probleme. © NDR / Naturfilm 2008

Obwohl der Ural am nächsten an Europa liegt, bereitete die Logistik in diesem Gebiet die größten Probleme. © NDR / Naturfilm 2008

Die letzte größere Reihe ist von der BBC und stammt aus der Ära Gorbatschow, als sich die Sowjetunion öffnete.

teleschau: Warum wurde die Region von Naturfilmern bisher gemieden?

Synnatzschke: Für jede Produktionsfirma ist Russland das ganz große Abenteuer. Da traut sich nicht jeder heran. Doch mit Henry M. Mix stand uns jemand zur Seite, der sehr sehr russlanderfahren ist, viele Leute kennt und weiß, wie dieses Land funktioniert oder auch nicht funktioniert.

teleschau: Herr Mix, wo rührt Ihre Begeisterung für Osteuropa her?

Henry M. Mix: Ich fing vor etwa 15 Jahren an, dort Naturschutzprojekte zu betreuen.

Viele Gebiete Russlands waren für die Naturfilmer nur zu Pferd erreichbar. © NDR / Naturfilm 2008

Viele Gebiete Russlands waren für die Naturfilmer nur zu Pferd erreichbar. © NDR / Naturfilm 2008

Ich arbeitete mit russischen Kollegen zusammen und organisierte mit ihnen Expeditionen. Daraus wuchs die Faszination für dieses riesige Land, das für jemanden, der von außen darauf schaut, sehr schwer fassbar ist.

teleschau: Was genau macht Russland für Naturfilmer so abenteuerlich?

Synnatzschke: Durch die Größe des Landes ist die Logistik irrsinnig schwierig, in viele Gebiete kommt man nur mit Hubschraubern oder Pferden hinein. Die Teams mussten auf alles zurückgreifen, das sich irgendwie bewegt: von zusammengezurrten Schlauchbooten bis hin zu Motorschlitten.

Mix: Zudem ist auch die Bürokratie nicht ohne.

Viele Tiere wurden im Rahmen der Reihe Wildes Russland erstmals bei bestimmten Verhaltensweisen gefilmt. So gelang es unter anderem, kämpfende Argalis auf Film zu bannen. © NDR / Naturfilm 2008

Viele Tiere wurden im Rahmen der Reihe 'Wildes Russland' erstmals bei bestimmten Verhaltensweisen gefilmt. So gelang es unter anderem, kämpfende Argalis auf Film zu bannen. © NDR / Naturfilm 2008

Natürlich holten wir uns immer eine Dreherlaubnis, aber Russland ist groß: Nicht alle Genehmigungen, die in Moskau ausgestellt wurden, gelten uneingeschränkt 8.000 Kilometer entfernt. Die lokale Polizei hat in diesem Punkt oft eine andere Meinung.

teleschau: Waren wenigstens die Tiere kooperativ?

Synnatzschke: Einige Vertreter waren nicht leicht zu finden. Henry ist der Erste, dem es gelang, im Fernen Osten einen Amur-Tiger am Strand zu filmen. Auch auf die Aufnahmen der Bergwisente können wir sehr stolz sein: Die Sequenz erforderte mehrere Reisen in den Kaukasus.

Selbst Wüstentiere finden sich in den Weiten Russlands, beispielsweise die Krötenkopfagame, die schneller im Sand verschwinden kann, als man ihren Namen ausspricht. © NDR / Naturfilm 2008

Selbst Wüstentiere finden sich in den Weiten Russlands, beispielsweise die Krötenkopfagame, die schneller im Sand verschwinden kann, als man ihren Namen ausspricht. © NDR / Naturfilm 2008

Erst beim zweiten Anlauf sahen wir kurz ein einziges Tier - und das innerhalb einer dreiwöchigen Expedition. Auf dem allerletzten Weg gelang es, eine ganze Herde mit 50 oder 60 Tieren zu filmen, die über Hochebenen und durch Wälder zogen.

Mix: Bergwisente sind die letzten großen Büffel, die in Europa leben. Davon gibt es nicht mehr sehr viele, sie sind außerordentlich menschenscheu.

teleschau: Vermutlich aus gutem Grund ...

Synnatzschke: Durch die schwierige wirtschaftliche Lage in Russland versorgen sich die Leute selbst, was auch die Jagd einschließt. Das bedeutet für Tierfilmer, dass die Tiere nicht wie in Nationalparks in Amerika oder Afrika fröhlich vor der Kamera hin- und herlaufen, sondern extrem ängstlich sind. Darum mussten die Kameraleute in diese an sich schon entlegenen Gebiete noch viel weiter hineinkommen, als es 'der normale Bewohner' dieser Region mit seinem Jeep schafft.

teleschau: Sibirien, die Arktis, Kamtschatka, der Ferne Osten, Ural und Kaukasus - welches Kamerateam hatte am meisten mit der Unwegsamkeit des Drehortes zu kämpfen?

Synnatzschke: Das Ural-Team, würde ich sagen - was paradox erscheint, weil der Ural so nah an Europa liegt. Aber dort gibt es so gut wie keine Infrastruktur.

teleschau: Hatte der NDR bei so solchen Voraussetzungen Probleme, Kameraleute für das Projekt zu gewinnen?

Synnatzschke: Überhaupt nicht. Tierfilmer finden es unheimlich spannend, ein Gebiet zu porträtieren, das noch nicht zehnmal gefilmt worden ist. Wobei sich unsere Kameramänner zwischendurch sicherlich wünschten, sie hätten diesen Auftrag nie angenommen (lacht).

teleschau: Wieso das?

Mix: Wir wollten möglichst lang draußen in der Natur sein und mehrfach in die Regionen reisen, um den Wechsel und die Dynamik zu erfassen. Wenn man 1.200 Tage in der russischen Wildnis unterwegs ist, geht auch mal etwas schief. Aber meist klingt das dramatischer, als es eigentlich ist.

teleschau: Welche Meldungen von den Kamerateams empfanden Sie denn als dramatisch, Herr Synnatzschke?

Synnatzschke: Eine der kleineren Katastrophen des Alltags passierte bei einem der Kaukasus-Drehs. Mitten im Sommer ging ein gewaltiges Unwetter herunter, das Zelte und Lebensmittel wegspülte. Zum Glück kamen die Transportpferde zwei Tage später mit neuer Nahrung an, sonst hätten Tobias Mennle und sein Team erst einmal auf dem Trockenen gesessen.

Mix: Das zum Beispiel empfindet man vor Ort als wenig dramatisch: Wir alle hatten russische Kollegen dabei, die im Notfall aus nichts noch irgendetwas Essbares machen können. Wenn man so eine Expedition auf die Beine stellt, und die Aussicht auf Erfolg besteht, denkt man sowieso nicht vordergründig ans Essen. Kein Naturfilmer würde einen Dreh abbrechen, weil zwei Brote fehlen.

teleschau: Wie sahen denn die größeren Katastrophen aus?

Synnatzschke: Im Ural gab es einen recht spektakulären - aber zum Glück gut ausgehenden - Absturz mit einem Heißluftballon. Der krachte gegen eine Felskante, und ein Kameramann stürzte aus dem Korb. Er brach sich das Schulterblatt, und wir mussten ihn aus dem tiefsten Ural ausfliegen. In Kamtschatka wurde die Crew um ein Haar von einer Schlammlawine überrollt. Uwe Anders, unser Mann in der Arktis, musste hingegen ein medizinisches Problem lösen.

teleschau: Was hatte er denn?

Synnatzschke: Während der vier Monate, die er auf der Wrangel-Insel verbrachte, bekam er plötzlich Zahnschmerzen. Über Satellit telefonierte er mit seinem Zahnarzt, was damit endete, dass er sich den Zahn selbst zog.

teleschau: Sie scheinen bei Ihren Reisen ganz gut weggekommen zu sein, Herr Mix ...

Synnatzschke: (lacht) Henry wurde vom Geheimdienst verhaftet.

teleschau: Tatsächlich?

Mix: Verhaften ist so ein harter Begriff, meine Kollegen und ich saßen nicht im Gefängnis. Sagen wir, man nahm uns in Verwahrung.

teleschau: Gut, warum nahm man Sie in Verwahrung?

Mix: Wir wollten unbedingt Luftaufnahmen vom Kaukasus. Nur, wenn man einen Schritt zurücktritt, lässt sich die Landschaft, die Größe, die Faszination in irgendeiner Weise erahnen. Doch das klappte lange Zeit nicht, weil im Grenzgebiet zu Georgien Krieg ausbrach. Kurz vor Ende des Projektes fand ich einen Hubschrauberpiloten, der mich an Bord nahm, und ich riskierte es einfach. Beim letzten Flug über das Elbrusmassiv entlang der Grenze zwischen Abchasien und Georgien wurden wir festgesetzt.

teleschau: Wie kamen Sie aus der Sache wieder heraus?

Mix: Es gab lange Diskussionen, aber wir konnten klarmachen, dass wir keine Spione sind oder militärische Ziele verfolgen. Wir mussten alles vorführen, um zu beweisen, dass unser Bildmaterial nichts dergleichen enthält. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich irgendwelche politischen Konflikte verursachen oder tiefer gehende Probleme bekommen könnte. Nach ein paar Jahren Russland weiß man, wann es ernst wird und man nicht aufs Ganze gehen sollte.

teleschau: Hatten Sie keine Angst dabei, so nah an einem Krisenherd zu drehen?

Mix: Das Gebiet war zu der Zeit offiziell befriedet, es gab einen Waffenstillstand. Wären die Kampfhandlungen noch im Gange gewesen, wäre ich nicht geflogen. Und als wir endlich in der Luft waren, verspürte ich ein unglaubliches Hochgefühl. In solchen Momenten denkt man an nichts anderes als die Aufnahmen, die dabei entstehen.teleschau: Können Sie als Redakteur das nachvollziehen, Herr Synnatzschke?Synnatzschke: (lacht) Tierfilmer sein ist eine Berufung. Sie sind alle Naturfreaks, die einfach begeistert sind, wenn sie irgendein Tier, irgendein Verhalten filmen können, das zuvor noch keiner vor die Linse bekam. Sie sind mit voller Seele dabei. Ich muss offen sagen: Ich möchte nicht mit ihnen tauschen, aber ihre Begeisterung kann ich durchaus verstehen.

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