Gesellschaft
Schrill und schräg: Christopher Street Day in Köln
Von Lucy Breucha 5. Jul 2009, 16:11

Travestie-Künstlerin Tatjana im fantasievollen Cocktail-Outfit. © DPA
Köln - Ausgelassenheit liegt in der Luft an diesem Sonntag in Köln. Es wird getanzt, flaniert, geflirtet. Kein Wunder, denn die 700 000 Feiernden beim Christopher Street Day (CSD) freuen sich über ein Jubiläum: «Unsere Freiheit hat Geschichte. 40 Jahre CSD», heißt das Motto.
Trotz sommerlicher Temperaturen ist allerdings nicht alles eitel Sonnenschein. Die Szene streitet über eine neue CSD-Charta, die allzu großer Freizügigkeit Einhalt gebieten soll.
Ralph (39) zum Beispiel ruft von Wagen Nr. 9 herunter: «Kann gar nicht nackt genug sein! Es ist Blödsinn, das zu reglementieren!» Und auch Blacky (56), werktags Angestellter im öffentlichen Dienst, findet: «Die Spießer sollen zu Hause bleiben». Sein Wagen hat das Motto «Leidenschaft ist keine Sünde». Auf einem Transparent steht: «Weg mit der 'Charta'!»
Bei den Kostümen ist auch diesmal wieder für jeden Geschmack etwas dabei, vom Ganzkörperanzug in schwarzem Lack über aufwendige Trachten à la Rio de Janeiro, bis hin zum «Normalo-Outfit» in weißer Jeans und pinkfarbenem Polohemd. Etwas arg Provozierendes ist allerdings trotz des heißen Wetters kaum zu entdecken - hat die Charta vielleicht doch Wirkung gezeigt? In der Vergangenheit hatte es immer wieder Kritik gegeben. Noch am Samstag wetterte Kurienkardinal Walter Kasper gegen das «Zur-Schau-Stellen, diese Propaganda bei den Christopher Street Days».
Mit konservativen katholischen Würdenträgern hat man in Köln seit langem Erfahrung, das wird locker weggesteckt. Die Leute sind zum Feiern hier. Peter (52) trägt eine Art schwarz-beigefarbenen Lack-Smoking, seine Begleiterin Petra (48) das passende Kleid mit roter Korsage und Hut. Beide gehören «mehr zur SM-Fraktion». Sie freuen sich, dass auch diesmal wieder so viele Zuschauer gekommen sind: «Das ist ja die Bühne schlechthin, davon träumt ja jeder Schauspieler», findet Peter.
Der Kölner CSD-Zug genießt in der Szene einen besonderen Ruf. «Mehr Leute, mehr Action, mehr Zuschauer», fasst die Sozialpädagogin Manuela (48) die Stimmung zusammen. Manuela ist blass geschminkt und trägt eine Herrenperücke, die an Mozart erinnert. Kerstin (34) neben ihr ist in einem kunstvollen Reifrock aus verschiedenen Stoffen in silber und pink erschienen. Nicht umsonst sagt man in Köln: «D'r rosa Zoch kütt!» Von einer Charta für den CSD halten Manuela und Kerstin nichts. «Leben und leben lassen. Wem das nicht gefällt, der soll wegbleiben.»
Walter (35) und Markus (25) sind extra aus Österreich angereist. Sie haben sich den ganzen Körper mit Gold- oder Silberfarbe bemalt. Alle zwei Meter müssen sie stehenbleiben und für ein Foto posieren. Gerade wegen dieser Kölner Toleranz sind sie auch so gerne hier: «In Köln sind die Leute aufgeschlossener», findet Walter. Und wo man sich auch umhört: Die meisten Paradeteilnehmer halten die rheinischen Frohnaturen für besonders tolerant und locker.
© 2009 dpa - Deutsche Presse-Agentur
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