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Hermann Kant verteidigt sich

29. Mär 2010, 09:44

Der Schriftsteller Hermann Kant wehrt sich weiterhin nachdrücklich dagegen, als «Stasi-Spitzel» bezeichnet zu werden. © DPA

Der Schriftsteller Hermann Kant wehrt sich weiterhin nachdrücklich dagegen, als «Stasi-Spitzel» bezeichnet zu werden. © DPA

Berlin - Der Schriftsteller Hermann Kant («Die Aula, «Der Aufenthalt») wehrt sich weiterhin nachdrücklich dagegen, als «Stasi-Spitzel» bezeichnet zu werden. In einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa verteidigt der frühere Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes aber seine kulturpolitische Haltung in der DDR.

Die DDR-Literatur sei auch «kein Druckfehler» gewesen, meint der heute in Mecklenburg lebende 83-jährige Schriftsteller. Allerdings sei die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 ein Fehler gewesen.

Teilen Sie die Auffassung von Nobelpreisträger Günter Grass, dass man Deutschland zwar in politisch, wirtschaftlich und militärisch unterschiedliche Staaten teilen konnte, aber niemals die deutsche Kulturnation?

Kant: «Ich hielt und halte die Vorstellung, die Günter Grass von einer alle politische Realität überwölbenden Kulturnation hegt, für liebenswert, aber wirklichkeitsfremd. Er hatte 1985 beim KSZE-Kulturforum in Budapest vorgeschlagen, die Teilnehmerstaaten sollten eine unabhängige Kultureinrichtung (mit Fernsehen, Funk und Presse) stiften, und ich habe nicht nur (auch ihm gegenüber) meine Zweifel angemeldet, sondern auch ein kleines Buch ('Die Summe') dazu geschrieben.»

Entwickelten sich durch die Teilung auch zwei deutsche Kultursprachen?

Kant: «Von 'zwei deutschen Kultursprachen' weiß ich nichts, von zwei Kulturbegriffen schon. Freilich konnte es passieren, dass im Roman 'Das Impressum' aus 'O, Auswerters Leiden!' (bei Rütten & Loening, Ost, wo man das Wort Auswerter kannte) ein 'O, aus Werthers Leiden!' wurde bei Luchterhand, West, wo man eher Werthers Leiden kannte. Aber das hatte mit Kulturpersonen, etwa Lektorinnen, zu tun. Aber generell: Die DDR-Literatur war kein 'Druckfehler', sondern ein Abdruck anderer Verhältnisse. Kennen Sie ein besseres Beispiel als 'Die Aula' dafür?»

Welchen Stellenwert hatte die Literatur in der DDR?

Kant: «In der DDR wurde die Wirkung von Literatur überschätzt, in der BRD wurde diese Wirkung unterschätzt. 'Die Blechtrommel' entsprach nicht den politischen, moralischen, literarischen, pädagogischen usw. Vorstellungen der für die Drucklegungen Zuständigen. Sie widersprach denen sogar, also gab man anderen Büchern den Vorzug. Es bedurfte langer Einreden (übrigens auch des ursprünglichen 'Blechtrommel'-Kritikers Kant) das zu ändern.

Haben Sie sich tatsächlich an vorher «festgelegte Diskussionsbeiträge» bei Schriftstellertreffen gehalten, wie es in einer Notiz in einer Stasi-Akte über eine Veranstaltung in Den Haag heißt?

Kant: «Das ist nicht die erste oder letzte der Lügen, die zu gewissen Zeiten in den Papieren stehen, aber eine besonders faustdicke ist sie schon. In der Tat nahm Kurt Hager (SED-Kulturfunktionär) bei Gelegenheiten seinen Part, der zur 'führenden Rolle der Partei' gehörte, durch vorgeschaltete Beratungen wahr. In summa lief es auf den Hinweis hinaus, dass man sich vor den Machinationen (Machenschaften, Winkelzügen) des Imperialismus in Acht nehmen müsse...Wenn es jemand verwundert, dass ich Kongressreden nicht als Privatveranstaltungen behandelte, ist Verwunderung auch auf meiner Seite, denn dann wird vergessen, wie der Staat beschaffen war.»

Bleibt es auch dabei, dass Sie sich nie als ein IM (Inoffizieller Mitarbeiter) der Stasi gesehen haben?

Kant: «Natürlich bleibt es dabei. Ich habe Kürzel wie KP (Kontaktperson), GI (Geheimer Informant) oder IM (Inoffizieller Mitarbeiter) nicht einmal gehört. Nie hat sich jemand als mein «Führungsoffizier» zu bezeichnen gewagt, und entgegen den Behauptungen der Berichte (in den Stasi-Akten) wurde wohlweislich nie versucht, mir einen 'Auftrag' zu erteilen. Weshalb ich auch keinen erfüllt haben kann. Schon bei dem Wort 'Informator' wäre ich zurückgescheut.

Ich habe mit Leuten des Ministeriums für Staatssicherheit gesprochen, weil es albern gewesen wäre, ganz für die DDR zu sein, aber nicht mit deren Sicherheitsministerium zu reden. Aber wer auch weiß, was mir der Status eines 'Freischaffenden' in der DDR bedeutete, sollte ahnen können, wie sehr ich meine Unabhängigkeit hütete. Ob es nun 'Amtspflichten' bestimmter Leute zur Auskunft gab, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, weil mir niemand damit gekommen ist. Ich nehme an, für hauptamtliche Leiter verstand sich das ähnlich von selbst, wie es für mich als den langjährigen SED-Parteisekretär kein Problem damit gab.»

Ist die Stasi auch an ihrem eigenen Übereifer und an ihrer an Realsatire grenzenden kafkaesken Sammelwut für Kleinkram erstickt?

Kant: «Da ich von dem Kram nur kenne, was der Herr Gauck dem Herrn Corino und die Frau Birthler dem Herrn Schlüter zur Verwertung übergeben haben, bin ich auf Vermutungen angewiesen. Und leiste mir die Ansicht, dass es - zu meinem anhaltenden Bedauern, wohlgemerkt - mit der DDR auch deshalb nichts wurde, weil ihre Kronenwächter dem Heer wirklicher Feinde ganze Heerscharen erdachter Widersacher hinzugefügt haben. In meinem ersten Roman, 'Die Aula', sagt der Parteisekretär Haiduck ganz im Sinne meines letzten Romans, der 'Kennung' heißt: 'Misstrauen schießt auf Gespenster. Das ist Munitionsvergeudung, und die ist strafbar.'»

Ihnen wird noch heute Ihre Haltung als Präsident des DDR-Schriftstellerverbands 1979 beim Ausschluss von Kollegen wie Stefan Heym, Jureck Becker und Erich Loest, die gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatten, vorgeworfen. Hätten Sie sich rückblickend gesehen auch anders verhalten können?

Kant: «Ich wollte den Verband als das erhalten, was er nicht zuletzt durch meinen Einfluss geworden war. Ich wollte nicht alles zerschlagen lassen. Ich habe dem Verband - bei großen Verlusten - zehn weitere Jahre gerettet. Keine Kleinigkeit für seine Mitglieder - ob sie nun in Publikationsfragen einen Fürsprecher brauchten oder in Rentenfragen ihre Entgeltpunkte zählten. Im übrigen habe ich mich für die Publikationsmöglichkeiten von Biermann-Anhängern auch mit den Worten eingesetzt: «Diese Leute wurden aus dem Verband ausgeschlossen, nicht aus der Literatur!» Auch habe ich die Biermann-Ausbürgerung nicht mitgetragen. Nicht aus Sympathie für Biermann, sondern weil ich wusste, was alles damit zu Ende ging. Selbst ein Jurek Becker hat meine Stellungnahme im SED-Zentralorgan 'Neues Deutschland' zum Beleg dafür zitiert, dass ich gegen die Ausbürgerung Biermanns war.»

Manche Leute haben Sie im Westen auch einen «Gründgens der DDR» genannt, anspielend auf seine Rolle und damit die des Künstlers in der Nazi-Zeit. Was sagen Sie zu einem solchen Vergleich?

© 2010 dpa - Deutsche Presse-Agentur

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