Literatur Reportagen


Frühling kommt - und mit ihm Werke von Star-Autoren

Von Susanna Gilbert-Sättele 1. Mär 2010, 19:21

Christa Wolf versteht ihren Roman «Stadt der Engel» erneut als «ein Anschreiben gegen das Vergessen». © DPA

Christa Wolf versteht ihren Roman «Stadt der Engel» erneut als «ein Anschreiben gegen das Vergessen». © DPA

Hamburg - Romanleser dürfen sich auf ein abwechslungsreiches Frühjahr freuen. Die Verlagsprogramme kündigen sowohl jede Menge neuer Werke international renommierter Autoren an als auch ein buntes Potpourri aus Büchern von weniger bekannten und noch zu entdeckenden Schriftstellern.

Als einer der internationalen Autorenstars greift Philip Roth in «Die Demütigung» wieder einmal sein Lieblingsthema auf: Altern als tiefgreifende Identitätskrise. Mit Ironie und Eindringlichkeit schildert der hochdekorierte amerikanische Erzähler von einem Theaterschauspieler um die Sechzig, der der Selbstauflösung mit der Beziehung zur lesbischen Tochter eines Jugendfreundes zu entgehen sucht. Auch Roths Landsmann John Irving meldet sich mit einem opulenten, wie immer fabelhaften Werk, «Die letzte Nacht am Twisted River», zurück. Eine tragische Verwechslung zwingt in den 1950er Jahren einen Koch und seinen 12-jährigen Sohn zur Odyssee durch halb Amerika.

«Geheimnisse» birgt der neue Roman der gefeierten US-Autorin Joyce Carol Oates. Denn ihre Heldin, die einst auf einem Schiff auf der Flucht vor den Nazis geboren wurde und ein depressives Elternhaus sowie einen demütigenden Ehemann hinter sich gelassen hat, beschließt, mit allem zu brechen und sich neu zu erfinden. Nobelpreisträgerin Toni Morrison, eine der bedeutendsten Repräsentantinnen der afroamerikanischen Literatur, legt ihren in den USA hochgelobten Roman «Gnade» vor. Meisterhaft erzählt sie vom Schicksal der jungen Sklavin Florens, die sich mit anderen auf sich gestellten Frauen im 17. Jahrhundert durchzuschlagen bemüht.

Dennis Lehane («Mystic River») beschreibt in seinem Buch «Im Aufruhr früher Tage» die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem reichen Weißen und einem Schwarzen und stellt sie vor die Kulisse der kriegserschütterten US-Gesellschaft im Jahr 1918. Zu den bekannten englischsprachigen Autoren zählt auch Giles Foden («Der letzte König von Schottland»), der mit «Die Geometrie der Wolken» nun einen hochspannenden Wissenschaftsthriller präsentiert: Im Weltkriegsjahr 1944 versuchen Militärs an die meteorologische Formel eines pazifistischen Wissenschaftlers zu kommen, um den günstigsten Zeitpunkt für den Angriff der Alliierten ermitteln zu können.

Auffallend ist die wachsende Zahl der Romane deutschsprachiger Autoren. Die erste Garde der deutschen Autoren ist in diesem Frühjahr unter anderem mit Christa Wolf vertreten. Ihren neuen Roman «Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud» versteht sie erneut als «ein Anschreiben gegen das Vergessen». Wolf folgt den Spuren der Künstler und Wissenschaftler, die auf der Flucht vor den Nazis im kalifornischen Exil ein «Weimar unter Palmen» fanden. Liebe und Ehe hat Erfolgsautor und Deutscher Buchpreisträger Arno Geiger («Es geht uns gut») in seinem neuen Werk «Alles über Sally» unter die Lupe genommen. Dabei ist das Werk als ein großer Roman über Liebe und Betrug in der Ära der Lebensabschnittspartnerschaft angelegt.

Ingeborg-Bachmann-Preisträger Thomas Lang («Am Seil») taucht in seinem neuen Roman «Bodenlos» in die widerstreitende Gefühlswelt eines 18-Jährigen in den 1980er Jahren ein. Das wohl autobiografisch angehauchte Werk lebt von der präzisen und dennoch feinfühligen Sprache des bemerkenswerten Autoren. Zum «Wohnquartett mit Querflöte» lädt Wolfgang Rüb seine Leser ein. In seinem nach Meinung von Elke Heidenreich «lebensklugen und witzigen» Buch prallen ein ost- und ein westdeutsches Paar aufeinander, woraus sich etliche Parabeln auf deutsche Befindlichkeiten zwanzig Jahre nach der Wende ergeben.

Stilistisch überzeugt auch der junge Kristof Magnusson mit seinem zweiten Roman «Das war ich nicht»: Die Lebensfäden eines Nachwuchsbankers, einer überdrüssigen Übersetzerin und eines international gefeierten Schriftstellers verheddern sich hier zu einem abenteuerlichen Wirrwarr. Eine dramatische Familiengeschichte hat Andreas Schäfer mit «Wir vier» geschrieben. Mit «glanzvoller Sprödigkeit» (Die Welt) fasst er in Worte, wie der Mord an einem Jungen dessen Eltern und den Bruder in einen Strudel sprachloser Verzweiflung stürzt.

In Frankreich ein monatelanger Bestseller und bereits verfilmt, wird Claudie Gallays berührender Roman «Die Brandungswelle» nun bald auch deutsche Bücherregale schmücken. Gallay entführt ihre Leser an die raue normannische Küste, wohin sich eine Frau im Schmerz um den Verlust des Mannes zurückgezogen hat und auf einen Fremden trifft, der einst seine Familie verloren hat.

Die italienische Literatur ist in diesem Frühjahr mit einem neuen Werk von Milena Agus («Die Frau im Mond») vertreten. In «Die Gräfin der Lüfte» begleitet sie drei Schwestern aus einer verarmten sardischen Adelsfamilie auf ihrer Suche nach dem großen Glück. Ebenfalls aus Sardinien stammt Michela Murgia, die mit den Heldinnen ihres Romans «Accabadora» - einer alten Frau und einem kleinen Mädchen - die Zerrissenheit Italiens zwischen Archaik und Moderne darzustellen versteht.

In seinen Erzählungen «Städte aus Frauen» zeichnet der hochgelobte Istanbuler Autor Murathan Mungan der jüngeren türkischen Generation ein Panorama der Gesellschaft seines Heimatlandes. Mit «Meister der Wünsche», einer verzweigten Familiengeschichte aus Pakistan, will Ali Sethi die deutschen Leser überzeugen. Im Mittelpunkt stehen Zaki und seine rebellische Cousine, die in Lahore die stürmische politische Entwicklung ihres Landes erleben. Für sein Debüt «Die Informanten» über die Schattenjahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Kolumbianer Juan Gabriel Vásquez von Mario Vargas Llosa mit viel Lob bedacht. Ein junger Journalist deckt ein dunkles Geheimnis auf, als er mit seinem Buch über eine deutsch-jüdische Familie auf Ablehnung stößt.

Zurück vom «Lachsfischen im Jemen» stellt der Brite Paul Torday nun «Charlie Summers» vor, einen naiven Pechvogel mit geringem Feingefühl und dickem Ego. Mit seinem trockenen Humor, Gespür für die Absurditäten des Lebens und beißender Gesellschaftskritik nimmt Torday die Hysterie der Finanzwelt am Vorabend der Krise auf die Schippe. Reichlich skurril geht es auch in dem Roman «Vatermord und andere Familienvergnügen» des Australiers Steve Toltz zu. Jasper, der Held, steht zwischen seinem Vater, einem unerträglichen Moralisten, und dessen bewunderten Bruder, der zwar ein Mörder, aber auch ein Volksheld ist. Ihn zu begleiten kommt einem vergnüglichen Ausflug an den Rand des Wahnsinns gleich.

Giles Foden

Die Geometrie der Wolken

Aufbau Verlag, Berlin

400 Seiten, 22,95 Euro

ISBN 978-3-3510-3292-0

Claude Gallay

Die Brandungswelle

btb Verlag, München

560 Seiten, 21,95 Euro

ISBN 978-3-4427-5242-3

Arno Geiger

Alles über Sally

Hanser Verlag, München

368 Seiten, 21,50 Euro

ISBN 978-3-4462-3484-0

John Irving

Letzte Nacht in Twisted River

Diogenes Verlag, Zürich

832 Seiten, 26,90 Euro

ISBN 978-3-2570-6747-7

Thomas Lang

Bodenlos

Beck Verlag, München

480 Seiten, 21,95 Euro

ISBN 978-3-4065-9070-2

Dennis Lehane

Im Aufruhr jener Tage

Ullstein Verlag, Berlin

610 Seiten, 22,95 Euro

ISBN 978-3-5500-8754-7

Kristof Magnusson

Das war ich nicht

Kunstmann Verlag, München

288 Seiten, 19,90 Euro

ISBN 978-3-8889-7582-0

Toni Morrison

Gnade

Rowohlt Verlag, Reinbek

224 Seiten, 18,95 Euro

ISBN 978-3-4980-4512-8

Murathan Mungan

Städte aus Frauen

Blumenbar Verlag, Berlin

320 Seiten, 21,90 Euro

ISBN 978-3-9367-3865-0

Michela Murgia

Accabadora

Wagenbach Verlag, Berlin

176 Seiten, 17,90 Euro

ISBN 978-3-8031-3226-0

Joyce Carol Oates

Geheimnisse

Fischer Verlag, Frankfurt

672 Seiten, 24,95 Euro

ISBN 978-3-1005-4008-9

Philip Roth

Die Demütigung

Hanser Verlag, München

144 Seiten, 15,90 Euro

ISBN 978-3-4462-3493-2

Wolfgang Rüb

Wohnquartett mit Querflöte

Bertelsmann Verlag, München

350 Seiten, 19,95 Euro

ISBN 978-3-5705-8018-9

Andreas Schäfer

Wir vier

Verlag Dumont, Köln

192 Seiten, 18,95 Euro

ISBN 978-3-8321-9574-8

Ali Sethi

Meister der Wünsche

Deutscher Taschenbuch Verlag, München

500 Seiten, 16,90 Euro

ISBN 978-3-4232-4789-4

Steve Toltz

Vatermord und andere Familienvergnügen

Deutsche Verlags-Anstalt, München

784 Seiten, 22,95 Euro

ISBN 978-3-4210-4389-4

Paul Torday

Charlie Summers

Berlin Verlag, Berlin

288 Seiten, 22,00 Euro

ISBN 978-3-8270-0883-1

Juan Gabriel Vásquez

Die Informanten

Schöffling Verlag, Frankfurt

384 Seiten, 22,90 Euro

ISBN 978-3-8956-1005-9

Christa Wolf

Stadt der Engel

Suhrkamp Verlag, Berlin

380 Seiten, 24,90 Euro

© 2010 dpa - Deutsche Presse-Agentur

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