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Irakdrama «Verraten» in Karlsruhe
Von Martin Oversohl 2. Mär 2009, 13:03

Jörg Seyer, Robert Besta und Jonas Riemer in der Karlsruher Nancyhalle © DPA
Karlsruhe - Ihr Todesurteil ist aus Plastik, es ist gelb und steckt als Dienstmarke an Intisars Jackett. «Diese Karte ist eine Zielscheibe», meint die junge Irakerin.
Intisar ist eine von mehreren tausend Landsleuten, die nach der Invasion der US-Truppen im Jahr 2003 als Dolmetscher für die Amerikaner arbeiteten. Es ist eine tödliche Zwickmühle, von der Journalist George Packer in seinem Theaterstück «Verraten» in eindringlichen Worten erzählt. Von den Amerikanern werden die Übersetzer ausgenutzt, die meisten ihrer Asylanträge abgewiesen. Die eigenen Nachbarn dagegen verstoßen und hetzen sie als Verräter. Bei der deutschen Erstaufführung im Rahmen des Karlsruher Festivals «Schlaglichter // No.2» hinterließ der Überlebenskampf bedrückende Emotionen.
Schüsse hallen durch den weitgehend unmöblierten Saal, hier ein paar Tische mit Schreibmaschinen, dort eine Sitzgruppe. In Rückblicken erzählt Packer vom Doppelleben der Dolmetscher zwischen den «Besatzern» und den Menschen im Irak. In wortgewaltigen Sätzen bauen seine Protagonisten - drei Iraker, ein engagierter junger US- Diplomat und ein amerikanischer Militärprolet - ein Mosaik dieses humanitären Dramas auf. «Es waren überwältigende Gespräche, unendlich lebendig, voll von Details und Gefühlen», erinnert sich Packer an seine Interviews in Bagdad. Er habe sein erstes Theaterstück geschrieben, «um den Irakern, die ich getroffen habe, gerecht zu werden und um ihre Situation tiefer und persönlicher darzustellen.»
Inszeniert von Johannes Lepper vermag das Ensemble die gewichtigen Sätze Packers aber nicht in allen Teilen zu vermitteln. Vor allem Robert Bestas entwickelt seine Charakterrolle im Laufe des 90- minütigen Werks eindrucksvoll, auch André Wagner verfällt als US- Diplomat nachvollziehbar in die Desillusionierung. Die realistische Textvorlage reißt zudem kleinere Fehler und Textunsicherheiten heraus.
Packer beruft sich bei «Verraten» («Betrayed») auf eine eigene Reportage, in der er das Schicksal der irakischen Übersetzer, Fahrer, Sekretärinnen und Köchinnen beschrieb. Sie gerieten in den vergangenen Jahren zwischen die Fronten, galten als vogelfrei und wurden gnadenlos gejagt oder enttäuscht, weil sie sich durch ihre Hilfe als Mittelsmänner eine Perspektive erhofften. «Für Verräter gibt es keinen sicheren Ort im Irak», weiß Intisar. Nach Angaben Packers geht die Zahl der betroffen Iraker in die Zehntausende. «Aber die Zahl derer, die wir reinlassen, ist verschwindend gering.»
Intisar schließt sich mit ihren Freunden Laith und Adnan voller Idealismus den Amerikanern an. Laith liebt US-Filme und Metallica- Musik, Adnan genießt die englische Sprache in der US-Botschaft. Intisar dagegen weigert sich, ihr Haar mit einem Kopftuch zu bedecken und wünscht sich ein Fahrrad. Und alle drei müssen dafür bitter bezahlen. Intisar wird gelyncht, Laith flieht mit einem lange ersehnten Visum vor den Morddrohungen nach Schweden und Adnan bleibt zurück. Während sich die beiden heimatlosen Männer in Todesangst in einem Hotel treffen und Bagdad außerhalb der gesicherten «Green Zone» im Chaos versinkt, erzählen sie in Rückblenden von ihrem Weg aus der Hoffnung in die Zerrüttung.
Bei den Amerikanern gelten die anfangs loyalen Dolmetscher als Sicherheitsrisiko, ihnen wird Schutz und Asyl verweigert, denn «damit würden die Amerikaner eingestehen, dass sie im Irak versagt haben», meint Laith. Kulturkreise prallen immer wieder aufeinander, das Schicksal hängt wie ein Schwert über dem Trio. «Ich komme mir langsam vor, als stünden wir in einer Schlange vor dem Fahrkartenschalter und warteten auf den Tod.» Die Schuld aber sucht Laith keineswegs nur bei den US-Soldaten: «Es sind die Iraker, die ihr Land zerstören, mit Hilfe der Amerikaner, unter den Augen der Amerikaner.»
www.badisches-staatstheater.de
© 2009 dpa - Deutsche Presse-Agentur
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