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Wotan Wilke Möhring - Vom Sprung ins kalte Wasser

Wotan Wilke Möhring spielt in 'Bella Block: Vorsehung' (Sa., 28.11., 20.15 Uhr, ZDF) und steht in Köln für den RTL-Zweiteiler 'Hindenburg' vor der Kamera

Von Frank Rauscher 24. Nov 2009, 07:58

'Ich versuche immer, den Personen, die ich spiele, so nahe wie möglich zu kommen - sie zu mögen': Wotan Wilke Möhring über seine Rolle als Mörder, der nach seiner Haft ein neues Leben beginnen will - oder eine tickende Zeitbombe ist ... © ZDF / Stephan Persch

'Ich versuche immer, den Personen, die ich spiele, so nahe wie möglich zu kommen - sie zu mögen': Wotan Wilke Möhring über seine Rolle als Mörder, der nach seiner Haft ein neues Leben beginnen will - oder eine tickende Zeitbombe ist ... © ZDF / Stephan Persch

Ein Händchen für gute Rollen, ein einprägsames Gesicht und vor allem jede Menge Talent: Wotan Wilke Möhring (42) wird zu Recht als einer der herausragenden Schauspieler seiner Generation gefeiert.

Wie flexibel der vielbeschäftigte Schauspieler Wotan Wilke Möhring (42) ist, zeigt sich schon bei diesem Telefoninterview: Der sympathische Star am anderen Ende der Leitung, der im nächsten 'Bella Block'-Krimi (Samstag, 28.11., 20.15 Uhr, ZDF) einen psychopathischen Mörder spielt, macht gerade einen Waldspaziergang mit seiner zehn Monate alten Tochter im Kinderwagen.

Was ist bedrohlich? - Das Äußere spielt dabei keine Rolle, denn nichts ist, wie es scheint, sagt Schauspieler Wotan Wilke Möhring, der in Bella Block: Vorsehung einen psychopathischen Mörder spielt. © ZDF / Stephan Persch

Was ist bedrohlich? - 'Das Äußere spielt dabei keine Rolle, denn nichts ist, wie es scheint', sagt Schauspieler Wotan Wilke Möhring, der in 'Bella Block: Vorsehung' einen psychopathischen Mörder spielt. © ZDF / Stephan Persch

'Ich wollte nach dem Drehen heute unbedingt noch einmal mit ihr raus', sagt der Kölner cool und spricht im Folgenden ganz offen und erstaunlich konzentriert über seine Arbeit, sein Leben und auch über Gesellschaft und Politik. Der Mann hat eben nur starke Auftritte.

teleschau: Wir müssen uns unbedingt über den psychopathischen Mörder unterhalten, den Sie in 'Bella Block' spielen!

Wotan Wilke Möhring: Kein Problem. Die Rolle ist eine Perle. Ein Traum für einen Schauspieler!

teleschau: Ist das nicht etwas euphemistisch?

Wotan Wilke Möhring: Nein.

Bella (Hannelore Hoger) sucht Thom (Wotan Wilke Möhring) auf und versucht, sein Vertrauen zu gewinnen. © ZDF / Stephan Persch

Bella (Hannelore Hoger) sucht Thom (Wotan Wilke Möhring) auf und versucht, sein Vertrauen zu gewinnen. © ZDF / Stephan Persch

Es war mir ein Vergnügen, das unter der akribischen, im positiven Sinne fordernden Anleitung von Regisseur Max Färberböck zu spielen. Das Interessante ist: Die Rolle ist ja zunächst das personifizierte Böse - und doch tat mir dieser Mann beim Spielen unendlich leid.

teleschau: Wie kommt's?

Wotan Wilke Möhring: Ich versuche immer, den Personen, die ich spiele, so nahe wie möglich zu kommen - sie zu mögen. Man wird förmlich zu dem, den man spielt. Und ich verstand: Für ihn ist alles ganz logisch, er lebt in seiner ganz eigenen Welt, hat eine völlig andersartige Wahrnehmung.

Klappt es so mit der Resozialisierung? - Dana (Katharina Schüttler) verarztet Thom (Wotan Wilke Möhring). © ZDF / Stephan Persch

Klappt es so mit der Resozialisierung? - Dana (Katharina Schüttler) verarztet Thom (Wotan Wilke Möhring). © ZDF / Stephan Persch

teleschau: Die Andersartigkeit eines Psycho-Killers kommt einem aus der Warte der normalen Welt jedoch unendlich weit entfernt vor!

Wotan Wilke Möhring: Genau. Aber jeder lebensgierige Normalbürger, der schon mal in eine extreme Gefühlssituation geraten ist, hat vielleicht eine ungefähre Vorstellung davon, wie schnell etwas in einem umkippen kann oder Grenzen überschritten werden könnten. Im Affekt kann man sich zu Dingen verleiten lassen, die man nie für möglich gehalten hätte. Das kann sehr bedrohlich sein. Mit diesem Bewusstsein bin ich an die Rolle rangegangen.

Der Mann tat mir beim Spielen unendlich leid: Wotan Wilke Möhring in der Rolle eines Mörders, der nicht anders kann. © ZDF / Stephan Persch

'Der Mann tat mir beim Spielen unendlich leid': Wotan Wilke Möhring in der Rolle eines Mörders, der nicht anders kann. © ZDF / Stephan Persch

Hätte ich ihn von Anfang an als eiskalten Psychopathen angelegt, dann hätte ich ihn verraten.

teleschau: Als was haben Sie ihn denn gesehen, wenn nicht als Psychopathen?

Wotan Wilke Möhring: Als Mensch natürlich. Zunächst sieht man da nur Normalität, es passiert nichts - aber genau das ist das Bedrohliche, verstehen Sie? Das Äußere spielt dabei keine Rolle, denn nichts ist, wie es scheint.

teleschau: Sie spielen in dem Film mal wieder gemeinsam mit Ihrem Bruder Sönke. Sie sind der mit der Hauptrolle des Killers, er gibt in einem kleinen Part einen Versicherungsmakler ... Wie gehen Sie beide mit dieser Rollenverteilung um?

Wotan Wilke Möhring in Bella Block: Vorsehung: Die Rolle ist eine Perle. © ZDF / Stephan Persch

Wotan Wilke Möhring in 'Bella Block: Vorsehung': 'Die Rolle ist eine Perle.' © ZDF / Stephan Persch

Wotan Wilke Möhring: Ganz professionell. Wer hier die coolere Rolle hat, ist ja eh klar (lacht). Mein Bruder ist fünf Jahre jünger und steht ja noch am Anfang. Und ich bin ganz froh, wenn ich ihm zum Start ein bisschen helfen kann. Gerade stehen wir hier in Köln wieder gemeinsam vor der Kamera: als Brüder in der 'Hindenburg'-Verfilmung von RTL.

teleschau: In Nazi-Uniform!

Wotan Wilke Möhring: Das Gefühl kannte ich ja schon. Auch in Tom Cruise' 'Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat' trug ich eine Nazi-Uniform. Dieses Mal bin ich Oberst der Luftwaffe. Beim Spielen erleichtert die Uniform natürlich den Zugang zu einer solchen Rolle.

teleschau: Dennoch bemerkenswert für einen, der sich dazu bekennt, in der Jugend ein Punk mit blauen Haaren gewesen zu sein!

Wotan Wilke Möhring: (lacht) Ich war ein Punk, der direkt zur Bundeswehr ging. Der maximale Kontrast. Ich bin mir bewusst, dass meine Biografie, von außen bewertet, ein paar Brüche aufweisen muss. Aber der Sprung ins kalte Wasser war schon immer meine Stärke, und das wird wohl auch einer meiner Hauptcharakterzüge bleiben, mein Leben lang.

teleschau: Aber ein Punk, der zum Bund will?

Wotan Wilke Möhring: Doch, das geht. Und ich bin mir da auch selber treu: Weil ich konsequent immer das mache, was die anderen nicht von mir denken und ich mich nicht darum schere, wie das nach außen wirkt.

teleschau: So macht man es sich nicht gerade leicht ...

Wotan Wilke Möhring: Das kann ich mir gar nicht aussuchen. Ich kann nicht sagen, ich mache mir jetzt das Leben leicht oder schwer, sondern ich kann nur auf meine Art leben. Und wenn das heißt, den Wasserfall hochzuklettern, dann ist das eben so. Nichts ist schlimmer, als in den Spiegel zu schauen und zu merken, dass man sich weit weg bewegt hat von dem, was man ist. Dann bist du tot, bevor du deinen letzten Atemzug getan hast - wer möchte das?

teleschau: Wie kommen Sie ohne Anleitung durch so ein Leben?

Wotan Wilke Möhring: Indem ich einfach gar nicht nach Anleitung suche, sondern so lebe, wie ich bin. Der Schritt vom Punk zum Bund ist da ja nur Pipifax gewesen gegen all das, was jetzt in meinem Beruf als Schauspieler passiert. Da sind die Sprünge von Rolle zu Rolle oft viel extremer.

teleschau: Haben Sie sich etwas aus Ihrer wilden Punk-Jugend in die Welt des gefragten Schauspielers und Familienvaters hinüberretten können?

Wotan Wilke Möhring: Ich glaube schon: Die Grundhaltung, nur Dinge zu tun, die ich für richtig halte. Dass ich Sachen, die mir meine innerste Überzeugung vorgibt, auch durchziehe. Dass ich nach Werten suche und nicht nach Schall und Rauch. Dass ich nicht käuflich bin ...

teleschau: Hat sich mit der Geburt Ihrer Tochter vor einem knappen Jahr etwas verändert?

Wotan Wilke Möhring: Auf jeden Fall wurde dieses Bedürfnis nach Echtheit, nach Authentizität, noch viel ausgeprägter. Es ist ein völlig neuer Kosmos hinzugekommen. Also wieder der Sprung ins kalte Wasser.

teleschau: Sind Sie ruhiger, ausgeglichener geworden?

Wotan Wilke Möhring: Nee. Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Die Aufregung, die Anspannung, ist gewachsen. Auch meine Neugier auf die Welt. Jeder Tag ist jetzt die Begegnung mit etwas völlig Neuem.

teleschau: Wie sieht es mit dem Verantwortungsgefühl aus?

Wotan Wilke Möhring: Ja, klar ist das da. Ich werde alles für meine Tochter tun! Aber ich bleibe trotzdem noch ich selber.

teleschau: Also Sie werden jetzt nicht spießig, oder so?

Wotan Wilke Möhring: (lacht) Auf keinen Fall!

teleschau: Sie machten früher Musik, Mitte der 90er-Jahre hatten Sie mit Gaby Delgato von der Avantgarde-Combo DAF sogar ein eigenes Bandprojekt.

Wotan Wilke Möhring: Mit Europatour, Major-Deal und allem, was dazu gehört. Aber das ist Vergangenheit, weil ich mich irgendwann ganz für die Schauspielerei entschied. Aber Musik ist immer noch ein ganz wichtiger Bestandteil in meinem Leben. Ich liebe Konzerte. 'Rock am Ring' ist ein Pflichttermin für mich. Aber keine Sorge, ich möchte jetzt auch nicht der 400. Schauspieler sein, der Bilder malt und in einer Band klampft.

teleschau: Träumen Sie noch von der Revolution?

Wotan Wilke Möhring: (lacht) Auf jeden Fall nervt mich dieser Bückling vor der Demokratie, den unsere Politik macht.

teleschau: Was erwarten Sie vom Regierungswechsel?

Wotan Wilke Möhring: Eher nichts. Koalition, Opposition ... Das ist doch alles völlig schnuppe. Da ändern sich doch nur die Farben. Den Parteien geht es in erster Linie um Stimmerhalt, um Machterhalt auf Teufel komm raus! Den mutigen Wurf in die Zukunft wird man mit diesem System nicht so schnell erleben.

teleschau: Also auf! Gehen Sie in die Politik!

Wotan Wilke Möhring: Auf keinen Fall. Selbst wer es als Kommunalpolitiker noch gut gemeint hat, wird doch spätestens im Landtag einer dieser fetten Säcke, die vor allem darauf achten, dass sie in der nächsten Legislaturperiode wieder gewählt werden. Ich bin so gesehen kein politischer Mensch, aber ich habe immer eine Haltung!

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