Gesellschaft


Trend Intimrasur: Unten Nichts im Sommerloch

Von Gregor Tholl 20. Jul 2009, 12:31

Das Modehaus Gucci wirbt mit dieser Anzeige bei den Mailänder Modeschauen für die Saison Herbst-Winter 2003/04 mit einer Intimrasur, die das G für Gucci zeigt. (Bild: dpa) © DPA

Das Modehaus Gucci wirbt mit dieser Anzeige bei den Mailänder Modeschauen für die Saison Herbst-Winter 2003/04 mit einer Intimrasur, die das G für Gucci zeigt. (Bild: dpa) © DPA

Hamburg - Nacktheit geht immer. Im Sommer sowieso. In diesem Jahr besonders. Das Thema Intimrasur hat Hochkonjunktur und füllt das vermeintliche Sommerloch. «Bild», «taz» oder «Zeit» haben es schon gecovert - nun passiert das auch hier.

Es geht um «Hollywood-Style» (komplett nackt im Schritt), «Brazilian Cut» (ein schmaler Streifen bleibt) oder «Bikini Cut» (die Ränder vom Schamdreieck verschwinden). Nein, eigentlich geht es um mehr, wenn Leute ihr Haar untenrum bändigen. «Der Spiegel» schrieb dazu: «Verhandelt wird mit Getöse das stets heikle Verhältnis zum inneren Säugetier (...) Viele Kulturen schabten, zwirbelten und zupften daran herum.»

Das schamlose Sommerthema begann Anfang Juni: «Kate Winslet musste ein Schamhaar-Toupet tragen», stand vielerorts. Die Oscar-Preisträgerin hatte gestanden, was bei den Dreharbeiten der Nacktszenen des Films «Der Vorleser» geschehen war - er spielt im 50er-Jahre-Deutschland und sollte authentisch sein. «Nach jahrelangem Waxing wächst es nun mal, wie alle Mädels wissen, nicht genauso nach wie früher. Sie erstellten mir sogar ein Haarteil ­ weil sie befürchteten, dass mir nicht genug Haare wachsen würden», sagte die Schauspielerin. Dass Hollywood-Stars eigentlich ganz glatt sein wollen, war soweit nicht neu. In Amerika wird außerdem eh mehr rasiert.

Doch ungefähr zur gleichen Zeit erreichte viele Redaktionen eine Pressemitteilung, nach der die Intimrasur 2009 auch in Deutschland «weiter auf dem Vormarsch» ist. Eine aktuelle Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) habe ergeben, dass sich von allen befragten Frauen knapp 50 Prozent die Bikini-Zone rasierten. «Ob kleines Dreieck, schmaler Strich, exakte Raute oder eine extravagante Form wie Herz, Pfeil, Zacken oder Blitz.» 28 Prozent davon bevorzugen es demnach sogar ganz glatt. Von den Männern stehen immerhin 31 Prozent genau darauf. Wichtig zu wissen: Auftraggeber der Studie war der wohl nicht ganz uninteressierte Rasiererhersteller Wilkinson.

Was aber ist zwischen den Beinen wirklich los beziehungsweise weg? Wie groß ist der Einfluss der Porno-Portale im Internet? Oder die Werbung der Enthaarungsstudios und der Läden mit Laserapparaten? Und - man wagt es kaum zu fragen: Gilt Erwachsenen jetzt vorpubertäres Aussehen als sexy? Fragen, die nicht endgültig zu klären sind.

Fest steht aber: Vergangenes Jahr haben noch Hunderttausende den Roman «Feuchtgebiete» von Charlotte Roche und die «Busch»-Fantasien ihrer Hauptfigur gelesen. Dieses Jahr wird so offen wie selten zuvor übers Trimmen geredet. Es ist offenbar kein Thema zum Rotwerden mehr. Längst gehen auch Männer gegen Genital-Gekräusel vor. Seit Fußballer wie David Beckham oder Cristiano Ronaldo offensichtlich ihre Brust rasieren, Achselhaare stutzen und werweißwas tun, machen das auch andere Kerle, die das früher vielleicht als Schwulen-Ding abgetan hätten. In den Männer-Duschen von Fitnessstudios zum Beispiel sieht man viele Komplettrasierte - mancher sagt: eitle «Delfine».

Nach Angaben des Medizinpsychologen Prof. Dr. Elmar Brähler von der Universität Leipzig gibt es einen grundsätzlichen Trend im Schambereich: «Knapper werdende Badekleidung sowie die starke Präsenz von Nacktheit in den Medien tragen dazu bei, dass sich für diese Bereiche ästhetische Normen herausbilden.» Daher gebe es jetzt sogar rund um Vulva und Penis einen «Gestaltungsimperativ». Doch der Gegentrend komme bestimmt: «Über kurz oder lang wird wieder üppig wachsendes Haar als schick gelten.» Übrigens: Teile der Homo-Szene, die auch bei der Haarlosigkeit Vorreiter waren, sind bereits so weit.

Der Leipziger Forscher Brähler kann indes mit unterschiedlichen Zahlen aufwarten. Vergangenen November hieß es in einer Untersuchung, 88 Prozent der Frauen und 67 Prozent der Männer rasierten sich die Intim-Zone. Dieses Ergebnis geistert seitdem durch die Medien - nicht immer mit der Angabe, dass lediglich 219 Studentinnen und 95 Studenten befragt wurden - Durchschnittsalter 23. Das macht deutlich, dass es gerade bei Jüngeren und in bestimmten Sozialgruppen einen Druck zur Haarlosigkeit gibt.

© 2009 dpa - Deutsche Presse-Agentur

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