TV Reportagen
Aufmerksamkeit für die Autoren!
Die Drehbuchautoren Sylvia Leuker und Benedikt Röskau sprechen über ihre Filme 'Faktor 8' (Mo., 05.10., 20.15 Uhr, ProSieben), 'Über den Tod hinaus' (Mo., 12.10., 20.15 Uhr, ZDF) und ihren Status in der Branche
Von Petra Fürst 28. Sep 2009, 07:58

Benedikt Röskau ist seit 20 Jahren Drehbuchautor und war von 1997 bis 2007 im Vorstand des Verbands Deutscher Drehbuchautoren. © W.M. Weber
'Würde man Wert darauf legen, Drehbuchautoren zu kennen, hätte eine Heinze-Affäre so gar nicht passieren können.' - Das Autorenpaar Sylvia Leuker und Benedikt Röskau gibt Einblick in Arbeitsweisen, Ansprüche und dennoch oftmals fehlende Anerkennung in ihrem Beruf.
'Als Autor müssen Sie 20 Jahre in der Branche sein und mindestens einen Knaller wie 'Contergan' abgeliefert haben, um die gleiche Aufmerksamkeit zu bekommen, wie ein Hochschulregisseur bei seinem Abschlussfilm.

' Benedikt Röskau (Jahrgang 1961) hat eben diesen Knaller 2007 abgeliefert und kennt als einst langjähriges Vorstandsmitglied des Verbands Deutscher Drehbuchautoren die Situation seiner Kollegen genau. Die Diplom-Journalistin Sylvia Leuker (Jahrgang 1962) ist seine Lebens- und Schreibpartnerin. Die Ausstrahlung ihres gemeinsamen Dramas 'Über den Tod hinaus' (Mo., 12.10., 20.15 Uhr, ZDF), von Röskaus Action-Thriller 'Faktor 8' (Mo., 05.10., 20.15 Uhr, ProSieben) und seiner Film-Biografie 'Romy' (Mi., 11.11., 20.15 Uhr, ARD) bietet sich an, um mal mit zwei Profis über ihre Arbeit, ihren Anspruch und die Befindlichkeit ihrer Zunft zu sprechen.

teleschau: Herr Röskau, Sie haben für 'Faktor 8' ein Seuchen-Szenario im Flugzeug entworfen. Wenige Monate vor Ausstrahlung bei ProSieben brach die Schweinegrippe aus ... Gruselig?
Benedikt Röskau: ... Dafür kann ich aber nichts! Wobei - sehr wahrscheinlich wird mir unterstellt, dass ich auf der Aktualität herumreite. Aber es ist tatsächlich eigentlich egal, wann man was schreibt. Die Wirklichkeit holt einen irgendwann immer ein. Das war bei 'Wunder von Lengede' (2003, Sat.1, die Red.) ähnlich. 14 Tage, bevor der Film ausgestrahlt werden sollte, gab es ein vergleichbares Bergwerksunglück in Russland.

teleschau: Sie sind eher bekannt für Filme wie 'Contergan' oder aktuell auch die Film-Biografie 'Romy'. Warum schrieben Sie ein Drehbuch über den Ausbruch eines Killer-Virus?
Röskau: Ich wurde vom Produzenten gefragt. Aber für mich war Grundbedingung: Ich schreibe kein Ende, an dem jemand eine Spritze mit dem rettenden Serum hochhält! Ich hatte erwartet, dass alle sagen: Dann können wir's nicht machen. Aber genau das Gegenteil war der Fall! Ich gebe zu, es war ein unheimlicher Spaß, mit den Publikumserwartungen zu spielen. Der ProSieben-Zuschauer hat schon alles in Hollywoodfilmen gesehen.

Mit der Qualität können wir zumindest äußerlich nicht mithalten, weil das Geld fehlt. Erzählerisch können wir das schon.
teleschau: Eine Woche später strahlt das ZDF das Drama 'Über den Tod hinaus' aus: Die Geschichte einer Familie, deren Existenz durch enorme Bürgschafts-Schulden bedroht ist und die sich gegen den Betrug mit sogenannten Schrottimmobilien auflehnt. Ebenfalls brisant ...
Sylvia Leuker: Während wir daran schrieben, gab es nicht nur verschiedene Urteile zu Schrottimmobilien. Da krachte auch die Krise am Kapitalmarkt los.

Da passierte etwas ähnliches: Etwas Minderwertiges wurde überteuert an Leute verkauft, die sich das nicht leisten können. Und zwar weltweit. Dass jemand über den Tisch gezogen wird und dann nicht mehr aussteigen kann, wurde im Prinzip alltäglich. Schlagen Sie nur morgens die Zeitung auf ...
teleschau: Sie mussten also parallel zur Realität arbeiten?
Röskau: Es gibt einen realen Fall als Hintergrund - aber nicht als Blaupause. Es ging uns ums Prinzip. Auch in Ihrem Bekanntenkreis werden Sie sicherlich jemanden finden, der auf so etwas hereingefallen ist.

Dann entwickelte das Thema ein Eigenleben, weil es viele Gerichtsurteile gab, die es immer wieder um 180 Grad drehten. Wir waren abhängig von der Rechtsprechung, um unseren Film zu machen.
Leuker: Das macht aktuelle Themen so schwierig, deshalb gibt es das selten. Aber ohne salbungsvoll klingen zu wollen: Wenn wir durch unseren Film nur einen Menschen davon abhalten, zu unterschreiben, wenn er Sätze hört, wie: 'Das gibt's aber nur noch heute' - dann ist schon etwas gewonnen. Die Deutschen lesen 'Stiftung Warentest', ehe sie einen Nussknacker kaufen. Bei Geldanlagen aber ist es immer noch so, dass man einem anderen einfach vertraut.

Das Dumme ist nur: Die Welt tickt nicht mehr so.
teleschau: Sie betreiben grundsätzlich einen großen Recherche-Aufwand - Seuchenschutz, Rechtsurteile, das Leben von Romy Schneider ...
Röskau: Authentizität ist uns enorm wichtig. Das erwarten die Leute in erzählerischen Medien. Selbst ein Film wie 'Wickie und die starken Männer' muss eine gewisse Authentizität haben. Man sieht dann eben nicht den Wikinger, sondern den eigenen Chef in diesem oder jenem grobschlächtigen Kerl. Bei 'Faktor 8' war mir zum Beispiel wichtig, dass nicht amerikanisiert wurde und das Geschehen in einem Airbus spielt.

Man spürt einfach, dass das ein deutsches Flugzeug ist.
teleschau: Vor dem Hintergrund der aktuellen Drehbuchaffäre und weil Sie, Herr Röskau, zehn Jahre lang im Vorstand des Verbands Deutscher Drehbuchautoren waren - fühlen Sie sich für Ihre Arbeit angemessen wertgeschätzt?
Röskau: Ja und nein. In der Anfangsphase eines Projekts sind wir Autoren die begehrtesten Menschen des Planeten. Viele zerbrechen daran, dass sie in dem Moment, in dem sie das Drehbuch abgegeben haben, sich sehr oft ignoriert vorkommen. Keiner weiß mehr, dass sie überhaupt existieren. Bis zum nächsten Projekt ...

Leuker: Gerade was die Namensnennung angeht: Programmzeitschriften nennen den Autor mit wenigen Ausnahmen nicht. In TV-Kritiken ist in der Regel der Autor an allem schuld, wenn ein Film schief geht, der Regisseur wiederum für alles Tolle verantwortlich.
teleschau: Wie steht es um die finanzielle Anerkennung?
Röskau: Ich glaube, viele beneiden uns, weil man als Drehbuchautor durchaus gutes Geld verdienen kann. Aber die Bezahlung ist sehr relativ. 'Romy' zum Beispiel war sehr gut bezahlt, aber kein 'gutes Geschäft', weil der Arbeitsaufwand so hoch war. 'Contergan' war vom Sender sehr anständig bezahlt, aber weil sich die Arbeit wegen des brisanten Themas über fünf Jahre hinzog, musste ich das parallel durch andere Aufträge quer subventionieren. Das heißt, so ein Projekt muss man sich leisten können. Manchen gelingt es, für 50.000 Euro in zwei Wochen ein Drehbuch zu schreiben - dadurch entsteht der Eindruck, wir wären alle überbezahlt. Andere arbeiten zwei Jahre an einem Drehbuch für 20.000 Euro. Berufsanfängern rate ich zu einem zweiten Standbein.
Leuker: Zwei Jahre sind die durchschnittliche Arbeitszeit für ein sauber recherchiertes, in mehreren Fassungen überarbeitetes öffentlich-rechtliches Fernsehspiel-Drehbuch. - Ein Problem sind auch Fernsehpreise: Sie werden oft an Genrestücke vergeben. Und es wird alles miteinander vermengt. Komödien haben im Fernsehbereich fast keine Chance, ausgezeichnet zu werden.
Röskau: Es ist auch sehr beliebt, Drehbuchpreise an selber schreibende Regisseure zu vergeben, wenn der Regiepreis schon an jemand anderen ging. Das ist sozusagen der Joker. Die Nicht-Wertschätzung der Bucharbeit ist notorisch und auch nicht aus der Welt zu schaffen. Wir haben im Verband jahrelang daran gearbeitet, das Ansehen des Drehbuchautors zu heben. Das hat nur dazu geführt, dass die Regisseure noch mehr auf das Drehbuch zugreifen, weil sie merken, je höher das Ansehen des Buches, desto geringer ihr eigenes. Da herrscht eine unglaubliche Konkurrenz.
teleschau: Ein Teuefelskreis?
Leuker: Ja, aber wie kommt man da raus? Wer gerade dazu etwas sagt, steht schnell als beleidigte Leberwurst da. Dass man Autoren so selbstverständlich wie Regisseure zu Pressekonferenzen und dergleichen einlädt, wäre ein erster Schritt. Damit die Branche die jeweiligen Autoren kennt. Denn würde man Wert darauf legen Drehbuchautoren zu kennen, hätte eine Heinze-Affäre so gar nicht passieren können.
teleschau: Die geschasste NDR-Fernsehspielchefin schrieb unter anderem selbst Drehbücher unter Pseudonym und vergab Aufträge an ihren Ehemann ...
Röskau: Die Gerüchte gingen seit Jahren durch die Branche. Allein, es fehlte der justiziable Beweis. Nur mit vertraulichen Gesprächen hätte man es verhindern können. Warum ist es nicht selbstverständlich, dass sich der Intendant eines großen Senders regelmäßig mit den Geschäftsführern der Verbände der Kreativen trifft? Es ist aber auch ungewöhnlich, dass die Abteilungsleiterin Doris Heinze so viele Projekte selbst betreute und nicht ihre Redakteure. Bei anderen ARD-Sendern wird ganz anders gearbeitet. Da gibt es Leute, für die würde ich meine Hand ins Feuer legen. Es ist bitter, wenn nun alle über einen Kamm geschoren werden.
Leuker: Die Frage ist auch: Wie kommt jemand wie Doris Heinze in eine solche Situation? Die Sender müssten klarer beschreiben, was jemand in dieser Funktion tun darf und was nicht. Und das kontrollieren. Viele sind auch übereinstimmend der Meinung, dass eine Frau in so einer Position besser bezahlt werden sollte. Da besteht ein Missverhältnis zwischen dem Millionenbudget, der Verantwortung dafür und dem Lohn für all das.teleschau: Was halten Sie von der Forderung nach einer Änderung des Systems, die jetzt aufkam?Röskau: Diese Systemdiskussion ist völlig übertrieben. Durch eine Veränderung des Systems würde sich ja nicht unsere Arbeit verändern. Im Zweifelsfall sogar verschlechtern. Wünschenswert wäre, dass das hohe Maß von Delegieren innerhalb der Sender an die Redakteure erhalten bleibt oder ausgebaut wird. Je freier auch die Redakteure sind, desto weniger kann schief gehen.
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