Film Star Portrait


Fabian Hinrichs - 'Ich eigne mich nicht für Rosamunde Pilcher'

Fabian Hinrichs spielt neben Christian Ulmen die Hauptrolle in 'Hochzeitspolka' (Start: 30.09.)

Von Claudia Nitsche 24. Sep 2010, 12:39

Der Mann für schräge Typen. Fabian Hinrichs spielt oft unberechenbare Charaktere, wie zuletzt in 'Schwerkraft' oder auch jetzt in Lars Jessens 'Hochzeitspolka'. © Farbfilm

Der Mann für schräge Typen. Fabian Hinrichs spielt oft unberechenbare Charaktere, wie zuletzt in 'Schwerkraft' oder auch jetzt in Lars Jessens 'Hochzeitspolka'. © Farbfilm

Er beschreibt nur, er jammert nicht, darauf legt Fabian Hinrichs Wert, und deshalb betont er es immer wieder im Gespräch. Das ist gut zu wissen, denn seine Gedanken über die Filmindustrie, die Rundfunkgebühren und Fußballfans gehen in die Tiefe, sind lang und dezidiert. Hinrichs war zu Jahresbeginn der verrückte Banker in 'Schwerkraft', derzeit sieht man ihn als ziemlich gemeinen Kumpel von Christian Ulmen in 'Hochzeitspolka' (Start: 30.09.). Der gebürtige Hamburger ist der Mann für unberechenbare Charaktere.

Keiner, der ruhig bleibt: Fabian Hinrichs brodelt, vor allem aber explodiert er schnell in seinen Rollen. Auch als Mensch kennt er das mit dem Brodeln. © Farbfilm

Keiner, der ruhig bleibt: Fabian Hinrichs brodelt, vor allem aber explodiert er schnell in seinen Rollen. Auch als Mensch kennt er das mit dem Brodeln. © Farbfilm

Er nennt sich selbst einen 'Grapscher' und erklärt bei einer Cola light an einem Spätsommertag am Berliner Landwehrkanal, wie er das meint.

Zunächst mal kommt er zu spät. Wegen seines gebrochenen Armes war er noch beim Arzt, wie er sagt. Sieht inzwischen wieder ganz gut aus. Der 36-Jährige hatte sich bei seiner Theaterpremiere an der Volksbühne verletzt. 'Erst hat es gar nicht so wehgetan, doch als ich nachts dann nicht mehr aus meinem Hemd kam, ging ich ins Krankenhaus.' Es war ein glatter Bruch. Glück gehabt. 'Ich hatte das Hausfrauenwissen: Wenn es wehtut, ist es eine Prellung', das allerdings war ein Irrtum.

Deutliche Worte sind die Spezialität von Fabian Hinrichs (rechts, mit Christian Ulmen), ob es um seinen Job geht oder um weinende Fußballfans. © X-Verleih

Deutliche Worte sind die Spezialität von Fabian Hinrichs (rechts, mit Christian Ulmen), ob es um seinen Job geht oder um weinende Fußballfans. © X-Verleih

Hinrichs, groß gewachsen, kantiges Kinn, offensichtlich nicht versessen darauf, hip zu wirken, ist ein genauer Beobachter: 'Im Warteraum des Krankenhauses lief nachts um vier in wahnsinniger Lautstärke 'Sturm der Liebe', obwohl da keiner war, außer einem älteren türkischen Mann und mir. Ich habe versucht, hochzuklettern und das leiser zu machen.' Klingt nach Party.

Auch die 'Hochzeitspolka' schien - rund um den deutsch-polnischen Konflikt der Komödie - ein einziges feucht-fröhliches Fest gewesen zu sein. 'Die Hochzeitsfeier haben wir zwar in Köln gedreht, aber ausschließlich mit Polen. Was haben die gefeiert!

Bei den Dreharbeiten zu Hochzeitspolka stellte Fabian Hinrichs (rechts, mit Lucas Gregorowicz und Christian Ulmen) fest, dass einige Weisheiten über die polnischen Nachbarn stimmen: Es gibt dort die sprichwörtliche Herzlichkeit und einen sehr warmen Umgang miteinander. © X-Verleih

Bei den Dreharbeiten zu 'Hochzeitspolka' stellte Fabian Hinrichs (rechts, mit Lucas Gregorowicz und Christian Ulmen) fest, dass einige Weisheiten über die polnischen Nachbarn stimmen: Es gibt dort die sprichwörtliche Herzlichkeit und einen sehr warmen Umgang miteinander.' © X-Verleih

Die vielen notwendigen Wiederholungen wären meiner Meinung nach mit deutschen Komparsen nicht möglich gewesen. Meine Erfahrungen bei den Dreharbeiten decken sich mit meinen Erlebnissen zuvor: Ja, es wird tatsächlich viel getrunken. Wodka, aber auch sehr viel Bier.'

Hinrichs stößt mit dem Glas Cola light auf seine Aussage an. Er hat von einer Studie gelesen, die ein generelles Alkoholverbot fordert: 'Finde ich übrigens gut, Rauchverbot gibt es ja auch. Mancher lebt da vielleicht eine Klischeevorstellung nach. Die kulturelle Verankerung von Alkoholkonsum finde ich immer problematisch. Denn dumpf wird man trotzdem irgendwann.

Der 36-jährige Schauspieler Fabian Hinrichs ist kein Freund von Alkohol. Rauchverbot gibt es schließlich auch. © Farbfilm

Der 36-jährige Schauspieler Fabian Hinrichs ist kein Freund von Alkohol. 'Rauchverbot gibt es schließlich auch.' © Farbfilm

Ich hatte ein Zimmer neben polnischen Komparsen, die am nächsten Tag frei hatten. Als ich nachts öfter devot klopfte, war die Reaktion wie im Film 'Du Nazisau'. Das war natürlich die Ausnahme. Es gab am Set andere Polen, die gar nicht tranken.'

Daneben bewahrheiteten sich auch erfreuliche Redensarten: 'Es gibt dort die sprichwörtliche Herzlichkeit und einen sehr warmen Umgang miteinander. Es stimmt wohl, was ich neulich gelesen habe: In Gesellschaften, die nicht so ein hohes Bruttosozialprodukt haben, sind Menschen auf einen anderen Austausch angewiesen, das Lachen eines anderen zum Beispiel, das man bekommt, wenn man selbst lächelt.

Außerdem fasst man sich häufiger an, wenn man miteinander spricht. Ich bin ja auch so ein Grapscher.'

Das ist ungewöhnlich für einen gebürtigen Hamburger. 'Stimmt schon', sagt er. 'Aber auch dort gibt es Leute, die das durchbrechen wollen. Meine Freunde mögen das Verstockte überhaupt nicht, sind herzliche Menschen.' Herzliche Menschen, die allerdings bei einem Thema keinen Spaß verstehen. Hinrichs macht einen kurzen Ausflug zu den Bundesliga-Nachmittagen: 'Meine Prägung ist der HSV, ich habe mich aber in Richtung Bremen kultiviert. Es ist paradox, beide zu mögen, das darf ich auch nicht zu laut sagen. Ich kam samstags mal zum Fußballtreff im HSV-Trikot. Da hörte für einige Werder-Fans der Spaß auf. Ich finde das albern, sich zu verfeinden, aber was soll ich sagen: Brot und Spiele. Da weinen Männer, wenn Schalke kein Meister wird, und ich frage mich: Würden sie das auch tun, wenn ihnen ihre Frau sagt, sie geht? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht ist Fußball das Irrationale, was sonst fehlt.'

Hinrichs spielte letztes Jahr in einem Fußballfilm mit. Er war ein brutaler Hooligan im exzellenten '66/67', wusste nicht, wohin mit seinen Aggressionen. Wie in 'Hochzeitspolka', wo er seine Unzufriedenheit schamlos an Christian Ulmen und anderen Unschuldigen auslässt. Herausbrechende Wut und Unberechenbarkeit ziehen sich durch seine Rollen. 'Das ist ein Thema bei den Dreißigjährigen, die ich spiele. Vielleicht liegt mir das. Es ist aber auch der Versuch der Regisseure, solche Figuren zu erfinden und damit aus der allgemeinen Mittelmäßigkeit auszubrechen, besonders in Deutschland.'

Nun kommt er zu dem Thema, das er beschreibt, nicht bejammert: seine berufliche Situation. 'Es ist ja auch die Frage, welche Filme überhaupt gedreht werden, und ich eigne mich nicht für Rosamunde Pilcher. Für mich gibt es in Deutschland wenig Möglichkeiten. 'Schwerkraft' oder '66/67' sind Filme, da gehen zehn Leute rein. Das war mir vorher klar, trotzdem werde ich sie immer wieder machen. Vielleicht ist es ein Weg, die guten Kinofilme im Fernsehen zu zeigen, wie es Dominik Graf macht.' Der sei dann das 'Feigenblatt' für die GEZ-Gebühren. 'Wofür sind die?', fragt Hinrichs: 'Für Florian Silbereisen - und 'Das kleine Fernsehspiel' läuft um 23 Uhr? Gebühr oder Quote, das ist meine Meinung.' Er spinnt den Gedanken weiter: 'Es gibt keine Filmindustrie in Deutschland, noch nicht oder vielleicht wird es sie nie geben. Ohne gut gehende Industrie fällt nichts ab für interessante Sachen. Ich will nicht jammern, nehme aber zur Kenntnis, dass es kaum gute Popmusik aus Deutschland gibt und ebenso wenig gute Filme. Aber die Leute möchten das auch nicht. Genrefilme, das sagt jeder Produzent, funktionieren nicht. Ich beschreibe Sachen, die sich ändern müssten.'

Bisher sieht die Realität so aus: 'Nur Film würde gar nicht gehen, wenn ich ein gewisses Niveau halten wollte. Kein deutscher Schauspieler kann das, auch kein Daniel Brühl oder Moritz Bleibtreu. Wer ehrlich ist, gibt das zu. In einem florierenden Filmland wäre das anders. Ich sage das nicht empört, und ich gehe damit ganz gut um.'

Das Theater stellt für ihn seit jeher ein Stück Freiheit dar: 'Es ist die abstraktere Kunst, und nach Kinoproduktionen freue ich mich auf die enge Zusammenarbeit mit Leuten am Theater. Ich werde bald mit Studio Braun am Schauspielhaus arbeiten. Die Truppe um Heinz Strunk und Rocko Schamoni ist sehr witzig, für mich stehen die auf einer Stufe mit Monty Python. Ich spiele Mathias Rust.' Den Piloten, der Ende der Achtziger auf dem Roten Platz in Moskau landete? 'Ja', strahlt Hinrichs, 'Man vermutet, er lebt jetzt tatsächlich in Berlin.'

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