Berlin - Der Festivalchef trägt Smoking und spricht Englisch mit schwäbischem Akzent. Schlangestehen kann Spaß machen. Und spätestens zur Halbzeit dösen viele Cineasten ein, wenn auf der Leinwand ein rumänischer Film mit englischen Untertiteln läuft.
Warteschlange vor den Berlinale-Ticket-Verkaufsschaltern in Berlin. © DPA
Das Schöne an der Berlinale ist, dass es neben vielen Überraschungen Dinge gibt, auf die Verlass ist. Das wird auch bei der 60. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele Berlin vom 11. bis zum 21. Februar nicht anders sein. Ein Überblick über die wichtigsten Berlinale- Rituale:
«Habt ihr was dagegen, wenn ich bei euch übernachte?» Spätestens im Januar klingelt das Telefon. Der BERLINALE-BESUCH kommt. Sein Ziel ist es, möglichst viele Filme an einem Tag zu gucken. Erfahrungswerte belegen, dass fünf Kinobesuche im Bereich des Menschenmöglichen liegen. Das Gute am Berlinale-Besuch: Man sieht ihn kaum. Nur der zusammengerollte Schlafsack auf dem Sofa und die fremden Lebensmittel im Kühlschrank künden vom Hausgast, der mit tiefen Augenringen, aber voller Eindrücke nach ein paar Tagen heimreist.
Die Auswahl beim Festival ist riesig. Rund 400 Filme stehen in den verschiedenen Sektionen auf dem Programm. Vom Kinderfilm über den Stummfilmklassiker bis zur Schwulen-Doku ist alles dabei. Oft werden Berliner gefragt, ob man überhaupt Tickets für die Festivalfilme bekommt. Die Antwort: Auf jeden Fall! Nur nicht zwingend für diejenigen, die man am liebsten sehen würde.
Aber sogar für die Premieren im großen Berlinale-Palast kann man Karten für 11 Euro ergattern. Im Internet geht es bequem. Festivalfans mögen es jedoch, in der SCHLANGE zu STEHEN und mit Fremden über die Filme zu quatschen. Die größte Traube bildet sich im Ticketshop in der Einkaufspassage am Potsdamer Platz.
Überhaupt: Der POTSDAMER PLATZ blüht beim Festival auf und gefällt dann auch denen, die sonst nichts mit dem kommerziellen Zentrum und seiner 90er-Jahre-Architektur anfangen können. Bei den Filmfestspielen hat der Platz aber einen besonderen, kosmopolitischen Glanz. Manche trauern den Zeiten nach, als die Bären noch im alten Berliner Westen verliehen wurden. Seit 2000 ist der Potsdamer Platz das Herz des Festivals.
Im Berlinale-Palast, der den Rest des Jahres ein Musicaltheater ist, werden vormittags die wichtigsten Filme den Kritikern vorgestellt. Danach gibt es PRESSEKONFERENZEN im Hotel Hyatt, der Festivalzentrale, die auch für ihre Designertoiletten geschätzt wird. Die Konferenzen sind oft überfüllt. Es ist darauf Verlass, dass «Helen from Australia» eine Frage stellen wird, wenn sie da ist. Manchmal passiert es, dass eine Journalistin ihre Zuneigung zu George Clooney bekundet oder dass Steve Martin ein Ständchen auf der Gitarre bringt.
Vom Nachmittag bis zum späten Abend begrüßt Festivalchef Dieter Kosslick die Stars auf dem ROTEN TEPPICH vor dem Berlinale-Palast. Alle werden gleich behandelt, vom unbekannten Independent-Filmer aus Korea bis zum Hollywoodstar. Das Blitzlichtgewitter und die Zahl der kreischenden Fans variieren allerdings, der Schlussapplaus nach der Vorführung auch. Dreimal am Tag absolviert Kosslick gut gelaunt das Premierenritual. Damit er es nicht so weit hat, wohnt er gegenüber im Hotel.
Jammer-Ritual: Früher war die Berlinale im Sommer
Abends können Fachbesucher mitunter von Empfang zu Empfang hoppen. Bei den PARTYS gilt aber die Devise: Früher war mehr Lametta. Die Zeiten, in denen eine Produktionsfirma für eine Party das Schöneberger Rathaus anmietete - vorbei. Aber auch heute gibt es noch genug Abendtermine, die dazu führen, dass sich die morgendlichen Vorführungen im Laufe des Festivals leeren. Den Besuchern fallen die Augen zu.
Meistens ist es draußen eisig oder es herrscht Schmuddelwetter. Die FESTIVAL-ERKÄLTUNG mit Fieber und Schnupfen macht in den Kinosälen die Runde. Auch ein Ritual: Darüber jammern, dass in den 70er Jahren die Berlinale vom Sommer in den Winter verlegt wurde.
Zwei bis drei Tage vor der Verleihung haben sich die Kritiken auf Favoriten für den Goldenen und die Silbernen Bären eingependelt. Die Bären-Trophäen werden im Traditionsbetrieb Noack gegossen. Die Namen sind ein Staatsgeheimnis wie bei den Oscars.
www.berlinale.de
© 2010 dpa - Deutsche Presse-Agentur
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