Literatur Kritiken


Ohne Kitsch: Sibylle Bergs «Der Mann schläft»

Von Isabelle Pfleiderer 24. Aug 2009, 12:28

Sibylle Berg schaut genau hin.  © DPA

Sibylle Berg schaut genau hin. © DPA

Hamburg - Sie wollte heim. Eine Frau in den 40ern spürt schmerzlich, dass sie älter wird. Weder ist sie reich, noch verfügt sie über blendende Kontakte, ihr Aussehen ist nur noch ein schwaches Zitat früherer Attraktivität.

Die Frau ist allein und sehnt sich nach einem Mann, der nicht am nächsten Morgen verschwindet. Sie will keine albernen Anstrengungen mehr unternehmen, um jung zu wirken, was zunehmend ein sinnloses Unterfangen würde. Sie will sich ausruhen, denn die Jahre ohne verlässlichen Partner waren anstrengend.

Als sie schon kaum mehr glaubt, dass sich irgendjemand ernsthaft für sie interessiert, trifft sie ihn: den Mann. Den einen. Den einzigen. Sie nennt ihn nur den Mann, damit er nicht verschwindet, weil doch alles verschwindet, dem man einen Namen gibt. Doch das Schicksal lässt sich nicht betrügen: Nach vier glücklichen Jahren passiert auf einer Reise, irgendwo in China, genau das, wovor sich die Frau am meisten fürchtet: der Mann kommt ihr plötzlich abhanden.

Die Schriftstellerin Sibylle Berg schildert in ihrem neuen Roman «Der Mann schläft» eine Liebe, in der sich eine Art familiäres Wohlgefühl einstellt. Es gibt hier keine Kerzen, keine Rosen, keinen Kitsch. Die Liebenden fallen nicht in zügelloser Begierde übereinander her und reißen sich ständig die Kleider vom Leib. Aus der Sicht der alternden Frau wird vielmehr von einer Liebe erzählt, die ruhig und still verläuft, die freundschaftlich ist und eine gewisse Niedlichkeit ausstrahlt. Es geht um das Aufgehoben-Sein. Die Frau liebt den Mann vor allem deshalb, weil er sie liebt: Er war nicht auffallend schön oder reich, kein guter Redner oder charmant auf eine Art, die ihm Bewunderung einbrachte. «Außer dass er mir das Gefühl gab, ich sei liebenswert, tat er sich in keinem Bereich mit Glanzleistungen hervor.»

Aber man darf sich nicht täuschen. Sibylle Berg erzählt nie nur harmlose Geschichten. Auch wenn es ihr vortrefflich gelingt, in «Der Mann schläft» die Sehnsucht des Lesers zu wecken nach diesem Gefühl des Nachhause-Kommens, stört die Autorin doch selbst häufig die von ihr geschaffene Idylle. Mit unbändiger Lust lässt Berg ihre Ich-Erzählerin gegen die Dummheit der Welt und gegen gesellschaftliche Zu- und Missstände zu Felde ziehen. Besonders bekommen jene Frauen ihr Fett weg, die zwar von Emanzipiertheit sprechen, sich dann aber gegen Machtkämpfe und Ungemütlichkeit entscheiden und sich ins rein Private zurückziehen. Die Wut der Erzählerin auf die Geschlechtsgenossinnen legt sich nur durch das Beisein des Mannes.

So wie die Ich-Erzählerin von ihren Mitmenschen den Willen zur Anstrengung einfordert, so nötigt auch der Roman dem Leser einiges ab. Sprünge in verschiedene Zeitebenen machen es nicht eben leicht, der Handlung zu folgen. Zwischenhandlungen mit surrealen, fast aberwitzigen Zügen verstärken dabei die Trostlosigkeit und irritieren zudem stellenweise.

Sibylle Berg

Der Mann schläft

Carl Hanser Verlag, München

312 S., Euro 19,90

© 2009 dpa - Deutsche Presse-Agentur

Kommentiere diesen Artikel

Mehr zum Thema

Buntes zum Lesen über den Bund fürs Leben

29. Mär 2010, 16:36

Buntes zum Lesen über den Bund fürs Leben
Berlin/München - Allein für diesen Buchtitel möchte man die Braut küssen - oder zumindest umarmen: «Wer Ja sagt, muss auch Onkel Horst einladen». ... mehr

«Der Tourist»: Fährtenreicher Agententhriller

29. Mär 2010, 12:26

«Der Tourist»: Fährtenreicher Agententhriller
München - Sie haben keine eigene Identität, sie haben keine Freunde, ihre oberste Maxime ist Misstrauen. Beim amerikanischen Geheimdienst CIA werden diese Topagenten unter der Bezeichnung «Touristen» geführt. ... mehr

Packender Gerichtskrimi: «So wahr uns Gott helfe»

29. Mär 2010, 12:18

Packender Gerichtskrimi: «So wahr uns Gott helfe»
München - Strafverteidiger Mickey Haller bekommt vom Obersten Gericht in Los Angeles überraschend einen hochkarätigen Fall übertragen, von dessen Auswirkungen und Gefahren für ihn selbst er zunächst nicht die blasseste Ahnung hat. ... mehr

Finnlands fast vergessener «Winterkrieg»

23. Mär 2010, 14:54

Finnlands fast vergessener «Winterkrieg»
Berlin - Die Rote Armee überfällt auf Befehl Stalins am frühen Morgen des 30. November 1939 Finnland. Die Finnen haben dem blitzartigen Angriff an der Grenze in Karelien wenig entgegenzusetzen. ... mehr

Eine algerisch-französische Liebesgeschichte

23. Mär 2010, 14:12

Eine algerisch-französische Liebesgeschichte
Berlin - Stellung beziehen, darum geht es in Yasmina Khadras Roman mit dem poetischen Titel «Die Schuld des Tages an die Nacht». Jounes erzählt als alter Mann von seinem Aufwachsen im Algerien der 1930er bis 1960er Jahre. ... mehr

Ihre Meinung!

Zur Zeit sind keine Kommentare für diesen Beitrag vorhanden.
Hier als erster einen neuen Kommentar verfassen

Mehr in Literatur

M&C WebTV

Kino
Auto
Live Konzerte

Mehr in Literatur

Information zu den Werbeformen

Informationen für Werbetreibende