Nachdem RTL-Talker Oliver Geissen am 19. Mai seine letzte Sendung aufzeichnete und im Herbst auch die Wiederholungen versendet sind, wird sie die letzte Verbliebene im einst total überlaufenen Quasselstrippen-Business sein: Britt Hagedorn (37) hält mit 'Britt' (werktags, 13.00 Uhr, Sat.1) künftig einsam und alleine die Fahne der Nachmittagstalkshows hoch. Wie lange, das weiß auch die selbsterklärte 'Zweckoptimistin' nicht, die am Dienstag, 23. Juni, erst einmal Grund zum Feiern hat: 1.500 Folgen 'Britt', da gibt es natürlich viel zu reden - über vieles, das geredet wurde.
'Jetzt gibt es nur noch 'Britt': Britt Hagedorn hat kein Problem mit dem Etikett 'letzte Mohikanerin'. © Sat.1 / Axel Kirchhof
teleschau: Frau Hagedorn, dürfen wir Sie 'letzte Mohikanerin' nennen?
Britt ist cool dank Routine: 'Das Studio ist zu meinem Wohnzimmer geworden, und ich bin inzwischen zu so einer Wildsau mutiert, dass mir fast nichts peinlich ist.' © Sat.1 / Axel Kirchhof
Britt Hagedorn: Na klar. Wer kann schon von sich behaupten, letzte Protagonistin eines Fernsehgenres zu sein. Es gab mal 14 Nachmittagstalkshows. Jetzt gibt es nur noch 'Britt'.
teleschau: Fast zehn Jahre treulose Männer, angezweifelte Vaterschaften, hintergangene Liebende ... Hat Sie das Leben der anderen verändert?
Hagedorn: Sogar sehr. Ich bin ein unmoralisch moralischer Mensch geworden. Meine Vorstellung, was im zwischenmenschlichen Bereich in Ordnung ist und was nicht, ist klar umrissen. Ich bin viel harmoniebedürftiger und froh, wenn ich einfach Frieden zu Hause habe. Das hat natürlich auch mit dem Älterwerden zu tun.
Britt Hagedorn feiert Jubiläum: 1.500 Ausgaben von 'Britt'. © Sat.1 / Max Moos
Damit, dass ich Mutter und Ehefrau bin.
teleschau: Mussten Sie lernen, die Geschichten aus den Sendungen nicht zu nah an sich heranzulassen?
Hagedorn: Unbedingt. Ich wurde all die Jahre durch Coaches betreut. Die brachten mir Rituale bei, wie man gewisse Dinge abstreifen kann. Ich bekam von ihnen mal eine Knoblauchzehe, die sollte symbolisch gegen den emotionalen Vampirismus helfen - jeder Gast saugt ja ein bisschen an einem. Ich steckte mir das Ding also in die Handtasche und vergaß die Geschichte. Irgendwann, so nach eineinhalb Jahren, nahm ich die Tasche mal wieder mit zur Arbeit.
'Ich fände es spannend, wenn ich mal Akademiker im Disput hätte': Britt Hagedorn wehrt sich gegen das Schubladendenken. © Sat.1 / Axel Kirchhof
Alle im Studio wunderten sich, was hier so stinkt - bis ich eine völlig verfaulte Knoblauchzehe aus der Handtasche kramte ...
teleschau: Verraten Sie uns eine Technik, wie sich das Unangenehme abstreifen lässt!
Hagedorn: Ganz oft setzte ich mich früher nach einer Sendung in die Wanne, um mich im wahrsten Sinne zu säubern, den emotionalen Ballast abzuwaschen. Aber das sind Geschichten aus den ersten Jahren. Heute komme ich ohne Rituale klar.
teleschau: Auf Ihrer myspace-Seite im Internet beschreiben Sie den schlimmsten Moment Ihrer Karriere ...
Hagedorn: Ach, mir ist 'ne Radlerhose gerissen. Lange her.
Talkt seit über neun Jahren: Britt Hagedorn (37). © Sat.1 / Axel Kirchhof
Heute bin ich cooler, da würde ich mich über so was totlachen und wahrscheinlich den Hintern noch in die Kamera halten, die Panne spielerisch einsetzen. Das Studio ist zu meinem Wohnzimmer geworden, und ich bin inzwischen zu so einer Wildsau mutiert, dass mir fast nichts peinlich ist (lacht).
teleschau: Waren Sie auch so cool, als Sie 2006 für den 'Playboy' posierten?
Hagedorn: Oh, nein. Gar nicht. Ich hatte die Anfragen lange abgelehnt, aber irgendwann kocht einen der 'Playboy' weich. Mir war klar, dass meine Eltern das überhaupt nicht berauschend finden würden.
teleschau: Also war der Familienkonflikt vorprogrammiert?
Britt Hagedorn dreht für Sat.1 das Abendformat 'Deutschland wird schwanger'. © Sat.1 / Axel Kirchhof
Hagedorn: Meine Mutter zieht mir heute noch die Ohren lang. Aber es siegte der Reiz, die Eitelkeit, einmal im Leben derart hübsch in Szene gesetzt zu sein - bevor man anfängt zu verwelken.
teleschau: Kam danach Reue auf?
Hagedorn: Nicht eine Sekunde. Es machte Spaß, ich bin stolz auf die Bilder - auch weil ich schon immer ein bisschen um meine Figur kämpften musste. Ich bin totaler Genussmensch und neige dazu, schnell zuzunehmen. Ich wollte einfach mal solche Fotos haben, so lange ich noch keine Kinder habe. Das Lustige ist, dass ich direkt danach schwanger wurde ...
teleschau: Können Sie sich eigentlich an Ihre erste Sendung erinnern?
Britt Hagedorn: 'Ich garantiere: Bei mir wird keiner gezwungen, etwas zu tun oder zu sagen, was er nicht will.' © Sat.1 / Axel Kirchhof
Hagedorn: Hundertprozentig! Ich kenne sogar noch die Namen der Gäste. So unvergesslich wie eine Geburt. Meine erste Aufzeichnung drehte sich um das Thema 'Sexbomben', mit dabei: ein kleinwüchsiges Pärchen, sie Vanessa, er Steve, richtige Sexbömbchen ...
teleschau: Das liegt neuneinhalb Jahre zurück. Hätten Sie sich träumen lassen, so lange durchzuhalten?
Hagedorn: Auf keinen Fall. 300 Sendungen, lautete das Ziel. Jetzt sind es 1.500. Cool, oder?
teleschau: Wenn man bedenkt, dass schon bei Ihrem Start die Ära der Talkshows für beendet erklärt wurde, grenzt es an ein Wunder!
Hagedorn: Ich hatte zunächst selber Zweifel. Ein Verantwortlicher von Sat.1 sagte damals: 'Pass mal auf Mädchen, du hast dieses Angebot bekommen, nun nimm es an. Der Letzte macht immer noch das Licht aus!' Und so kam es auch.
teleschau: Sie knipsen es aus?
Hagedorn: Vielleicht auch nicht! Sollte der Nachmittagstalk noch einen Aufschwung erleben, dann würde ich mir gerne einen Orden anheften. Dann wäre ich es, der dieses Genre über schwierigste Zeiten hinweg gerettet hat. Ich glaube daran, bin eh eine Zweckoptimistin.
teleschau: Was lässt sie hoffen?
Hagedorn: Die Tatsache, dass es seit 20 Jahren Talkformate gibt. So viele Trends, die kamen und gingen, die Talkshow ist geblieben. Es muss so etwas wie ein grundlegendes Talkbedürfnis geben. Schon im Mittelalter haben sich die Leute zusammengerottet und Geschichten aus der Nachbarschaft erzählt ...
teleschau: Was steckt Ihrer Meinung nach dahinter?
Hagedorn: Da gibt es diesen kathartischen Ansatz, der auf die klassische Tragödie zurückgeht: Es wirkt befreiend, ein Stück vom Dilemma anderer Menschen mitzukriegen. Dieses 'Oh Mann, ich bin nicht alleine' ist ein Reflex. Ein anderer: 'Guck mal, mir geht's gar nicht so schlecht, andere sind schlimmer dran.' Natürlich gibt es auch einen empathischen Ansatz: Wir fühlen gerne mit anderen.
teleschau: Was machen Sie besser als der Rest?
Hagedorn: Ich glaube: Sobald man beginnt, sich über seine Gäste zu erheben, ihnen mit Süffizanz zu begegnen, wird es problematisch. Überheblichkeit kenne ich nicht, ich mache mich nicht über Gäste lustig und mag sowieso keine Menschen, die sich als zu wichtig empfinden. Ich ziehe zwar eine klare Grenze, aber ich weiß, dass es in einer solchen Sendung vor allem um Respekt und Vertrauen geht. Nicht zuletzt sehe ich mich als Bittsteller an den Gast.
teleschau: Gehen nicht allmählich die Gäste aus?
Hagedorn: Nein. Da spielt das Internet eine Rolle. Was die Themenfindung angeht und bei der Suche nach Studiogästen haben wir andere Möglichkeiten als Hans Meiser oder Ilona Christen früher. Viele Fälle haben etwas mit dem Internet, mit Chatten, Skypen, Mailen oder mit der Handy-Kommunikation per SMS zu tun. Die jungen Leute leben doch ganze Beziehungen auf virtuellen Plattformen aus. Viele Gäste haben keinen Schulabschluss, aber wenn es um die durchaus auch problembehafteten Kommunikationswege im Internet geht, sind sie fitter als ein Top-Manager.
teleschau: Und sie haben erstaunlich wenig Scheu vor der Kamera.
Hagedorn: Warum auch. Die Kamera beißt nicht. Außerdem wissen längst alle, wie Talk funktioniert, die haben keine Angst mehr vor dem Unbekannten. Wir klären sie in Gesprächen vor der Sendung auf, und sie wissen, die ganz böse Überraschung, die Bloßstellung, wird es nicht geben. Heute gibt es einen Code of Conduct. Es gab aber auch Talk-Zeiten, da hat man Gästen gesagt: 'Du kriegst 'ne Überraschung!' Und die Überraschung waren dann die Scheidungspapiere.
teleschau: Aber das Format lebt nach wie vor von der Konfrontation ...
Hagedorn: Schon. Doch ich versuche die Leute stets so weit wie möglich darauf vorzubereiten. Oft frage ich auch in der Sendung spontan: 'Bist du sicher, dass du das jetzt wirklich willst? Du kannst auch gehen und sagen: 'Ich lass es!' Mein Sensor für das Befinden meiner Gäste funktioniert nach 1.500 Folgen wirklich gut.
teleschau: Schlägt sich die Wirtschaftskrise auf das Niveau nieder?
Hagedorn: Weiß ich nicht genau. Die Gäste kommen eher aus schlechter gestellten sozialen Situationen ...
teleschau: Warum eigentlich?
Hagedorn: Ich weiß es nicht. Es ist so. Leider. Das beschäftigt mich wirklich, und ich bedauere es total. Talkshow ist ein fantastisches Format, aber man hat es öfter mit Leuten zu tun, die aus einer nicht sehr gehobenen Bildungsschicht kommen. Sie brauchen bei ihren Auseinandersetzungen jemanden, der den Part des Moderators übernimmt - das ist der Hauptgrund, warum die meisten zu mir kommen. Ich fände es spannend, wenn ich mal Akademiker im Disput, im gepflegten Meinungsaustausch, hätte.
teleschau: Aber in deren Köpfen hat sich ein anderes Bild vom Talk manifestiert ...
Hagedorn: Ja, alle glauben, dass bei uns ständig Leute aufeinander losgehen. Totaler Quatsch. Gut, Streit ist das Unwetter, das die klare Luft bringt, auch bei uns. Aber wir haben ganz viele sachliche Diskussionen, Versöhnungsgespräche, Liebesgeständnisse, Heiratsanträge ... Sicherlich ist in den letzten Jahren viel verdorben worden, aber ich garantiere: Bei mir wird keiner gezwungen, etwas zu tun oder zu sagen, was er nicht will.
teleschau: Sie gehen im September mit Ihrem neuen Format 'Deutschland wird schwanger' on air ...
Hagedorn: Ich drehe wie eine Bekloppte. Das Format ist, wenn Sie so wollen, mein neues Baby. Und für die Sat.1-Verantwortlichen ist das schon ein gewisser Schritt: ein Daytimer wird in die Primetime gesetzt - was bei RTL mit Oli Geissen ja schon lange gang und gäbe ist.
teleschau: Haben Sie sich in den letzten Wochen eigentlich mal mit ihm ausgetauscht?
Hagedorn: Seit bekannt wurde, dass seine Sendung bei RTL auslaufen wird, habe ich ihn leider nicht mehr gesprochen. Wir kennen uns schon lange, lange, bevor ich mit Fernsehen zu tun hatte. Seine Ex Ulrike und ich sind eng befreundet, Oli war dabei, als wir unseren 25. Geburtstag gemeinsam feierten. Er gab mir schon Ratschläge, als ich noch kellnerte, sagte mir, wo ich mich bewerben kann ... Er war mein Konkurrent, aber irgendwie auch meine sichere Hälfte. Wir liefen so viele Jahre direkt gegeneinander, aber seit sein Talk auf 15.00 Uhr geschoben wurde, begannen die Turbulenzen richtig. Das half auch mir nicht.
teleschau: Das Fernsehen rückt immer weiter an die Intimitäten des Alltags heran. 'Deutschland wird schwanger' soll, so Sat.1, 'die emotionale Achterbahn dokumentieren, die der Kinderwunsch für viele Paare bedeutet' ...
Hagedorn: Daran sehe ich nichts Schlimmes. Schwangerschaft ist ein sehr, sehr schönes Thema. Das Fernsehen hat sicherlich alle privaten Bereiche erreicht. In England hat das wohl auch Ausmaße angenommen, die zu massiv sind. Eine Beerdigung on air - das muss echt nicht sein. Es braucht Grenzen. Aber wir wollen einen privaten Bereich ausleuchten, der positiv belegt ist, wir wollen Paaren Mut machen, Kinder zu kriegen.
teleschau: Ihre Tochter wird im August zwei Jahre alt. Haben Sie Lust auf ein zweites Kind?
Hagedorn: Nicht ausgeschlossen. Neulich hat eine Zeitung geschrieben, ich sei schwanger. Aber da muss ich direkt sagen: Totaler Bullshit! Es wundert mich aber nicht, dass der Eindruck entsteht. Ich treibe mich für meine Sendung seit Wochen in Kreißsälen herum ...
teleschau: Heute hat jeder ein Fotohandy, und Sie stehen halt in der Öffentlichkeit!
Hagedorn: Was aber total abgefahren ist: Seit ich Mutter bin, ist es viel stiller geworden. Ich werde weniger angesprochen, und ich gebe zu, dass ich das ein bisschen genieße. Ich gehe auch weniger aus, man sieht mich kaum in Kneipen. Höchstens auf Kinderspielplätzen. Also wenn Sie Single sind, gehen Sie mal auf den Spielplatz am Turmweg in Hamburg: nur schöne Frauen, eine neben der anderen.
© 2009 teleschau - der mediendienst
"Britt Hagedorn", geb. Reinecke (* 2. Januar 1972 in Hamburg), ist eine deutsche Fernsehmoderatorin. ....
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