Wundersame Wesen in einer fantastischen fremden Welt: Mit 'Avatar - Aufbruch nach Pandora' schuf 'Titanic'-Regisseur James Cameron einmal mehr ein beeindruckendes Kinoerlebnis.
In seinem ersten Film seit zwölf Jahren schickt 'Titanic'-Regisseur James Cameron seinen 'Avatar' in eine schöne neue Welt. © 2009 Twentieth Century Fox
Wenn James Cameron etwas anpackt, dann macht er es richtig. 'Terminator' (1984) war ein wegweisender Actionfilm, 'Terminator 2 - Tag der Abrechnung' (1991) beeindruckte mit Spezialeffekten, die ihrer Zeit voraus waren. Und 'Titanic' (1997) ist der erfolgreichste Film aller Zeiten. Die am Eisberg zerschellte Liebesgeschichte war - kaum zu glauben - Camerons bislang letzter Kinofilm. 'Avatar - Aufbruch nach Pandora' ist auch für den Regisseur ein Neubeginn.
Echte Darsteller fütterten die Computer: Jake Scully (Sam Worthington) und Neytiri (Zoë Saldana) sind als Mensch-Na'vi-Liebespaar die letzte Hoffnung für Pandora. © 2009 Twentieth Century Fox
Zwölf Jahre Pause - doch der Kanadier war keineswegs untätig. Er hat die Tiefsee entdeckt, Dokumentationen über die Wunder des Ozeans gedreht - und er sorgte immer wieder für Spekulationen. 'Avatar' sollte und musste ein Ereignis werden. Vor 15 Jahren hatte Cameron bereits die Idee für die humanistische SciFi-Fabel. Da die Technik noch nicht seinen Vorstellungen entsprach, wartete er mit der Umsetzung. 2005 schien ihm die Zeit reif, seine Vision umzusetzen. Sigourney Weaver, sie spielt die Wissenschaftlerin Grace Augustine, die im Film das 'Avatar'-Programm ins Leben rief, spricht von einem Traum, der zum Film wurde.
Dass der Dschungel Pandoras gefährlich ist, daran muss sich Jake Scully (Sam Worthington) in seinem Avatar erst noch gewöhnen. © 2009 Twentieth Century Fox
Sie hat Recht, Cameron projiziert seine Fantasie auf die Leinwand, in bahnbrechender 3D-Technik als irrsinniges Spektakel in einer von Computern errechneten Welt.
Es wird eine Menge erwartet von 'Avatar'. Der Film soll der Durchbruch für das 3D-Kino sein, bei Spezialeffekten und Computeranimationen neue Maßstäbe setzen. High-End-Technologie im Kino - die sogar schon vor Drehbeginn erhofften Superlative hätten sich leicht als Bürde erweisen können, zumal James Cameron nie einen Hehl daraus machte, nach Perfektion zu streben und endlos zu experimentieren.
Der Planet Pandora entstand mit allen Bewohnern und Pflanzen in der Fantasie James Camerons und wurde von mehreren Hundertschaften Digitalkünstler 'errechnet'. © 2009 Twentieth Century Fox
Etwaige Befürchtungen seien gleich zerstreut: 'Avatar' ist zumindest visuell bombastisch, gigantisch, bahnbrechend. Auf dem Planeten Pandora haben die Menschen einen wertvollen Rohstoff entdeckt und schicken eine unheilvolle Allianz aus Großkonzern und Söldnern auf Kolonialisierungs-Mission. Ihre Interessen kollidieren mit den Eingeborenen: Die Na'vi leben in Einklang mit der Natur ihres Planeten und dulden die Eindringlinge nur. Die Menschen hingegen spielen Gott, mixen ihre DNA mit dem Genmaterial der Na'vi: Die künstlich geschaffenen Avatare werden durch eine Bewusstseinsverschmelzung von menschlichen Fahrern gesteuert.
Das Mädchen Neytiri (Zoë Saldana) begegnet den Menschen mit Skepsis. © 2009 Twentieth Century Fox
Auch der gelähmte Ex-Offizier Jake Sully (Sam Worthington, 'Terminator - Die Erlösung') reist in die fremde Welt. Er willigt ein, mit einem Avatar zu verschmelzen. Die Wissenschaftler erhoffen sich von dem Programm neue Erkenntnisse über Pandora, das Militär einen strategischen Vorteil. Denn die eigentlich friedlichen Na'vi wollen ihre furchteinflößend schöne Heimat nicht kampflos aufgegeben. Da sich Jake in das Na'vi-Mädchen Neytiri (Zoë Saldana, 'Star Trek') verliebt, muss er sich in der unvermeidbaren, epischen Schlacht zwischen seiner Herkunft und seiner neuen Identität entscheiden.
Der Marine Jake Sully (Sam Worthington) steuert einen Avatar und lernt in der fremden Haut eine neue Kultur kennen. © 2009 Twentieth Century Fox
Klar, die Geschichte weicht keinen Jota von klassischer Dramaturgie ab, ist konventionell, vorhersehbar in allen Wendepunkten, nie überraschend. Das ist schnell klar, und in den ersten 20 Filmminuten auch ermüdend. Es dauert eine Weile, bis die Wunder Pandoras wirken dürfen. Doch dann beginnen die magischen Momente. Der erste: Rollstuhlfahrer Jake lernt seinen Avatar kennen. Kaum wurde sein Bewusstsein in den künstlich geschaffenen Mensch-Na'vi-Hybriden projiziert, hat Jake zunächst einmal eins vor: laufen, rennen, springen. All das, was er nicht mehr kann.
Die Zeit des Staunens beginnt endgültig, als Jake seinen ersten Ausflug in den Dschungel macht.
Dr. Grace Augustine (Sigourney Weaver) betreut den jungen Marine Jake Sully (Sam Worthington) im 'Avatar'-Programm. © 2009 Twentieth Century Fox
Der komplette Planet - Flora, Fauna, Bewohner, 300 Meter hohe Bäume, schwebende Felsen, riesige Drachen, leuchtende Pflanzen - alles entstand am Computer. James Cameron feiert jedes Detail, er begreift das Kino als Ort der Wunder, die er mit ungeheurem technischen Aufwand visualisiert: Insekten mit leuchtenden Rotorflügeln, schimmernde Pusteblumensamen, die sich wie Quallen durch die Luft bewegen, imposante Drachenvögel. Aber auch fesselnde Actionsequenzen mit irrsinnigen Kamerafahrten und genialen Schnitten.
Ein wenig Realität steckt trotzdem noch in den CGI-Wirklichkeiten: Die Personen wurden von echten Menschen gespielt.
Jake (Sam Worthington) schließt Bekanntschaft mit seinem Avatar. © 2009 Twentieth Century Fox
Das 'Performance Capture'-Verfahren, die Übersetzung echter Schauspieler in Bits und Bytes - war nie eindrucksvoller. Die Darsteller spielten auf einer leeren Bühne, bekamen von Cameron eine Rohfassung Pandoras gezeigt, damit sie sich orientieren konnten.
'Natürlich hat 'Avatar' klassische Themen', gab der Filmemacher zu Protokoll. 'Im Prinzip geht es um die Geschichte der Menschheit: um die Missachtung der Natur, um die Arroganz technisch überlegener Kulturen gegenüber vermeintlich unterentwickelten.' Cameron fasst sie in einer wütenden Skizze mit grob gezeichneten Charakteren - hier die Bösen, da die Guten und zwischendrin Jake - zusammen.
James Cameron am Set von 'Avatar': Vor 15 Jahren entstand die Idee zum Film, seit 2005 setzte der Regisseur sie um. © 2009 Twentieth Century Fox
Die Kolonisationsgeschichte wiederholt sich. Oberflächlich, weil in vielen Details ähnlich, lässt sich vor allem eine Parallele zum Kampf zwischen weißen Siedlern und indianischen Ureinwohnern Nordamerikas ziehen. Doch die Menschen haben das schon immer gemacht.
Einklang mit der Natur, Respekt vor allen Lebewesen, friedliche Koexistenz mit anderen Kulturen - was Cameron zu sagen hat, serviert er auf dem Silbertablett. Was gar nicht so schlecht ist: weil es Zeit lässt, sich trefflich auf das zu konzentrieren, was er zu zeigen hat. Und das ist schlicht unglaublich: eine märchenhafte Welt, wunderschön, tödlich, voller Geheimnisse.
© 2009 Twentieth Century Fox
Cameron zeigt sie zweieinhalb Stunden lang mit Mut zum Pathos, Mut zum Kitsch, mit Action, Romantik und vor allem: Fantasie.
© 2009 teleschau - der mediendienst ***embedtschtrailer***
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