Leonard Cohen bewahrte die Isle of Wight 1970 vor dem Chaos.
So beruhigt man eine aufgebrachte Menschenmasse: 'Leonard Cohen - Live at the Isle of Wight 1970'. © Sony BMG
Wer um vier Uhr in der Nacht geweckt wird, dazu noch relativ unverhofft, der darf ruhig missmutig auf die Bühne schlurfen. Auch nur mit Pyjama und Trenchcoat bekleidet. Leonard Cohen, damals 35 Jahre alt, spielte 1970 beim legendären Isle of Wight Festival 1970 dennoch ein großartiges Set. Regisseur Murray Lerner hat aus den Aufnahmen seiner legendären Nachtshow bis kurz vor Morgendämmerung einen Konzertfilm gemacht, der als Teil der DVD/CD-Box 'Leonard Cohen - Live at the Isle of Wight 1970' jegliche Müdigkeit vertreibt.
Isle of Wight 1970, das war Chaos, das war Anarchie, das war Rebellion und ein bisschen Lust auf Musik. Ein Jahr nach Woodstock kamen geschätzte 600.000 Menschen auf die englische Kanalinsel vor der Hafenstadt Southampton, die heute knapp 140.000 Bewohner zählt. Miles Davis, Ten Years After, Emerson, Lake and Palmer, The Doors, The Who, Joan Baez, Jimi Hendrix - das Line-Up war exquisit, die Menschenmasse wurde mit zunehmender Festivaldauer immer unkontrollierbarer.
65 Minuten dauert der Film von Murray Lerner, der behutsam aktuelle Statements von Cohens damaligen Begleitern (Produzent Bob Johnston) und Musikerkollegen (Kris Kristofferson, Joan Baez, Judy Collins) zwischen die erstaunlich frisch klingenden Songs geschnitten hat, dazu O-Töne von Festivalbesuchern. Die setzen den Rahmen, machen die Größe des Auftritts erst greifbar.
Kurz bevor Cohen aus dem Schlaf gerissen wurde, hatte Jimi Hendrix die ohnehin aufgeheizte Stimmung zum Inferno gespielt. Wörtlich, die Insel brannte. Und Cohen? Der ging auf die Bühne, erzählte eine Geschichte aus seiner Kindheit und bat das Publikum, Streichhölzer zu entzünden, damit er sich an Glühwürmchen erinnert fühlt. Die Masse gehorchte, zögerlich zunächst, doch mit wachsender Verzauberung.
Cohen hatte sie im Griff. Stand auf der Bühne, blickte in die von immer mehr Lichtpunkten durchsetzte Dunkelheit und sang - 'Bird on the Wire', 'Suzanne', 'Hey, That's No Way To Say Goodbye'. Ohnehin magische Songs, die der Box auf einer 19-Track-CD beigelegt wurden, und die sich in dieser Nacht vom 30. auf den 31. August 1970 über die Menschen legten - einer schützenden Decke gleich, die Ruhe und Frieden spendete.
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