Gesellschaft


Mit Gedröhne in die Vergangenheit

Von Annette Reuther 20. Sep 2009, 12:56

Sir Stirling Moss in seinem Maserati fährt auf dem Goodwood Revival. © DPA

Sir Stirling Moss in seinem Maserati fährt auf dem Goodwood Revival. © DPA

Goodwood - Immer im September müssen die Schafe des Earl of March tausenden Lamborghinis, Aston Martins und Maseratis weichen. Denn dann lädt der Graf zum historischem Autorennen in Südengland - dem Goodwood Revival.

Und so verwandelte sich am Wochenende der riesige Landsitz in ein weltweit wohl einzigartiges Spektakel: Hier werden Rennwagen bestaunt. Hier versammelt sich die britische Upper Class zum Champagner-Nippen. Und hier kommt jeder verkleidet im Stil der 50er und 60er Jahre oder in der Kriegsuniform. Das Festival ist nicht nur ein Paradies für Motorsport-Freunde, es ist auch ein Spiegel der britischen Exzentrik.   

Vom Petticoat bis zum Mini, von der Pilotenuniform bis zur Knickerbocker: Wer hier ist, nimmt das Retro-Motto ernst. «Wenn ich so auf der Straße herumlaufe, tuscheln alle. Wenn ich hier bin, klatschen die Leute», sagt Shelly Lally, die mit knallrotem Lippenstift, Hütchen und hautengem Fifties-Kleid über das Gelände stöckelt. Nicht nur die Männer, nein, auch sie hält die vom Benzin geschwängerte Luft und das Gedröhne der klassischen Rennwagen für «unglaublich sexy».

Das besondere an dem Festival ist, dass seltene Rennwagen wie ein Ferrari 250 GTO oder Aston Martin DBR1, die mehrere Millionen kosten, auch wirklich im Rennen gefahren werden. Dabei ist die Strecke alles andere als risikofrei. Hier hatte der britische Rennfahrer Stirling Moss den Unfall, der seine Karriere beendete. Und McLaren-Gründer Bruce McLaren fand in Goodwood den Tod. Von 1948 bis 1966 liefen hier regelmäßig Rennen, weshalb die Besucher alle in Kleidung dieser Jahre kommen.

Das Festival ist eine Zeitreise in die Vergangenheit, es gleicht einem Jahrmarkt und einem Oldtimer-Treffen. Im Fahrerlager schrauben Mechaniker - freilich im zeitgetreuen Overall - an den raren Sammlerstücken. Daneben reihen sich Schuhputzer auf, Laurel und Hardy blödeln für die Besucher und Auto-Liebhaber Rowan Atkinson, alias Mr. Bean, dröhnt in einem Mini auf der Rennstrecke entlang.

Wer hier ist, hat Geld. Fast jeder Besucher reist mit seinem eigenen Millionen-Gefährt an oder schwebt gleich per Hubschrauber ein. Weshalb sich die Motorbranche gerne als Sponsor zeigt. Auch BMW sonnt sich im Glanz des Trubels. Auf einem Mini-Oktoberfest gibt es Weißwürste, Brezeln und Bier. Doch der Bayer mit Lederhose zwischen dem Briten mit Jagdgewehr und einer platinblonden Marilyn Monroe wirkt eher, als hätte er sich auf der Suche nach dem Wiesn-Anstich verirrt.

Weiter entfernt auf einem Flugfeld bewundert die Menge Maschinen aus dem Zweiten Weltkrieg. «Wir sind extra aus Kalifornien gekommen, so etwas gibt es nirgends auf der Welt», staunt Ex-Pilot Mark Weatherup, während ihm eine Spitfire über den Kopf knattert. Mit dem Krieg pflegt man allgemein einen gelassenen Umgang. Am Eingang stehen Frauen als Lazarett-Krankenschwestern verkleidet. Daneben lagern Männer im originalen Militärgewand, Gewehre vor sich aufgebaut. Eine Messerschmitt mit Hakenkreuz fliegt eine Runde über die staunende Menge.

© 2009 dpa - Deutsche Presse-Agentur

Kommentiere diesen Artikel

Ihre Meinung!

comments powered by Disqus

Mehr in Gesellschaft

Mehr in Gesellschaft

  • Früh eingeschulte Kinder seltener auf Gymnasium

    Früh eingeschulte Kinder seltener auf Gymnasium
    Mannheim - Früh übt sich, wer ein Meister werden will - das gilt nach Erkenntnissen einer Studie aber nicht für Kinder, die früh eingeschult werden. ... mehr

  • 73-Jährige tritt beim Sahara-Marathon an

    73-Jährige tritt beim Sahara-Marathon an
    Tokio - Die Frau ist nicht zu stoppen. Mal läuft sie, mal marschiert sie im Power-Walking-Stil. Überall, jederzeit. Zum Einkaufen, zum Bahnhof, Treppen hoch, Treppen runter, mal 10 Kilometer, mal ... mehr

  • Erstmals Mexikaner reichster Mensch der Erde

    Erstmals Mexikaner reichster Mensch der Erde
    New York - Die Forbes-Liste der reichsten Menschen der Erde wird erstmals von einem Mexikaner angeführt. Der Telekommunikations- Tycoon Carlos Slim Helu habe Microsoft-Gründer Bill Gates knapp abgehängt, sagte Magazin-Herausgeber ... mehr

  • Der Flexitarier - Fleischverzicht liegt im Trend

    Der Flexitarier - Fleischverzicht liegt im Trend
    Berlin - McDonald's bietet einen Gemüseburger an. Eine Berliner Uni rühmt sich der ersten vegetarischen Mensa Deutschlands. ... mehr

  • Maximilian und Marie sind beliebteste Vornamen

    Maximilian und Marie sind beliebteste Vornamen
    Wiesbaden - Marie hat Sophie/Sofie als beliebtester Mädchenname für Neugeborene in Deutschland wieder abgelöst. Bei den Jungen blieb dagegen Maximilian auch 2009 der häufigste Name, wie die Gesellschaft für deutsche ... mehr

  • Liebesbriefe von Kennedy werden versteigert

    Liebesbriefe von Kennedy werden versteigert
    Washington - Die Liebesaffäre John F. Kennedys mit einer schwedischen Schönheit ist seit langem bekannt. Nun kommen die schmachtenden Briefe, die der ehemalige amerikanische Präsident an Gunilla von Post geschrieben ... mehr

  • Anne Julia Hagen ist «Miss Germany 2010»

    Anne Julia Hagen ist «Miss Germany 2010»
    Rust - Die Studentin Anne Julia Hagen aus Berlin ist «Miss Germany 2010». Die 19-Jährige setzte sich bei der Wahl in der Nacht zum Sonntag im Europa-Park im baden-württembergischen Rust ... mehr

  • «Miss Germany 2010» wird gekürt

    «Miss Germany 2010» wird gekürt
    Rust - Gesucht wird die Schönste Deutschlands: 22 junge Frauen aus ganz Deutschland hoffen am heutigen Samstag ab 20.00 Uhr auf den Titel «Miss Germany 2010». Zur Wahl im Europa-Park ... mehr