Musik Kritiken
Diddy Dirty Money: Last Train To Paris
Überraschend gut
Von Jochen Overbeck 4. Feb 2011, 17:00

Nachdem Diddy im Herbst 2009 bekannt gab, dass sein Bad Boy-Label und Universal Music/Interscope ab sofort gemeinsame Wege gehen, veröffentlicht Diddy sein sechstes Studioalbum und schreibt damit seine einzigartige Erfolgsgeschichte fort: Last Train To Paris lautet der Titel des Albums, auf dem er sich zusammen mit Dawn Richard von Danity Kane und der Sängerin und Songwriterin Kalenna Harper unter dem neuen Namen Diddy-Dirty Money präsentiert. Der 40-Jährige selbst ...mehr
'Diddy Dirty Money' also. Dabei kann man davon ausgehen, dass das Geld von dem Mann, der eigentlich Sean John Combs heißt, seinen Namen aber so oft wechselt wie andere ihre Winterjacke, sauber ist. Ehrlich verdient und versteuert. Diddy ist nicht nur Musiker, sondern auch Mittelständler. Ein Fleisch gewordenes Familienunternehmen, zu dem eine Plattenfirma ebenso gehört wie eine Klamottenmarke und eine Restaurantkette. Doch ein symbolischer Schulterschluss mit der Halbwelt gehört zum Spiel HipHop natürlich dazu, sodass man Diddy sein etwas albernes Pseudonym gerne nachsieht.
Genauso wie die Tatsache, dass 'Last Train To Paris', so sagt's der Künstler, eine Liebesgeschichte erzählen soll, die sich auf dem europäischen Kontinent abspielt. Wichtiger ist, dass das Album stärker ist, als es die notorisch schwächelnden Vorgänger 'The Saga Continues' (2001) und 'Press Play' (2006) vermuten ließen.
Natürlich liegt das auch an einigen extrem starken Features. Davon bewegt sich eines personell so weit außerhalb der Erwartungen, dass man annehmen darf, dass sich Diddys Produzententeam offenbar für die musikalischen Umsetzung alle Mühe der Welt gab: Für das ultra-tanzbare 'Yeah Yeah You Would' gewann der Rapper die große Grace Jones, die auf einem klöppelnden Beat, flirrenden Synthies und stark verfremdeten E-Gitarren durch den Song reitet und einen starken Gegenpart zu Diddy gibt.
Weitere Höhepunkte auf der Gästeliste: 'Ass On The Floor', das von Swizz Beatz in Szene gesetzt wurde, dem wohl besten Mainstream-R'n'B-Produzenten der Gegenwart und so entspannt anmutet, dass der übermäßige Gebrauch des Wortes 'Motherfucker' erst beim dritten oder vierten Hördurchgang auffällt. Ebenfalls weit vorne: 'Shades', eine breit angelegte Elektro-Rap-Fahrt, der unter anderem Lil' Wayne und Justin Timberlake die nötige Würze geben.
Natürlich ist 'Last Train To Paris' eine Materialschlacht. Ein gutes Dutzend Produzenten und Songwriter wie Dawn Richard und Kalenna, die formell auch als Bandmitglieder fungieren, verpasste dem Album einen Gesamtklang, der auf jede Bescheidenheit verzichtet. Der zuletzt allzu oft zitierte Eurodance bleibt glücklicherweise größtenteils draußen, auch auf überbordenden Einsatz der Stimmverfremdungssoftware Autotune verzichtete man. Stattdessen wird der Funk der 70er- und 80er-Jahre zurückgeholt, dazu üppiger Pop und Chicago House sowie Italo-Disco. In 'Someone To Love You' findet sich sogar ein - hervorragend gesetztes - Sample der 60er-Girlgroup Sweet Inspirations.
All das verbindet sich zu einem Gesamtklang, der wie ein Soundtrack daherkommt, an Regenwetter, schummrige Bars und menschenleere Bahnhöfe in der Nacht erinnert. Aber Diddy kratzt immer die Kurve - auch weil Dawn Richard und Kalenna erheblichen Vokaleinsatz zeigen. Wohl das geschlossenste und spannendste Album in der bisherigen Laufbahn des New Yorkers.© 2011 teleschau - der mediendienstP. Diddy - Der kleiner Junge und das große Geld
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