Literatur Kritiken


Als Bertha Benz von Mannheim nach Pforzheim fuhr

Von Rolf Westermann 19. Mär 2010, 11:13

Angela Elis im Mercedes-Benz Museum auf einem Nachbau des Benz Patent-Motorwagens von 1886.  © DPA

Angela Elis im Mercedes-Benz Museum auf einem Nachbau des Benz Patent-Motorwagens von 1886. © DPA

Hamburg - Die erste Fernfahrt mit einem Automobil im August 1888 wird häufig als geheime Mission von Bertha Benz beschrieben.

Nach der Legende soll sie sich mit dem von ihrem Ehemann Carl Benz entwickelten Fahrzeug unbemerkt auf die Reise von Mannheim nach Pforzheim und zurück gemacht haben. Mit der rund 100 Kilometer langen Fahrt verhalf sie dem motorisierten Verkehr zum Durchbruch. Doch in der neuen Biografie über das Ehepaar schildert Autorin Angela Elis das historische Ereignis etwas anders: Carl Benz soll in den Plan eingeweiht gewesen sein.

Elis beschreibt einen nächtlichen Dialog der Eheleute über das Vorhaben kurz vor der Überlandfahrt. Da der patentierte dreirädrige Motorwagen zwar eine geniale Erfindung war, aber keine Käufer fand, wollte Bertha Benz der Idee der pferdelosen Fortbewegung auf der Straße neuen Schub geben. Ein gefährliches Abenteuer: Noch nie hatte jemand eine so weite Strecke mit einem Automobil zurückgelegt; geeignete Straßen und Schilder gab es nicht. Die Behörden erteilten nur eine eng begrenzte Betriebserlaubnis für die Umgebung. Bei einem Unfall könnte ihr Mann zu seinem Schutz sagen, er habe nichts gewusst.

«Natürlich ist dieser Dialog nicht dokumentiert», sagt Elis zu ihrer Deutung der Geschichte. «Aber ich halte es für absolut unwahrscheinlich, dass Bertha Benz das heimlich gemacht hat.» Elis hat für das Buch zwei Jahre lang recherchiert. Dabei stieß sie auch auf weitgehend unbekannte Zeitungsartikel und Briefe. «Die Lebensgeschichte von Bertha und Carl Benz wurde noch nie erzählt, das hat mich sehr gewundert.» Da aber nicht alles schriftlich festgehalten ist, wählte sie die Form einer Romanbiografie. «Ich versuche, auf Grundlage der Fakten sehr plausibel und möglichst authentisch zu fantasieren.»

Angela Elis hat sich als Moderatorin des ARD-Magazins «Fakt» und der Wissenschaftssendung «nano» auf 3sat einen Namen gemacht. 2005 veröffentlichte sie zusammen mit Michael Jürgs die deutsch-deutsche Abrechnung «Typisch Ossi - Typisch Wessi». Nun beschreibt sie die bewegende Geschichte einer ungewöhnlichen Frau, deren Lebensspanne vom Aufkommen der Eisenbahn im 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg reichte. Zusammen mit ihrem Ehemann erlebte Bertha Benz Aufbruch, bitteres Scheitern und dann die kaum noch geglaubte Verwirklichung ihres Traums.

Eine Erklärung gibt es auch zum Geburtsdatum von Carl Benz. Er wurde am 25. November 1844 geboren, gab aber stets den 26. November an. Elis kommt zum Ergebnis, dass er seinen Geburtstag nachträglich auf einen Dienstag legte, um an den Todestag seines Vaters zu erinnern. Die Autorin lässt Bertha Benz außerdem eine Begegnung ihres Mannes mit dem anderen genialen Autotüftler jener Zeit, Gottlieb Daimler, bestätigen - die es nach der Legende gar nicht gegeben haben soll. Bis der Leser an die zentralen Stellen kommt, muss er sich jedoch durch eine lange Liebes- und Familiengeschichte kämpfen, die mit viel Konjunktiv und recht brav aufgeschrieben ist.

Spannend ist die Beschreibung des Lebens von Bertha Benz in der Nazizeit, in der sie zunächst Adolf Hitler verehrte. Als die Panzer rollten, wandte sie sich ab und starb verbittert - kurz nach dem Tod eines ihrer Enkel an der Front - mit 95 Jahren am 5. Mai 1944 - ein Jahr vor Kriegsende. Die Vision der Motorisierung, für die sie jahrzehntelang kämpfte, wurde missbraucht und richtete sich zuletzt gegen sie.

Angela Elis

Mein Traum ist länger als die Nacht.

Wie Bertha Benz ihren Mann zu Weltruhm fuhr

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

320 Seiten, Euro 21,00

© 2010 dpa - Deutsche Presse-Agentur

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