20. Apr 2009, 18:16
Frankfurt/Main - Das traurige Schicksal des Daumenlutschers und des Suppenkaspers kennen heute Kinder in Deutschland genauso wie in China.
Originalausgabe des Kinderbuches 'Der Struwwelpeter' aus dem Heinrich-Hoffmann-Museum in Frankfurt am Main © DPA
Mit seinem «Struwwelpeter» ist der Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann zu einem weltweit bekannten Autor geworden. Doch zum 200. Geburtstag Hoffmanns, der am 13. Juni 1809 geboren wurde, streitet sich die Wissenschaft immer noch über den pädagogischen
Nutzen der «Lustigen Geschichten und drolligen Bilder für Kinder von 3 bis 6 Jahren». Hoffmann hatte das Buch an Weihnachten 1844 für seinen kleinen Sohn illustriert und verfasst.
«Der Struwwelpeter ist immer noch hochaktuell», sagt Prof. Hans- Heino Ewers. Das Buch behandle die «elementaren Themen der frühen Kindheit». Es erlaube Kindern, ihre Fantasien auf Figuren wie den langhaarigen und ungekämmten Kinderbuch-Helden zu projizieren. «Die Geschichten Hoffmanns haben angstbewältigenden und keinen angstmachenden Charakter», glaubt Ewers, Leiter des Instituts für Jugendbuchforschung an der Universität Frankfurt. Er ist sich sicher, dass Kinder beim Lesen eine Distanz zu den Figuren im Buch entwickelten.
Genau dies bestreitet die Psychoanalytikern Marianne Leuzinger- Bohleber. Sie hält das «Struwwelpeter»-Buch generell als ungeeignet für Kinder. «Es ist ein sehr effizientes, aber sehr autoritäres Erziehungsmittel», sagt die Frankfurter Psychoanalytikerin und Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts. Kinder könnten solche Geschichten nur dann lesen, wenn die Eltern sie dabei liebevoll begleiteten. Nur dann hätten sie keine Angst, dass ihnen der Vater den Daumen abschneide oder sie ins Tintenfass werfe. In vielen Familien fehle es aber an der «Empathie» für die Kinder.
Beide Wissenschaftler sind sich jedoch einig, dass Hoffmann Geschichten erfunden hat, mit denen er auf völlig neuartige Weise die Fantasie von Kindern und auch Erwachsenen angesprochen hat. Der Gelegenheitsautor war einer der ersten im 19. Jahrhundert, der mit seinen Bildgeschichten das «aktive Kind» als Leser entdeckte. Die Frankfurter Goethe-Universität will den «Hoffmann-Sommer» nutzen, um Rolle und Wirkungsgeschichte des «Struwwelpeters» in möglichst vielen Facetten zu beleuchten. Dazu wurden zu Vorlesungen und Vorträgen renommierte Wissenschaftler aus der ganzen Welt eingeladen, wie die Hochschule am Montag mitteilte.
Die Universitätsbibliothek, die neben zahlreichen Briefen Hoffmanns eine umfangreiche Struwwelpeter-Sammlung besitzt, wird die Ausstellung «Parodien und Struwwelpetriaden» zeigen. Dabei geht es auch um Bücher, die das Struwwelpeter-Motiv im Zweiten Weltkrieg für Propagandazwecke nutzten. Der «Struwwelhitler» ist dafür ein Beispiel aus England. Die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt geht mit dem Institut für Jugendbuchforschung der Frage nach, wie «Struwwelpeters Nachfahren» in der modernen Kinderbuch-Literatur aussehen.
© 2009 dpa - Deutsche Presse-Agentur
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