Gesellschaft


73-Jährige tritt beim Sahara-Marathon an

Von Lars Nicolaysen 19. Mär 2010, 11:35

Noriko Iida st nicht zu stoppen. Mal läuft sie, mal marschiert sie im Power-Walking-Stil. Überall, jederzeit.  © DPA

Noriko Iida st nicht zu stoppen. Mal läuft sie, mal marschiert sie im Power-Walking-Stil. Überall, jederzeit. © DPA

Tokio - Die Frau ist nicht zu stoppen. Mal läuft sie, mal marschiert sie im Power-Walking-Stil. Überall, jederzeit. Zum Einkaufen, zum Bahnhof, Treppen hoch, Treppen runter, mal 10 Kilometer, mal 50, mal 100 Kilometer.

Auf Straßen, über Brücken, Hügel hoch und runter, auf dem Rücken ein fünf Kilogramm schwerer Rucksack. Vorbei an Häusern, Geschäften, Reisfeldern - und durch die Wüste. 245 Kilometer durch die Sahara, in sieben Tagen, einer der härtesten Marathons der Welt. Im April wird Noriko Iida zum 3. Mal antreten. Nach einem ersten Versuch 2008 erreichte sie im Folgejahr das Ziel - als damals älteste Teilnehmerin der Welt. Iida ist 73.

«Früher hatte ich keine Zeit zum Sport», erinnert sich die einstige Lehrerin, die mit ihrer gebräunten glatten Haut und ihren strahlenden Augen viel jünger wirkt als sie ist. Sie war bereits 49 Jahre alt, als sie überhaupt das erste Mal begann, zu Laufen. Eine junge Kollegin hatte sie eines Tages gefragt, ob sie nicht Lust hätte, an einem Marathon teilzunehmen. Sie ließ sich überreden und rannte irgendwann einfach los. Acht Kilometer. Das war der Beginn.

Japaner haben nicht nur die höchste Lebenserwartung der Welt (Frauen 86, Männer 79), sie bleiben auch im Alter fit und gesund wie kaum eine andere Nation. Frau Iida ist nur ein Extrembeispiel für diesen Trend. Gleichzeitig vergreist Japan im Rekordtempo. Rund 40 000 Japaner sind 100 Jahre oder älter. In 20 Jahren wird rund ein Drittel der Bevölkerung über 65 sein, denn die Geburtenrate gehört zugleich zu den niedrigsten der Welt. In der Regierung schrillen die Alarmglocken, die Sozialsysteme stehen vor einer enormen Belastung.

Eine Lösung für die Probleme der Überalterung könnten die Alten selbst sein. Nicht nur wollen viele weiter arbeiten und sich für die Gesellschaft engagieren. Indem sie sich so lang wie möglich fit halten, entlasten sie auch das Gesundheitssystem. «Klar wird man mit dem Alter schwächer, aber wenn man nichts dagegen tut, wird man nur noch schwächer». Daher sollten sich Alte auch nicht verwöhnen lassen, sagt Iida. Auch wolle sie Jüngeren nicht zur Last fallen. «Ich möchte auf meinen eigenen Füßen stehen und mit meinem eigenen Kopf denken, solange ich lebe». Iida geht so gut wie jeden Tag ins Fitness-Center.

Beim Power-Walking schnallt sie sich Gewichte um die Gelenke oder trainiert in ihrem Wohnzimmer in der Tokioter Nachbarstadt Shiki mit zusammengeknoteten Nylon-Strumpfhosen, die sie mit den Knien auseinander presst. «Sie lebt fürs Laufen», sagt ihr 77 Jahre alter ebenfalls fitter Ehemann, der sie oft auf dem Fahrrad begleitet. Als sie noch Lehrerin war, lief sie dreimal die Woche eineinhalb Stunden zur Arbeit. Dann wurden die Distanzen immer länger; irgendwann folgte der erste Marathon, mit 55 Jahren das erste 100-Kilometer-Wettrennen.

«Meine Beine taten weh. Aber die Freude, das überwunden zu haben, war unbeschreiblich», erinnert sich Iida. «Ich lief wie blöde, sogar 500 Kilometer im Monat». Doch der Körper forderte Tribut, ihre Muskulatur entzündete sich. Im Alter von 67 brach sie sich den Knöchel. Als der Gips ab war, lief sie wieder Marathon. «Es ist unheimlich, welche Kraft zur Heilung der Körper hat», sagt sie. Um sich zu abzuhärten, lebt sie bewusst karg, «etwa wie in den Jahren nach dem Krieg». Sie ernährt sich schlicht, nimmt nie Rolltreppen oder Fahrstühle, ein Auto sowieso nicht. Der Alltag als Training.

Es sei wichtig, nach einem Ziel zu streben, sagt Iida. Und ihr Ziel ist die Sahara. Als sie 70 wurde, brachte eine Schwimmlehrerin sie auf die Idee, an dem Marathon durch die Wüste teilzunehmen. Beim ersten Mal musste sie abbrechen. «Ich hatte das auf die zu leichte Schulter genommen». Beim nächsten Mal war sie besser gegen die mörderische Hitze am Tage vorbereitet. Um Zeit zu gewinnen, lief sie beim letzten Mal auch eine Nacht durch, wenn die Temperaturen in der Wüste rapide fallen. «Ich lief los, während andere noch schliefen».

Es war stockfinster, nur ihre Stirnlampe warf ein wenig Licht. Es war stürmisch. Schnell wird es gefährlich, denn der Wind verwischt die Fußstapfen der vorangelaufenen Läufer. Plötzlich stieß Iida auf eine Gruppe Deutscher, drei Männer und eine Frau. Noch heute ist sie den Deutschen dankbar, dass sie sich damals in der stockfinsteren Nacht ihnen anschließen durfte. «Ohne sie hätte ich den Weg verloren», erinnert sich die Seniorin. Am Ende musste der Lauf auf gut 200 Kilometer verkürzt werden, erzählt Iida, da heftige Regenfälle den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung machte.

© 2010 dpa - Deutsche Presse-Agentur

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