Aufgrund der Kooperation mit James Blunt und dem daraus resultierenden Video gibt es hier nun ein Interview mit Laura Pausini. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.
(c) Kenneth Willard; Laura Pausini
1. Ihr neues Album „Primavera In Anticipo“ überrascht durch viele unterschiedliche musikalische und emotionale Nuancen. Wie hat sich das entwickelt – denn planen kann man so etwas wohl nicht, oder?
Es gibt nur wenige Leute im Musikgeschäft, die ihre Musik planen können. Und gewöhnlich machen diese Leute Musik, bei der die Texte keine Bedeutung haben. Ich betrachte die Musik immer als eine Art Medizin. Manchmal habe ich sogar ein bisschen Angst davor zu entdecken, dass ich etwas schreibe, was dann auch in meinem Leben passieren wird. Das ist etwas Magisches, das ich nicht richtig erklären kann. Aber ich wollte diesmal die Jahreszeiten in meine Musik einbringen, denn sie sind voller Farben, auch voll von gegensätzlichen und widersprüchlichen Farben. Die Songs sollten diese vier Elemente, die vier Jahreszeiten widerspiegeln, denn ich habe diese Songs innerhalb von vier Jahren geschrieben, die völlig unterschiedlich waren, was mein persönliches Leben betrifft.
Ich habe begonnen zu verstehen, was es bedeutet, Traurigkeit zu empfinden, denn ich habe einen Menschen verloren, der mir sehr nahe stand. Dann habe ich entdeckt, dass ich einen Menschen verlieren wollte. Dann ist ein neuer Mensch in mein Leben getreten – in einer Weise, wie ich es nicht wollte. Und die letzte Jahreszeit, das ist der Frühling, bei der ich meine Lieblingsfarben Grün und Hellblau verwende, ist dadurch gekennzeichnet, dass ein Mensch in mein Leben tritt, von dem ich es mir wünsche, denn ich bin in der Lage zu wählen.
2. Besonders auffällig – auch im Vergleich zu früheren CD’s von Ihnen – ist eine gewisse Melancholie, die das Album durchzieht. Woher kommt sie?
Ich habe begriffen, dass ich recht melancholisch war, als ich das Album aufgenommen habe. Es gibt Songs, die ich geschrieben habe ohne daran zu denken, dass sie melancholisch sein könnten. Aber es gibt bei allen Songs einen leichten Hauch von Melancholie. Vielleicht bin ich tief in mir drin und bei allem, was ich tue, ein bisschen melancholisch, obwohl ich auch ein sehr enthusiasistischer Mensch bin.
(c) Kenneth Willard; Laura Pausini
3. Mit einem bisschen Abstand – Wie würden Sie das Album charakterisieren?
Das Album ist sehr nachdenklich, besonders der Teil des Albums, in dem ich den Herbst darstellen wollte. Dieser Teil nimmt einen großen Platz des Albums ein, mehr als der Sommer und auch mehr als der Frühling.
4. Diese Nachdenklichkeit empfinden wir im Winter und Herbst mehr als im Sommer…
Ja, das Album konzentriert sich mehr auf den Winter und ganz besonders auf den Herbst. „Nachdenklich“ ist inzwischen ein sehr schönes Wort für mich, aber vor ein paar Jahren war es das nicht, denn da wäre ich noch nicht fähig gewesen, diesen Zustand zu mögen. Aber jetzt fühle ich mich damit ganz wohl.
5. Wodurch wurde diese veränderte Sicht auf das Leben ausgelöst?
Mitten in der Arbeit an diesem Album habe ich meine Großmutter verloren. Ich war 32, als ich sie verlor. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit dem Tod konfrontiert wurde. Es war das erste Mal, dass ich das als Erwachsene erlebte. Ich denke, dass sich dadurch eine neue Welt auftut. Alles verändert sich, jede Priorität. Jeder deiner Gedanken verändert sich.
6. Was haben Sie empfunden, als Sie die Songs schrieben?
Es war ein bisschen Angst einflößend, aber auf der anderen Seite gab es mir auch einen gewissen Frieden. Es ist schwierig, das genau zu erklären. Ich habe den wichtigsten Teil des Albums in jener Zeit geschrieben. Die erste Single, die ich in Europa präsentierte, war „Invece No“. Diese Single ist dem gewidmet, was sie mir mit auf den Weg gab, kurz bevor sie starb.
7. Können Sie das ein bisschen genauer erklären?
Ich war bei ihr, als sie starb. Ihre Hände lagen in meinen. Es war eine eigenartige Situation, denn ich dachte, dass ich deprimiert sein würde. Aber ich war ganz ruhig und gefasst – überhaupt nicht deprimiert. Das war ein eigenartiges Gefühl, dass ich zunächst nicht verstand. Ich fragte mich, warum ich so empfinde. Ich fand heraus, dass es daran lag, dass ich die Möglichkeit hatte, meine Großmutter wirklich gut zu kennen und dass auch sie mich sehr gut kannte. Darüber wollte ich schreiben. Ich wollte ausdrücken, dass es niemals zu spät ist, miteinander zu sprechen und zu erklären, wer wir sind. Das gilt für alle Menschen in unserem Leben, auch wenn sie nicht immer mit uns in allem übereinstimmen – wenn man z.B. etwas sagt, das ihnen nicht gefällt. Sei es die Mutter, der Vater oder andere Familienmitglieder. In jedem Fall ist es sehr wichtig, miteinander zu reden, damit wir uns gegenseitig verstehen. Das hilft uns letzlich auch dabei, etwas zu akzeptieren, das für uns Menschen zu groß ist, um es erklären zu können.
8. Einige Songs wirken so, als würden Sie eine Art Zwiegespräch mit sich selbst führen. Was denken Sie?
Das stimmt. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Ich wollte das nicht wegen meines Ego tun. Andrerseits hatte ich das Gefühl, dass dies der einzige Weg war, um völlig unverstellt – sozusagen nackt – vor meinem Publikum zu stehen. Dies war der einzige Weg, bei dem ich das Gefühl hatte, völlig ehrlich zu sein. Und so wollte ich mich fühlen.
9. Auch Ihr Gesang hat sich verändert, offenbart mehr Nuancen. Wie bewusst haben Sie an Ihrem Gesangsstil gearbeitet?
Überhaupt nicht bewusst. Ich gehe immer ans Mikro und singe, was ich geschrieben habe, denn das, worüber ich schrieb, habe ich zuvor erlebt. Ich denke beim Singen nur daran, was ich empfand, als ich das erlebte. Wenn das Album schließlich fertig ist, stelle ich natürlich fest, dass ich da oder dort etwas in technischer Hinsicht nicht perfekt gesungen habe. Aber das ist etwas so Unwichtiges, über das sich nur Sänger Gedanken machen.
(c) Kenneth Willard; Laura Pausini
10. Wie arbeitet die Sängerin Laura Pausini im Studio?
Normalerweise singe ich im Studio einen Track fünfmal. Dann wird das Ganze editiert. Dabei habe ich das letzte Wort bei der Auswahl. Und manchmal wähle ich lieber einen Take aus, bei dem ich vielleicht nicht ganz sauber singe – z.B. bei dem Song „Il Mio Beneficio“ – aber bei dem ich das Gefühl genau treffe. „Il Mio Beneficio“ ist ein tragischer Song, der von einem Menschen handelt, der alles gegeben hat, ohne irgendetwas zurück zu bekommen. Dieser Mensch, sei es eine Frau oder ein Mann, ist am Ende, hat alles gegeben und nichts zurück bekommen. Er fragt sich: Wo ist mein Nutzen? – Dabei konnte ich nicht darüber nachdenken, dass ich den Song so oder so singen müsste. Ich musste den Song leben, denn wenn ihn nicht lebt, kann man ihn auch nicht singen.
11. Auf Ihrem neuen Album „Primavera In Anticipo“ gibt es mit Daniel Vuletic einen neuen Songschreiber, mit dem Sie bei mehreren Songs zusammen gearbeitet haben. Wie kam es dazu?
Daniel wurde in Belgrad geboren, er hatte dort ein ziemlich bekannte Band. Aber auf einmal entschied er sich, seine Gruppe und sein Land zu verlassen. Er flog nach Italien, nach Bologna. Er schlief vor dem Haus von Celso Valli, das ist einer meiner Produzenten. Er wollte, dass Celso sich seine Musik anhört. Eines Tages ließ Celso Daniel ins Haus. Danach rief er mich an und sagte mir, dass er diesen Typen kennen gelernt hätte, der mir ein paar seiner Demos zeigen wollte. Damals gab er mir einen Song, den ich sofort auf mein Album nahm, das ich eigentlich schon fast fertig hatte. Das war das Album „Tra Te E Il Mare“ und der Song hieß „Musica Sarà“.
12. Was unterscheidet Daniel Vuletic von anderen Komponisten?
Ich war sehr beeindruckt. Ich bekomme gern Songs von anderen Autoren. Aber manchmal passiert es dann, dass ich den Song dann noch etwas verändere, sodass er wirklich zu mir passt. Bei Daniel war es etwas völlig Komisches, etwas völlig Neues. Ich hatte sofort das Gefühl: Oh, oh, hier passiert was! Er schreibt Musik, wie ich Texte schreibe – ohne dass wir uns kannten.
13. Sie haben beim neuen Album auch im Produzentenstuhl Platz genommen. Wie kam es dazu?
Ich verfolge seit meinen ersten Schritten im Musikgeschäft ganz genau meine Entwicklung. Ich habe immer sehr eng mit meinen Produzenten zusammen gearbeitet. Wir haben sogar gemeinsam die Nächte im Studio verbracht. Ich weiß inzwischen so viele Dinge über den Aufnahmeprozess, sodass ich diesmal – nach 16 Jahren im Musikgechäft – wissen wollte, ob ich in der Lage bin, mich auch produzieren zu können. Ich hatte das große Verlangen, es einmal auszuprobieren. Oft habe ich beim Schreiben schon Ideen, aber ich bin nicht in der Lage, sie selbst umzusetzen, denn ich kann keine Instrumente spielen. Ich habe früher mal Flöte gespielt, aber darauf kann man keine Songs komponieren. Ich weiß, dass ich jemanden brauche, der mir hilft. Andrerseits wollte ich mich (als Produzentin) ausprobieren. In Bezug auf die (technische) Qualität sind meine Produktionen vielleicht nicht so gut. Die anderen Produzenten sind in dieser Beziehung viel professioneller.
14. Eine besondere Überraschung ist Ihr Duett mit dem englischen Singer/Songwriter James Blunt. Wer hatte die Idee dafür?
Ich bin schuld daran, ich war’s. (lacht) Als ich das Album schrieb, dachte ich noch nicht daran, ein Duett aufzunehmen. Ich habe also begonnen, das Album zu produzieren. Kein Problem. Auf einmal bekam ich eine Einladung von James (Blunt) zu seinem Konzert in Mailand. Weil ich sowieso dort war, sagte ich mir: Klar, da gehe ich hin. Ich mag seine Musik, das Konzert wird bestimmt gut werden.
Ich empfehle es jedem, James im Konzert zu sehen, besonders wenn es ein kleineres Venue ist, eine Art Unplugged-Umgebung. Er begann Klavier zu spielen und zu singen und sah dabei auf einen imaginären Punkt, von dem ich nicht weiß, wo dieser Punkt genau ist. Jedenfalls stellt man sich vor, dass er jemanden anschaut, der irgendwo vor ihm steht – ein Mädchen, einen Mann, was-weiß-ich. Das hat mich sehr beeindruckt, ich war richtig hypnotisiert und stand mit offenem Mund da. Ich hatte das Gefühl, dass ich Teil seiner Familie sei. Ich hatte das Gefühl, dass ich alle seine Gedanken und Emotionen kenne. So etwas ist mir nur sehr selten passiert. Ich sagte mir: Du musst deinen Mut zusammen nehmen und zu seiner Garderobe gehen. – Nach dem Konzert klopfte ich an seine Tür und sagte: Sorry, hier bin ich und ich bitte Dich, mit mir ein Duett zu singen! Ich habe noch keinen Song, ich habe nicht mal eine Idee, aber ich muss meinem Instinkt folgen“ – Er sagte, er würde gern einen Song mit mir singen. Aber das müsste ein Song sein, der uns beiden etwas bedeutet. Das ist eine Antwort! Das ist DIE Antwort!
15. Sie haben schon mit einigen sehr bekannten Künstlern duettiert. Nach welchen Gesichtspunkten wählen Sie Ihre Partner aus?
Was meine Duette betrifft, bin ich sehr wählerisch. Alle Duette, die ich bisher machte, hatten nichts mit Marketing-Überlegungen oder den Wünschen von Plattenfirmen zu tun. Denn ich glaube, dass die Leute merken würden, wenn etwas nicht echt ist.
16. Sie sind seit über 15 Jahren im Musikgeschäft. Wie wichtig ist es, ab und zu das Geschehene Revue passieren zu lassen?
Es ist wichtig, sich ab und zu die Zeit zu nehmen – und wenn es nur eine Woche ist – um über unser Leben zu reflektieren, das natürlich von der Musik dominiert wird. Wenn man sich entscheidet, die Musik zum Beruf zu machen, kann man sein persönliches Leben kaum noch vom künstlerischen Leben trennen. Ich bin sehr glücklich mit dem, was ich erreicht habe. Und auch damit, dass ich noch nicht ganz erwachsen bin, denn wenn ich auch nicht immer ganz rational agiere, bin ich doch meinen Instinkten gefolgt. Das hat mir wiederum dabei geholfen, keine Angst davor zu haben, immer wieder etwas Neues auszuprobieren. Ich bin viel gereist. Ich habe in Französisch, Spanisch, Portugiesisch oder Englisch gesungen.
Das ist für mich auch als Frau wichtig, denn durch andere Kulturen habe ich mich selbst besser kennen gelernt. Natürlich bin ich sehr stolz darauf, Italienerin zu sein. Ich bin eine glückliche italienische Frau, denn ich habe in meinem Blut und in meinem Leben viel lateinische Einflüsse gefunden.
(c) Giovanni de Sandre; Laura Pausini und James Blunt
17. Welche Gedanken beschäftigen Sie gegenwärtig am meisten?
Wenn ich mal innehalte, reflektiere ich natürlich besonders über mein persönliches Leben. Ich glaube, dass ich inzwischen sehr viel über meinen Job weiß. Aber ich bin nicht so erwachsen, was mein persönliches Leben betrifft, denn ich bin nicht dieselben Abenteuer eingegangen, wie ich es in meiner Musik getan habe. Vielleicht habe ich ein bisschen mehr Angst davor, in meinem persönlichen Leben Verantwortung zu tragen, als bei meiner Musik. Aber auch in meinem Leben kam natürlich die Zeit, in der ich begriffen habe, dass ich kein junges Mädchen mehr bin, sondern eine Frau. Ich möchte die Kraft aufbringen um herauszufinden, was es bedeutet, wirklich eine (erwachsene) Frau zu sein.
18. Wie weit sind Sie auf diesem Weg?
Ich bin immer noch beim Lernen. Ich könnte nicht sagen, dass ich in dieser Beziehung schon erwachsen wäre. Ich habe begriffen, dass ich eine Balance finden möchte – auch deshalb habe ich das Album „Primavera In Anticipo“ genannt, denn „Primavera“ ist ein Synonym dafür, dass ich auf der Suche nach Frieden und Balance in meinem Leben bin. Das ist etwas, das ich mit Ruhe und Gelassenheit erreiche mochte. Das ist auch das, was ich anderen Menschen wünsche. Dem Leben ruhig und gelassen gegenüber zu treten, hilft uns, mit allen, auch dem schlimmsten Emotionen umzugehen. In meinem Fall bedeutete es, dass ich selbstbewusster werden wollte, was ich früher nicht war.
19. Wie sehr hat sich das Musikgeschäft aus Ihrer Sicht in den vergangenen 15 Jahren verändert?
Wissen Sie, mir ist klar geworden, dass eine ganz neue Generation am Start ist. Bisher war ich immer die neue Generation. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich habe kürzlich festgestellt, dass diese neue Generation viele Songs gar nicht kennt, die für mich Klassiker sind und von denen ich dachte, dass sie jeder kennt. Es könnte sehr interessant, den ganz jungen Leuten diese Musik vorzuspielen, vor allem wenn sie nicht in derselben Sprache sind, damit sie verstehen, was passiert ist. Ich bin sehr neugierig darauf, wie junge Leute im Alter von acht oder zehn Jahren auf Musik z.B. von Motown reagieren. Sie kennen (die gegenwärtige) Musik, die oft sehr ähnlich ist, die aber für meinen Geschmack zu sehr kopfgesteuert ist und nicht viel Seele besitzt.
20. Seit Jahren sprechen Sie davon, dass Sie mal eine Pause einlegen wollen. Wie sieht es damit aus?
Ich versuche mein Leben zu organisieren, aber ich weiß nicht, ob ich damit Erfolg habe. Ich wollte eine zweijährige Pause einlegen – beginnend mit dem März dieses Jahres. Aber das schaffe ich nicht, denn ich habe schon wieder eine neue Idee, die ich unbedingt realisieren will. Ich möchte etwas aufnehmen, das ich im Kopf habe. Und ich kann es kaum erwarten.
2010 werde ich eine eineinhalb- oder zweijährige Pause einlegen. Das verspreche ich. Ich weiß, dass ich das seit zehn Jahren sage. Aber ich habe es meinen Eltern versprochen. Abgesehen von meinem Wunsch Mutter zu werden, möchte ich sehr gern mehr Zeit mit meiner Mutter verbringen. Als kleines Kind habe ich sehr viel Zeit mit meinem Vater verbracht, wir sind viel durch die Pianobars gezogen. Ich habe immer sehr viel mit ihm gesprochen und kenne ihn sehr gut. Aber meine Mutter kenne ich nicht ganz so gut. Deshalb bin ich sehr neugierig darauf, mich mit ihr zu vergleichen. Jetzt, wo ich auch ein bisschen erwachsener bin. Ich möchte mit ihr shoppen gehen. Sie ist Näherin und ich möchte Dinge von ihr lernen, die wir langsam vergessen – Traditionen, z.B. wie man Pasta herstellt, und andere traditionelle Dinge von Zuhause. Wir werden sehen.
© 2009 Warner Music
Laura Pausini ....
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