Musik Star Portrait
Adoro - 'Tenöre sind eh alle gleich'
veröffentlichen ihr neues Album 'Glück'
Von Claudia Nitsche 22. Dez 2010, 12:10

Fünf ausgebildete Opernsänger singen Popsongs: Adoro sind momentan mit ihrem dritten Album 'Glück' erfolgreich. © Ben Wolf / Universal
Seit zwei Jahren beweisen fünf Sänger, dass Operngesang und Popmusik zusammenpassen. Ihr aktuelles Album 'Glück' ist bereits das dritte Album der Formation Adoro, die Musikproduzent Andy Lutschounig 2007 durch ein Casting ins Leben rief. Kurz vor der Albumveröffentlichung steht die nicht ganz junge Boygroup vor diversen Kameras. In weißen Anzügen und polierten Schuhen wenden sie sich ihnen mit theatralischen Gesten zu: Sie drehen die Videos zu ihren neuen Singles.

Im fliegenden Wechsel nutzten Peter Dasch (Bassbariton), Laszlo Maleczky (Tenor), Nico Müller, Jandy Ganguly (beide Bariton) und Assaf Kacholi (lyrischer Tenor) die Pausen fürs Interview und sprachen über die Auswahl ihrer Songs, ihre Schuhe und warum Klassik die Menschen anders berührt als Popmusik.
teleschau: So glänzende Schuhe sieht man selten. Polieren Sie die selbst?
Laszlo Maleczky: An Tagen, an denen es darauf ankommt, wie heute zum Videodreh, haben wir jemanden, der uns hilft.
Nico Müller: Sonst kümmern wir uns aber selbst darum, haben jeder unser eigenes Köfferchen dabei ...

teleschau: Stecken in Menschen mit schönen Stimmen immer Charaktere mit Sinn für Schönes?
Peter Dasch: Es gibt Tage, an denen die Leute mich nicht erkennen würden (lacht). Aber generell würde ich mich schon als jemanden bezeichnen, dem Ästhetik wichtig ist, egal, ob es um Kleidung oder die Einrichtung geht. Ich umgebe mich gerne mit schönen Dingen. Aber Anzug muss nicht jeden Tag sein ...
Assaf Kacholi: Das was wir machen, nennt sich 'der schöne Gesang', Belcanto auf Pop. Dazu passt eben ein stilvolles Auftreten.
Dasch: Einen Liederabend werde ich nicht in Jeans bestreiten.
Aber ich finde das auch völlig in Ordnung, dieses Denken mal zu brechen. Viele Fotos unseres neuen Albums sind leger, ich hätte fast gesagt: cool. Auch wenn es in der Vergangenheit große Diven wie die Callas gegeben hat, ist sicher erst in den letzten sieben, acht Jahren durch eine andere Art der Vermarktung der Popstar in der Klassik entstanden. Es ist neu, dass es so um Äußerlichkeiten geht: Paradebeispiel dafür ist Anna Netrebko.
teleschau: Dann lassen Sie uns über weniger Augenfälliges reden: Was bedeutet Glück für Sie?
Kacholi: Für mich bedeutet es schon Glück, mein Talent zum Beruf gemacht zu haben. Das klappte bei mir immer irgendwie, seit ich meinen Abschluss an der Musikakademie in Tel Aviv gemacht habe. Bis auf das Wetter macht mich jetzt Berlin auch sehr glücklich.
Müller: Das Genialste an diesem Job ist, mit der Stimme, die man entwickelt hat, auf die Bühne zu gehen und zu bestehen. Vor bis zu 100 Musikern ohne Mikrofon zu singen, ist ein Wahnsinn. Es ist verrückt, dass dabei etwas zu hören ist! Neu ist für mich jetzt, in einem Raum ohne Akustik Aufnahmen zu machen. Da denkst du zunächst, dass dir gleich die Stimme wegbleibt. Man hört sich nicht wie auf der Bühne. Nebengeräusche werden rausgenommen. Da fehlte uns die Live-Atmosphäre. Aber das war nur eine Frage der Gewöhnung, und wenn wir auf Tour sind, vor 3.000 Leuten singen und die Energie spüren, die da zurückkommt, das ist Gänsehaut pur.
teleschau: Zwei Adoro-Mitglieder kommen aus Berlin, eines aus Dresden. Laszlo Maleczky ist Österreicher und Assaf Kacholi stammt aus Tel Aviv. Wie kommen Sie zusammen, wenn Arbeit ansteht?
Jandy Ganguly: Wir haben mittlerweile alle eine Wohnung in Berlin, wobei Peter Dasch und ich ohnehin Berliner sind. Hier ist unsere Basis für Adoro.
teleschau: Wer bestimmte die Songauswahl für das dritte Album?
Dasch: Auch wenn unser Produzent letztlich entscheidet, dürfen wir unseren Senf dazugeben. Ich finde, dass Pur, eine Band mit guten Texten und Melodien, längst mal fällig waren. Jetzt haben wir sie mit 'Geweint vor Glück' auf dem neuen Album.
teleschau: Nach 'Liebe ist' auf dem zweiten Album, interpretieren Sie nun 'Leuchtturm'. Wer von Ihnen ist der Nena-Fan?
Kacholi: Das sind wir alle. Wir haben Nena auch schon getroffen ...
Dasch: Sie ist eine Ikone.
teleschau: 'Geboren um zu leben' von Unheilig ist der ungewöhnlichste Titel des neuen Albums.
Dasch: Finde ich auch, es ist ein schwerer Text, ein ernstes Lied. 'Geboren um zu leben' ist ein sehr persönlicher Song des Grafen, dem unsere Version auch sehr gut gefiel.
Kacholi: Und warum nicht? Nach zwei Alben trauen wir uns auch mehr, sind mutiger geworden, beschäftigen uns nicht nur mit dem Schönen und Leichten.
teleschau: Außerdem wurden englischsprachige Klassiker wie 'Wind Of Change' oder 'Heroes' von David Bowie ins Deutsche übersetzt. Treffen Sie den richtigen Ton?
Dasch: Das war gewöhnungsbedürftig, weil man den Text überträgt. Aber ich finde, das wurde Zeit - heute drehen wir gerade das Video zu 'Halt mich fest', der deutschen Version von a-has 'Take On Me'.
teleschau: Was würden Sie machen, wenn Sie nicht als Adoro auftreten würden?
Müller: Ich wäre wohl noch in Dresden, wo ich an der Staatsoperette gesungen habe. Außerdem war ich in Chemnitz an der Oper. Ich unterrichte auch sehr gerne als Gesangsdozent.
teleschau: Fällt das jetzt weg?
Müller: Ich musste einige Angebote ausschlagen, ja. Aber ich unterrichte in Bayern und in Dresden noch ein bisschen, hier und da kann ich kleinere Produktionen annehmen. Aber es ist schwer, alles unter einen Hut zu bringen.
Dasch: Da ich frisch von der Hochschule kam, war ich in alle Richtungen offen. Das Spannende als Sänger ist, dass man nicht weiß, wie die nächsten Jahre aussehen (lacht). Ich kann nicht genau sagen, wo es mich hin verschlagen hätte, das hat viel mit Glück zu tun.
teleschau: Das Ungewisse macht für Sie den Reiz aus?
Dasch: Das tut es, macht aber auch manchmal ein wenig Angst. Aber im Moment geht es uns allen sehr gut und wir sind zuversichtlich. Opernproduktionen sind sehr zeitaufwendig, dafür braucht man zu lange Proben. Aber Konzerte kann man immer mal einschieben.
teleschau: Warum berührt Klassik die Menschen anders als Popmusik?
Dasch: Zwar gehen die Leute wenig in die Oper, leider, aber am Gesang liegt das nicht. Der kommt gut an. Den klassischen Stimmen haftet an, dass sie ganz besonders ausgebildet sind, wenngleich natürlich auch jeder Popsänger gecoacht wird.
Müller: Der Respekt vor der Klassik ist höher als vor einem Song, der im Radio nebenbei läuft. Man meint, sich bewusster damit beschäftigen zu wollen. Man kann mit klassischer Musik sehr intensiv Schicksalsschläge verarbeiten.
teleschau: Aber Sie als ausgebildete Klassik-Sänger arbeiten nun ja eher als Unterhaltungskünstler ...
Dasch: Ich bin eigentlich ein Klassik-Purist. Aber wir waren am Anfang alle relativ skeptisch, was die Ausschreibung zu Adoro anging. Ich dachte schon, dass die Melange aus Pop und Klassik geschmacklich und inhaltlich schwierig werden könnte. Aber als ich die ersten Aufnahmen hörte, konnte ich alle Bedenken über Bord werfen. Purismus führt zu großer Kunst. Aber Popmusik war immer Teil meines Lebens.
Müller: Ich habe auch schon von Opernkollegen gehört, dass ich jetzt ja leichtere Musik mache. Aber wenn ich ihnen die Noten hinlege, verstummen sie. Wenn wir dann zusammenarbeiten, ist ohnehin wieder Zurückhaltung ihrerseits angesagt, wenn sie merken, was man singen kann.
Ganguly: Leonard Bernstein hat gesagt, es gibt keine U- und E-Musik, nur gute und schlechte. Für mich zählt nur, ob mich die Musik anspricht.
teleschau: Sie wurden als Team zusammengewürfelt. Wie schnell haben Sie sich zusammengerauft?
Müller: Anfangs war das schon spannend, wir kannten uns ja nicht. Aber so große Angst, mit fremden Leuten auf der Bühne zusammenzuarbeiten, gab es keine.
Maleczky: Man ist es gewohnt, mit Tenor-Kollegen auf der Bühne zu stehen, die man nicht leiden kann.
Müller: Und Tenöre sind eh alle gleich (lacht).
Maleczky: Die müssen immer besonders witzig sein (winkt ab).
Müller: Aber wir hatten Glück, Laszlo hat in mir sogar jemanden gefunden, der seine Witze lustig findet.
Maleczky: Mich erstaunte eher die Verbindung zwischen Berlin und Dresden auf der einen und Wien auf der anderen Seite. Dass das funktioniert, habe ich nicht unbedingt erwartet. Ist ja doch speziell, unser österreichischer Humor. Neulich war ich bei den Kabarettisten Grissemann und Stermann in Berlin und habe als Einziger sehr laut gelacht, während ich bei deutschen Comedians derjenige bin, der nicht lacht - aber das fällt dann nicht so auf.
teleschau: Wie aufregend ist denn das Tourleben?
Müller: Es ist auf jeden Fall kein Rockstar-Leben. Wir wären ja ab und zu gern an die Bar gegangen, aber wir fuhren nach dem Konzert in die nächste Stadt, und dann waren die Bars auch zu. Aber die Stimme würde zwei, drei Abstürze in Folge ohnehin nicht verzeihen.
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