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Wenn Mädchen prügeln

Das schwache Geschlecht schlägt sich durch in '37°: Jung, weiblich, aggressiv' (Di., 14.07., 22.15 Uhr, ZDF)

Von Ute Nardenbach 16. Jun 2009, 07:55

'Jung, weiblich, aggressiv' - Die Gewaltbereitschaft von Mädchen und jungen Frauen nimmt zu. Iris Pollatschek fragt für '37°' nach, warum. © 37grad.zdf.de

'Jung, weiblich, aggressiv' - Die Gewaltbereitschaft von Mädchen und jungen Frauen nimmt zu. Iris Pollatschek fragt für '37°' nach, warum. © 37grad.zdf.de

'Aggressivität bei Jungs in der Pubertät ist in unserer Gesellschaft so normal wie Brötchen beim Bäcker', sagt Filmemacherin Iris Pollatschek. Klar, sie seien heutzutage noch immer gewalttätiger als Mädchen, die dazu neigen, Probleme in sich hineinzufressen oder sich bei Kummer mitunter sogar selbst zu verletzen. Doch ein Trend ist deutlich erkennbar: Die Tendenz bei jugendlicher Gewalt geht zur 'Gleichberechtigung'. Zwischen 1993 und 2007 hat sich die Zahl der Täterinnen bei Körperverletzungsdelikten verdreifacht. Auffällig werden vor allem Mädchen zwischen zwölf und 16 Jahren. Warum lässt das schwache Geschlecht die Fäuste sprechen? Iris Pollatschek fragt nach in ihrer '37°'-Reportage 'Jung, weiblich, aggressiv' (Di., 14.07., 22.15 Uhr, ZDF).

Eine eindeutige Erklärung für dieses Phänomen - das gibt Pollatschek freimütig zu - hat eigentlich niemand. Bei ihren Recherchen traf die erfahrene '37°'-Autorin aber auf viele Experten, die täglich in der Praxis mit den jungen Frauen zu tun haben: Jugendgerichtshelfer, Betreuer in WGs, Beschäftigte in Heimen. Immer wieder hört sie: 'Die Mädchen von heute sind einfach ganz anders als noch vor 20 Jahren.' Die traditionellen Rollenbilder brechen auf.

Die Teenager weinen nicht mehr nur in ihre Kissen: 'Wenn die anderen zuschlagen, warum sollte ich mich dann nicht wehren, nur weil ich ein Mädchen bin?', sagt die 17-jährige O. Über das 'Wehren' ging es dann aber doch hinaus: 'Sobald ich zuschlage, werde ich kurz wach und frage mich: Was machst du hier eigentlich?'

Auch O.s Mutter, eine Grafikdesignerin, ist entsetzt. 'Ich kann es nicht fassen, dass das meine Tochter ist.' Doch tragen die Eltern dennoch die Schuld am Verhalten ihres Kindes? 'Ihr Vater war aufbrausend', sagt Pollatschek. 'Die Mutter musste ihn verlassen. Es ging vom Dorf in die Frankfurter Großstadt.' O. fühlte sich entwurzelt, nahm sich immer mehr Freiheiten. Eine Erklärung? Vielleicht. 'Aber jegliche Ursachenforschung führt nicht zu dem Ergebnis, dass es folgerichtig so kommen musste', sagt die Autorin. 'Ich kenne andere Mädchen, die viel Dramatischeres erlebt haben und nicht prügeln.'

F. (16) wiederum ist sich ganz sicher, dass die Gründe für ihre Gewaltbereitschaft nicht in ihrem Zuhause zu finden sind. Das zierliche junge Mädchen wurde auf der Straße verprügelt. 'Das wollte ich nie wieder erleben', erklärt sie - und wie schön das Gefühl ist, Macht zu haben, sich Respekt zu verschaffen. Der Ausweg aus dieser Gewaltspirale kann gerade für Mädchen besonders schwer sein, wie die Filmemacherin erläutert. 'Wenn Jungs sich prügeln, kennen wir das. Wenn aber ein Mädchen zuschlägt, wird es viel schneller als nicht normgerecht empfunden. Mädchen landen schneller bei der Polizei, vor Gericht und in der Psychiatrie, weil die Gesellschaft dieses Verhalten bei ihnen weniger toleriert. Wer diese Schwelle erst einmal überschritten hat, findet schwer wieder zurück.'

Daher ist es der Autorin wichtig, niemanden zu stigmatisieren: 'Man darf das Verhalten keinesfalls verharmlosen, aber Stigmatisierung ist das Letzte, was diese Mädchen brauchen und was die Gesellschaft braucht. O. macht bei der Reportage mit, weil sie sich erklären will. Sie hat angefangen, ihr Verhalten zu reflektieren.' - 'Ich dacht', ich sei erwachsen, das war die Zeit mit den Kinderfaxen. Ich fing an zu klauen, die Leute zu verhauen. Ich war nie richtig stolz auf mich, dabei verlor ich mein Gesicht' lauten die Zeilen eines Raps der 17-Jährigen.

O. sei derzeit auf dem richtigen Weg, aber noch lange nicht angekommen, glaubt Pollatschek. Das Mädchen muss Arbeitsstunden ableisten, will das auch, hat aber doch ein paar Termine verpasst. Im schlimmsten Fall droht Jugendhaft. 'Was ich am meisten bereue, ist, dass ich meiner Mutter seelisch so weh getan habe', sagt sie. 'Ab jetzt wird alles anders. Ich muss mir doch anders Respekt verschaffen als mit den Fäusten', nimmt sie sich an ihrem 17. Geburtstag vor.

'Hauptsache, sie überlebt und schafft es, nicht so tief hineinzurutschen, dass sie nicht wieder rauskommt', sagt die hilflose Mutter. Ihre Sorge werden viele Eltern teilen können. 'Aggressivität ist ein normales pubertäres Verhalten - bis zu einem gewissen Grad. Aber diese Mädchen gingen darüber hinaus', erklärt die Filmemacherin, selbst Mutter von zwei Kindern. 'Teenager sind schwer zu greifen - immer. Wir müssen einfach versuchen, sie ohne größere Beschädigungen wieder aus der Pubertät herauszukriegen.' Es helfe, sie ernst zu nehmen, sie beim Wort zu nehmen, ihnen Halt zu geben, Klarheit und vor allem auch Grenzen. Denn es herrsche eine Orientierungslosigkeit in unserer Gesellschaft. Jugendliche seien aber immer auf der Suche - nach Werten und ihrer Rolle.

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