Literatur Kritiken
«Die Hütte» -: William Paul Youngs Sensationserfolg
Von Elisabeth Werthern 6. Jul 2009, 09:45

William Paul Young: Die Hütte © DPA
Berlin - Mack hat auf die schrecklichste Art, die man sich denken kann, eines seiner Kinder verloren: Bei einem Familienausflug wird sein Liebling Missy entführt. Als ihre blutige Kleidung entdeckt wird, ist klar, dass das Mädchen einem Serienmörder zum Opfer fiel.
Die Leiche des Kindes wird nicht gefunden. Der Vater, ein zutiefst christlicher Mensch, der selbst einmal ein Priesterseminar besuchte, ist traumatisiert, lebt auch Jahre nach dem Verbrechen in der «Großen Traurigkeit», wie er seinen Zustand selbst nennt. Und er hadert mit Gott. Denn ihm will nicht in den Sinn, wie Gott dies zulassen konnte, wie er überhaupt all die Schrecknisse, die die Menschheit heimsuchen, zulassen kann.
William Paul Youngs Roman «Die Hütte» beginnt wie eine ergreifende Erzählung. Aber schon bald wird klar, was dem amerikanischen Autor eigentlich am Herzen liegt: die Auseinandersetzung eines Christen mit seinem Glauben, mit Gott. Sein Held Mack findet eines Tages einen Brief in seinem Postkasten, der ihn zu einem Treffen in eben jene Hütte einlädt, in die seine Tochter damals verschleppt und ermordet wurde. Unterzeichnet ist die Nachricht mit «Papa», der familieninternen Bezeichnung für Gott. Nach langem Zögern folgt Mack der Einladung und findet die Hütte nicht in dem einstmals verwahrlosten Zustand wieder, sondern als freundliche Behausung, in der er ein einmaliges Wochenende erleben wird. Die Hütte beherbergt nunmehr Gott persönlich.
Und der begegnet ihm, wie die Dreieinigkeit Gottes es nahe legt, in drei Gestalten: Gott in der Gestalt einer dicken, großen Afroamerikanerin, der Heilige Geist als kleine, asiatische Frau (Sarayu), und Jesus als markiger Hebräer. Es sind drei fröhliche, den leiblichen Genüssen sehr zugewandte Gestalten, die sich zu Macks und des Lesers Erstaunen einer geradezu flapsigen Jugendsprache bedienen, die aktuelle Musikszene genau kennen und in den folgenden Kapiteln zum Teil auch tiefschürfende philosophische Gespräche über Glauben und Religion führen. Ziel ist es, Macks Wunden zu heilen, ihm seine Zweifel an sich und Gott zu nehmen und ihn zurückzugewinnen.
Die Stärke des Buches liegt in den sehr wahrhaftigen, von tiefer Religiosität des Autors zeugenden Gesprächen, in denen Mack seine Zweifel, seine Wut, sein Hadern herausschreit. Er durchlebt eine Katharsis, die ihn am Ende mit sich und seinem Glauben im Reinen zurücklässt. So wird es ihm möglich, weiterzuleben, ja sogar, dem Mörder seines Kindes zu verzeihen. Der Autor geht mit den Amtskirchen und Institutionen hart ins Gericht: Sie hätten zum Teil Gottes Botschaft pervertiert, seien machtbesessen und wollten die Menschen dominieren. Gott sei nicht in den Kirchen, sondern nur in den Menschen selbst zu finden, denn Gott ist in allem und allen. Interessant auch sein Gedanke, dass es der Menschheit nach dem Sündenfall nicht an Mütterlichkeit, sondern an Väterlichkeit gefehlt habe.
Trotz dieser Stärken des Buches schleicht sich bei der Lektüre manchmal Unbehagen ein, auch wenn «Die Hütte» in den USA ein sensationeller Erfolg geworden ist: Zu kitschig ist oft die Sprache, zu auffällig sind die Bilder und Allegorien: Da wäscht an einem Abend Jesus Gott die Füße, der Heilige Geist gibt Mack die Fähigkeit, mit göttlichen Augen zu sehen und verschafft ihm so einen Blick auf seine Tochter im Jenseits, alles getaucht in blendendes, gleißendes Licht - und natürlich ist Missy glücklich. Erklärbar sind diese romantisierenden Passagen über das Jenseits damit, dass Young dieses Buch ursprünglich für seine Kinder geschrieben hat.
William Paul Young
Die Hütte
Ullstein Verlag, Berlin
300 S., Euro 16,90
© 2009 dpa - Deutsche Presse-Agentur
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